Ich bin doch blöd – ziemlich sogar

Fernsehen Diese Woche wird von DVB-T auf DVB-T2 umgestellt. Es soll ja Menschen geben, die das Problem aus Unlust vor sich hergeschoben haben. Wie unsere Autorin
Ausgabe 13/2017
Solange es flimmert, kann das Hirn abschalten
Solange es flimmert, kann das Hirn abschalten

Foto: Lem/Imago

Der Sohn hat Panik, dass der Bildschirm bald schwarz ist. Zwar kann er das DVB-T2-Problem nicht aussprechen, aber er ist der Erste von uns, der das Problem in Farbe begriffen hat: Bald gibt’s keinen KiKa mehr. Wir haben in unserem Haushalt null High End, keine kabellosen Kopfhörer oder Lautsprecher. Ich überlege (ernsthaft), ob ich dem Sohn für die Klassenfahrt fix noch einen portablen CD-Player kaufe, der mir das umständliche „Überspielen“ seiner Drei Fragezeichen auf den iPod erspart.

In Sachen Fernsehempfang prallten bei uns anfänglich Welten aufeinander. Mann wollte das Rundumsorglospaket, einen Speed-Port in die Buchse, und alles läuft? Her damit! Frau stammt aus einer Krämerfamilie, Typ bauernschlau. Wozu zur GEZ auch noch Kabelgebühr zahlen, wenn eine Antenne, solange man sie geschickt gen Berliner Fernsehturm richtet, voll ausreicht? „Ich bin Journalist!“, brüllte der Mann, „der Fernseher ist mein Arbeitsmittel. Ich schreibe auch Fernsehkritiken!“ Auch um seine Arbeit nicht zu gefährden, entwickelte der Sohn eine große Geschicklichkeit darin, die Antenne so zu justieren, dass die Wackelkandidaten unter den Kanälen Ruhe ausstrahlen.

Warum hat uns eigentlich keiner gefragt? Eine Studie behauptet, dass intelligente Menschen gern verdrängen, so wie Börsenmakler, die Aktienkurse nur verfolgen, wenn sie wissen, dass sie steigen. Sonst nicht. Genau so war unser Verhalten gegenüber dem DVB-T-Dings. Bisher. „Kind, sind wir überhaupt von der Umschaltung betroffen? Etwa seit gestern schon?“ Der „Empfangscheck“, das offizielle Informationsportal, ergibt: Solange wir nur öffentlich-rechtlich schauen, brauchen wir jetzt „nur“ den Receiver für ab 50 Euro, von dem der Sohn immer spricht. Anders sieht es bei den Privaten aus. Nach einer dreimonatigen Übergangsphase fallen Gebühren an, nur nicht für Bibel-TV. Ich denke, die Privaten werden sicher sehen, was sie davon haben.

DVB-T2, lese ich, ist die „zweite Generation“ des digitalen Antennenfernsehens DVB-T. Die Abkürzung steht für „Digital Video Broadcast – Terrestrial“, also digitale Videoübertragung auf erdgebundenem Weg. Aha. Die Umstellung wird mit dem Argument begründet, dass mehr Programme in höherer Qualität übertragen werden können. Ärgerlich ist das für Leute, die sich noch einen Fernseher mit integriertem DVB-T-Empfänger gekauft haben. Sie müssen jetzt was in den Scart-Eingang stecken. Wie gesagt, mein Sohn hat das alles klar erkannt. Aber was er vielleicht noch nicht erkennen kann: Wem nützt das alles? Wer steckt dahinter? Die Industrie, die EU, Heiko Maas? Fakt ist, noch sehen wir schwarz, weil der Fernseher ausgeschaltet ist.

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

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