So dezent wie ein Pinot Noir

Onlinelese Auf der Online-Plattform „Piqd“ geben über 60 Fachjournalisten, Politiker und Schriftsteller Lektüretipps – das funktioniert erstaunlich gut
Katharina Schmitz | Ausgabe 20/2016 1

Der Online-Journalismus sei kaputt, riefen die Krautreporter vollmundig vor zwei Jahren. Man hört nicht mehr viel von ihnen, oder ist das selektive Wahrnehmung? Vielleicht hat sich das Projekt einfach etabliert, als okay laufender „Recyclinghof“ (Meike Lobo) für bereits publizierte Texte. Warum auch nicht.

Dass der Online-Journalismus kaputt sei, stimmte jedenfalls damals so wenig wie heute. Es gibt unzählige „gute Stücke“, wie journalistische Texte in der Branche auch etwas verschmockt-eitel genannt werden. Aber wo findet man die? Wie erkennt man sie? Der eher von Quantität gehetzte Leser braucht, nun ja, Führung. Eine Instanz, die den journalistischen Ausstoß kuratiert. Das Gegenteil von Dr. Stream auf Facebook. Also Blendle? Bei Blendle sind Texte einzeln käuflich, zum Beispiel die hervorragende Seite 3 der Süddeutschen (die man sehr gern auch einzeln kauft). Leider begeht Blendle (wie die Krautreporter) einen für Menschen wie mich unverzeihlichen Fehler: Der Onlinekiosk adressiert sein Publikum im Stil von Ikea: ranschmeißerisch.

Piqd ist da anders. Klänge es nicht selbst etwas ranschmeißerisch, würde ich sagen: Es ist die Alternative für Leute, die den Blendle-Newsletter gleich wieder abbestellt haben. Es ist, als stünde man entspannt mit Freunden herum, in der Hand einen unaufdringlichen Pinot Noir. „Handverlesenswert“ lautet der Claim des Start-ups, das mehr als 60 Fachjournalisten, Politiker und Schriftsteller versammelt, die als Kuratoren unsere Neugierde wecken wollen. Es gibt Themenkanäle wie „Europa“, „Politische Ökonomie“, „Feminismen“. Hier empfiehlt Theresia Enzensberger gerade einen Text aus der New York Times über die Wissenschaftsdisziplin Men’s Studies, die mehr akademische Aufmerksamkeit verdiente.

Die Experten schreiben die sogenannten Piqs. Ein Piq ist ein kurzer Text, der erklärt, warum ein Artikel lesenswert, ein Buch eine (Re-)Lektüre wert ist, warum ein Fernsehbeitrag ein Schatz ist. Manches Fundstück gibt Rätsel auf. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner verlinkt einen alten Filmtrailer, der bei Youtube rumliegt. Und schreibt: „Elizabeth Taylor als zwölfjähriges Pferdemädchen in dem Film National Velvet (1944). Kurt Schwitters im Kino. Nordengland, Sommer 1945. Oder: Was ist Dada?“

Die Basismitgliedschaft ist kostenlos, für monatlich drei Euro darf man eigene Links posten und kommentieren. „Trolle zahlen nicht“, sagt Chefredakteur Frederik Fischer. Konrad Schwingenstein, dessen Großvater August Schwingenstein die Süddeutsche Zeitung mitgründete, unterstützt das Projekt finanziell. Fischer war ehemals ein Krautreporter, so schließt sich ein Kreis. Das Ganze ist aber keine Charity-Aktion für die alte Tante Journalismus. „Es gibt ein Businessmodell“, betont Fischer. Stiftung oder Werbung, überlegt wird nach allen Seiten. Piqd geht es um nachhaltigen Journalismus.

Und um Herzblut. Jochen Schmidt schreibt über Vestiges du monde von 1999: „Die Comicserie heißt so, weil Zograf ein passionierter Flohmarktgänger ist und dort nach Schriftstücken aus der Vergangenheit sucht, die belegen, wie wenig die Geschichtsschreibung von dem, was gewesen ist, eigentlich festhält. Denn er stößt immer wieder auf die kuriosesten Publikationen (...), die geheimnisvolle historische Randerscheinungen erzählen, von denen man noch nie gehört hat.“ Klingt hinreißend, und noch mal: Der Online-Journalismus war nie kaputt, höchstens vielleicht wir Leser.

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06:00 01.06.2016
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