Frau mit Hut

MeToo Johanna Adorjáns „Ciao“ ist eine Satire auf das Ende des alten weißen Mannes
Frau mit Hut
Wo ist er nur hin, gerade war er doch noch da?

Foto: Patrick Strattner/Plainpictures

Im Herbst 2017 fuhr ein Hashtag namens #metoo in die Welt – oder wenigstens in jenen Teil, den man die kulturelle Sphäre nennt. Mit #metoo kamen die „Verhältnisse“ vor allem in der Kultur- und Medienbranche und an den Universitäten ins Rutschen. Viele Männer stürzten, selten kam eine mächtige Frau zu Fall – man erinnert sich an die Literaturprofessorin Avital Ronell (der Freitag 25/2018). Die „ältere Frau“ (sagen wir ab 40) ist aber nicht zuletzt als heimliche Komplizin der Täter verdächtig. Zum Beispiel Catherine Deneuve. In Johanna Adorjáns Roman Ciao stapft eine solche Frau schimpfend wie ein „Droschkenkutscher“ durch das Marais. Es kommt zu einem Streit über diese „Frauenfeindin“ zwischen dem Feuilletonisten Hans Benedek und seiner Geliebten, der Praktikantin Niki, der sich im Café de Flore bei den „Coupes de Champagne (je 18 Euro)“ wieder legt. Kann Hans das auf Spesen nehmen? Denn die werden bei Die Zeitung, für die Hans arbeitet, auch für „Edelfedern“ nicht mehr durchgewunken wie früher. Die schwindende Bedeutung der Zeitung spiegelt sich in der schwindenden Bedeutung des Kulturjournalisten, der zumindest Letzteres hochsensibel registriert.

Sie ist selbst eine Edelfeder

War Mary Gaitskills Roman Das ist Lust (der Freitag 20/2021) noch ein ambivalentes Herantasten an den metoo-Komplex, scheint jetzt die Zeit reif für einen komischen Roman. Man muss natürlich so liebenswürdig böse Prosa schreiben können wie Johanna Adorján. Adorján, die selbst als „Edelfeder“ gilt, schrieb für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), bis sie 2016 zur Süddeutschen Zeitung wechselte. Für ihren Roman hat sie die FAZ samt ihrem Nimbus als große Zeitung von und für einflussreiche Männer unverkennbar als Vorlage genommen.

Ihr Abgang von der FAS wurde in der veröffentlichten Wahrnehmung auf das Konto des neuen Herausgebers Jürgen Kaube verbucht. Kaube hatte die Korrespondentin von Berlin zurück nach Frankfurt beordert, was als Affront mit misogyner Komponente verstanden wurde. Die neutralere Erklärung: Spätestens seit der Übernahme der Herausgeberschaft durch den plötzlichen Tod 2014 des schillernden Verlegers Frank Schirrmacher sieht sich auch die FAZ in ökonomischen Turbulenzen, die wenig Raum für Sonderwünsche lassen.

Ciao nun ist ein rasanter Roman, der ohne Rachlust auskommt, und wenn, ist sie bitter-süß, lakonisch. Hans jedenfalls ist kein stereotyper Tätertyp, sondern eine tragisch-komische Figur. Seine Frau verdreht die Augen, wenn er zu Chaka Khan mitwippt. Hans hielt es bisher für sein Privileg, sich in feministischen Fragen zurückzuhalten. Positiv gesehen: Er ist kein Trittbrettfahrer wie der freie Autor Lothar Herzig, der sich die Fingernägel so verschieden färbt, wie er seine Texte seinen Fingernagelfarben anpasst.

Und die jungen Frauen, die unter 30? Keine simplen Opfer. Mit diversen Wassern gewaschen, allen voran Niki, die Praktikantin, die neuerdings, böses Omen!, ein Parfüm trägt, von dem Hans schlecht wird. Oder Xandie Lochner, die angesagte Netzfeministin, die Deutungshoheit in Person, moralisch gnadenlos. Diese Kompromisslosigkeit erfährt Henriette, deren Rolle vor allen darin besteht, die Frau an der Seite von Hans zu sein, das weiß sie selbst. Vor Jahren galt Henriette als literarische Hoffnung, ihr Lyrikband trug den Titel Frau mit Hut. Warum Xandie sich ausgerechnet mit ihr treffen will? Am Ende jenes Abends fühlt sich Henriette jedenfalls wie eine Komplizin à la Deneuve. Mit weniger Weißwein hätte sie vielleicht zu #metoo Substanzielleres beizutragen gehabt als: „wenn ein Mann während eines Telefonats onaniert, kann man doch auflegen … ?“ Xandie dagegen: „Dieser Mann ist der mächtigste Comedian Amerikas.“ Henriette ist aber von eigenem, manche würden sagen, unfeministischem Stolz. Sie weiß ja, dass Hans eine Geliebte hat. Hat aber beschlossen, ihn deswegen nicht dem Spott auszusetzen, vor allem auch nicht, da man sich über Lothar Herzig lustig machen kann ...

Adorjáns köstliche Satire erinnert an Martin Walsers satirischen Roman Tod eines Kritikers (2002), wenngleich Ciao nicht so eindeutig als Schlüsselroman zu lesen ist, und die Frage, wer jener Hans Benedik ist oder wer gar Adorjáns Alter Ego, sich zwar für Leserinnen mit Branchenkenntnis stellt, aber nicht beantworten lässt. Dass der Großkritiker Ehrl-König bei Walser Marcel Reich-Ranicki zum Vorbild hatte, war dagegen unmöglich zu überlesen. Dazu die Ähnlichkeiten von „RHH“ zu Walter Jens. Genauer gesagt verstärkt Ciao Tendenzen in Walsers Roman, der ja auch im alten FAZ-Umfeld spielte, unter anderem geht es um einen Roman mit dem doofen Titel Mädchen ohne Zehennägel. Und #metoo klingt bei Walser schon an, wenn er Ehrl-König als üblen Sexisten beschreibt, und der Fall der großen Männer wird quasi vorbereitet, wenn der Großkritiker scheinbar einem Mord zum Opfer fällt.

Das Böse schafft auch Gutes

Zu einem solchen romanhaften Autodafé kommt es in Ciao nicht. Aber: Würde Hans für das Porträt über Xandie Lochner, das ihn zurück in die erste Liga der Feuilletonisten bringt, nicht auch über Leichen gehen? Dass er das Porträt jetzt mit Niki zusammen schreiben soll, passt ihm jedenfalls gar nicht. Und an diesem denkwürdigen Abend in Baden-Baden, nachdem Xandie den Denninger in seiner Rateshow Ois Bonanza? verbal hingerichtet hat, hängt er Niki dann auch ab. Lothar Herzig dagegen würde für einen Job bei Die Zeitung definitiv jemanden über die Klinge springen lassen. Und hat Xandie Lochner vielleicht doch Skrupel? Unklar. Dass aber plötzlich Frau mit Hut wieder nachgefragt wird, hat Henriette ihr zu verdanken. Dass das Böse auch Gutes schafft und das Gute auch Böses, darin sprengt dieser köstlich zu lesende Roman eine allzu simple Weltanschauung.

Info

Ciao Johanna Adorján Kiepenheuer&Witsch 2021, S. 272, 20 €

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06:00 09.07.2021
Geschrieben von

Ausgabe 29/2021

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