Danke für nichts

Die Helikoptermutter Sich über Mütter lustig zu machen, ist billig, findet unsere Kolumnistin
Danke für nichts
Don't judge a book by its cover. Helikoptermutter mit Tochter

Foto: Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Es war ein anregender Abend, an dessen Ende O. zum Abschied sagte: „Du bist ja gar keine klassische Helikoptermutter.“ Danke schön auch für gar nichts. Ich hasse derlei „Lob“ in dieser Frage. Kann ich nur sagen: Selber Elche. Leute wie O. sagen ja auch „Herdprämie“ und halten Kinder für mäßig interessante Menschen. Sie fühlen sich dabei auf der sicheren Seite. Aber das habe ich ihm nicht gesagt. Ich habe ihm auch nicht gesagt:

Weißt du, was, „Du bist ja gar keine klassische Helikoptermutter“ klingt wie „Für eine Blondine bist du gar nicht so dusselig“. Noch so eine Pirouette, und ich lege dir das als Sexismus aus. Gehörst du vielleicht auch zu diesen Leuten, die in ihrer WhatsApp-Gruppe humorige Videos rumgehen lassen? Videos, die daran erinnern sollen, wie frei und unbeschwert die Kindheit früher war, bevor die SUVs anrollten? Da sitzt dann ein Kind mit Kinderschokolade-Gesicht am Tisch und spielt mit einem Mann (der leibliche Vater) „Mensch ärgere dich nicht“. Da fährt ein Junge mit Zahnlücke ohne TÜV-geprüften Helm, später sitzt er in einem klapprigen Auto ohne Gurt, am Steuer die (leibliche) Mama mit Zigarette. Vielleicht hört sie gerade France Gall, seufzt Sabine aus der WhatsApp-Gruppe. Diese Sabine hat eine Tochter, die schon 18 ist, sie ärgert sich ein bisschen, dass es heutzutage Elterngeld gibt, und: die Herdprämie. Sabine findet das Betreuungsgeld nicht nur familienpolitisch unklug (womit sie meinetwegen recht hat), sie sagt „Herdprämie“, was eben auch etwas aussagt über Sabine. Als Kinder durften wir allein nach draußen zum Spielen, schreiben sich die Uwes auf WhatsApp, kein Helikopter nirgends. Wenn’s dunkel war, gingen wir wieder nach Hause und waren total dreckig. Manche von den Uwes haben einen Hund, den sie wie ein Kind behandeln.

Lieber O., wenn ich eine Helikoptermutter bin, bist du ein Helikoptermann. Von der schlimmsten Sorte. Fährst dein Fahrrad nur mit Helm und integriertem Licht und gelber Warnweste. Für den Superhelm habt ihr euch (in eurer WhatsApp-Gruppe) einen Vormittag lang ausgetauscht. Es sollte der beste Helm mit Licht zum besten Preis sein. Aber geschenkt. Ich sage dir, was mich zur Helikoptermutter macht. Zur sogenannten Helikoptermutter. Die Berliner Schullandschaft zum Beispiel. Viele der Schulreformen der letzten Jahre waren großer Quatsch, die Schulpflicht für Kinder ab fünf Jahren zum Beispiel war ein schlimmer großer Quatsch. Erst hartnäckiger Elternprotest führte dazu, dass die Reform wieder zurückgenommen wurde.

Sich über Mütter lustig zu machen, ist so billig. Und so unpolitisch. Ich will aber auch nicht über Lehrer schimpfen. Das tun Helikoptermütter angeblich am liebsten. Und stehen mit einen Fuß immer schon im Türrahmen vom Klassenzimmer, weil schnell noch etwas „geklärt“ werden muss. Nein, ich liebe Lehrer! Anke Engelke spielt eine Paraderolle als Mutter im Film Frau Müller muss weg!. Dort wird die Klassenlehrerin von Eltern gemobbt, weil ihr Kind keine Empfehlung fürs Gymnasium kriegt. Natürlich fasst man sich hier an die Nase. Aber überehrgeizige Eltern sind wirklich nicht das Hauptproblem in Berlin. Es gibt zu wenige Schulplätze, man braucht schon für eine gute Kiez-Sekundarschule einen ziemlich guten Notendurchschnitt. Klingt natürlich nicht so sexy wie „Ach, der Bildungswahn von Mittelschicht-Eltern“ …

Das alles habe ich O. nicht gesagt. Ich habe gesagt: „Komm mal gut nach Hause.“ Dann half ich ihm beim Anziehen der Warnweste.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 17.02.2018
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