Killer-Gurken?

Ehec Die Bedrohlichkeit von Keimen ist eine Frage der ­Erkenntnis. Ohne Wissen gerät da schnell das Weltbild ins Wanken

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Das hört man immer mal wieder, auch wenn viele bis sehr viele Menschen sich darunter eigentlich nichts vorstellen können. Lebt man nicht immer in einer Gesellschaft, die sich auf ihr Wissen stützt? Gilt das nicht selbst für die superschlauen Krähen, die offenbar eine Menge über den Werkzeugbau und organisiertes Verbrechen wissen? Und warum sollten dann wir Zweibeiner irgendetwas tun, wenn wir nicht wüssten, warum?

Der eigentliche Aspekt dieser Wissensgesellschaft ist natürlich ein anderer. Es geht um Empirie, um Messungen, nicht zuletzt um nachvollziehbare Reproduzierbarkeit aufgrund kausaler Verknüpfungen, welche nicht auf gut Glück sondern grundsätzlich stimmen. Das müssen sie sogar. Sonst würde kein Flugzeug am Himmel bleiben, und kein Lichtschalter einfach funktionieren. Wir wissen, also fliegen wir und schalten das Licht an.

Bei Infektionskrankheiten wird es mit dem Kausalding aber schon mal schwierig, denn Keime verhalten sich eben nicht immer in reproduzierbarer Weise. Das tut auch das derzeit grassierende Ehec-Bakterium nicht, obwohl es einem bekannten Stamm von Mikroben zugeordnet werden konnte, die schon früher immer wieder schwere Durchfallerkrankungen und das gefürchtete Hämolyitisch-Urämische Syndrom (Hus) auslösten. Husec-41, so die genaue Bezeichnung, hat sich aber noch nie in dieser Weise ausgebreitet. Und warum das jetzt passiert, wie sich so eine selten auffällig gewordene Mikrobe jetzt so rasch von Norddeutschland aus über die Bundesländer und Nachbarstaaten ausbreitet, warum man diesen Keim auf Gurken fand, wie er auf die Gurken draufkam, ob er nur auf Gurken klebte beziehungsweise noch klebt, oder ob man sich in falscher Sicherheit wiegt, wenn man jetzt einfach die Gurken weglässt – alles komplett unbekannt. (Achtung, topaktuelle Gurkeninfo: Am 31.5. verkündet die Hamburger Gesundheitsministerin, dass zwei der vier verdächtigen Gurken vom Vorwurf der Seucheninitiation freizusprechen sind. Sie waren zwar verkeimt, aber nicht mit jenem Ehec, der die Erkrankungen auslöste. Was mit den übrigen zwei Gurken ist, bleibt abzuwarten)

Daran ist vorerst nichts zu ändern, aber in einer Welt klarer Kausalzusammenhänge bleibt es ungewohnt. Und lässt auch Platz für irreführende Spekulationen. Schnecken könnten die Kontaminatoren auf dem Gurkenfeld sein, mutmaßt etwa der Spiegel. Was als Geschichte seinen Reiz hat, die Logiklücke aber nicht im Ansatz schließt. Und eben diese Lücke ist es doch, die eine überschaubare Zahl von Infizierten schon jetzt beklemmend hoch erscheinen lässt.

Der innere Widerstand

Das jetzt einfach hinzunehmen, brav zu warten bis die Seuchenfahndung brauchbare Ergebnisse zeitigt - dagegen regt sich ein innerer Widerstand. Insbesondere bei den Grünen, die der Natur und deren Unwägbarkeiten doch eigentlich sehr verbunden sein müssten, der Regierung jetzt aber „Informationsmängel“ vorwerfen, obwohl es ja tatsächlich an Informationen mangelt und darüber auch mit vielen „Wissen-wir-nicht“-Bekundungen ehrlich informiert wird. Es bleibt allein, die Leute zur Hygiene zu ermahnen und ihnen von rohem Gemüse abzuraten. Was natürlich auch gemein ist. Denn gerade Gemüse soll doch gesund sein, im Gegensatz zu Fleisch und zu Industriefutter, in dem Ehec wohl nicht überleben würde.

Und noch etwas passt gar nicht recht ins Weltbild: Ausgerechnet die Pharmaindustrie hat den Kranken jetzt ein Licht ans Tunnelende gestellt und auf den satten Reibach verzichtet, den man mit Eculizumab, einem offenbar wirksamen Antikörper gegen Hus, hätte machen können. Zu wissen, dass so etwas möglich ist, hat bei aller Tragik des Themas dann doch seinen Wert.

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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

Kathrin Zinkant

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