Krieg der Indizien

Doping Hat sie gar nicht? Oder doch? Die neuen Erkenntnisse im Fall Pechstein helfen nicht weiter. Ein Gentest muss her!

Ein paar lange Striche zuviel, mehr brauchte es nicht, um die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein von der Bahn in die Wüste zu schicken. Positive Dopingprobe? Nicht nötig. Ein in der Tat befremdlich auffälliges Blutprofil reichte aus, und der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne hatte seinen Präzedenzfall für den indirekten Nachweis von Doping. Zuviele junge rote Blutkörperchen gleich Epo - die Formel war ganz einfach, und sie war auch nicht mehr zu kippen. Pechstein kämpfte vergeblich um einen Olympiastart in Vancouver vor vier Wochen.

Und nun? Plötzlich gilt die wegen Dopings gesperrte Ex-Vorzeigesportlerin als quasi rehabilitiert: Deutsche Blutmediziner halten es für so gut wie ausgeschlossen, dass Pechstein mit Epo gedopt hat, zumindest liest man das jetzt allenthalben. Beweisen könne die Ärzte das aber leider nicht. Wie schon die Sperre stützt sich die Ehrenrettung der Sportlerin ausschließlich auf Indizien. Zwei geheimnisvolle neue Testverfahren sollen besonders starke Hinweise zugunsten der Olympiasiegerin geliefert haben. Angeblich leidet Pechstein tatsächlich unter einer erblichen Blutkrankheit, einer Sphärozytose, die für die abnormen Werte verantwortlich ist.

Behauptet wurde ähnliches (Epo-Gendefekt? Stresshämolyse?) schon oft, und zwar von Pechstein selbst. Erst jetzt glauben es auch die Mediziner. Das Blutprofil passe nicht zum Doping, wohl aber zu einer leichten Sphärozytose. Die Krankheit ließe die roten Blutkörperchen rascher sterben als üblich, deshalb entstünden ständig junge, neue Zellen, und eben diese seien in Pechsteins Blut ja auch erhöht. Weitere Blutwerte stützen diese These nach Aussage der Fachleute, außerdem soll der Vater von Pechstein ebenfalls an der Krankheit leiden, die ja auch erblich ist. Wiederum andere Zusammenhänge bleiben aber weiterhin unerklärlich: Warum waren die Werte nur zu den Wettkämpfen erhöht? Warum haben andere Eisläuferinnen ähnliche Blutprofile, obwohl die Krankheit doch so selten ist? Warum kann die Frau mit so einer Krankheit überhaupt Sport treiben?

Die wichtigste Frage ist aber, warum die Ärzte mit diesem Häufchen Erkenntnis und Einschätzung überhaupt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das bringt weder den Kampf gegen Doping voran, der mangels zielsicherer Nachweismethoden zum indirekten Beweis greifen muss, will er etwas gegen die Täuschung unternehmen. Noch hilft es der Sportlerin - so sie denn unschuldig wäre, was trotz der neuen Indizienlage eben nicht zu beweisen, und auch nicht recht zu glauben ist.

Das Interessante an den Neuigkeiten im Fall Pechstein ist allerdings, dass es sich um einen genetischen Defekt handeln soll, den die Frau von ihrem Vater geerbt hat. Denn: Einerseits fordern die beteiligten Ärzte "solide Füße" für das Urteil des Internationalen Sportgerichtshof, andererseits schließen sie einen Gentest aus, der ihrer eigenen Diagnose doch solide Füße verpassen könnte. Als Grund nennen die Mediziner, dass man den zugrunde liegenden Gendefekt nicht kenne, und somit auch keinen Test habe, der genau diesen Defekt nachweise.

Na und? Ungeachtet ihrer Schattenseiten schreitet die Gendiagnostik weiter hurtig voran, und man könnte sie auch in diesem Fall dazu nutzen, sinnvoll sogar, klare Verhältnisse zu schaffen. Das haben in der vergangenen Woche Forscher von Baylor College of Medicine in Houston demonstriert, als sie eine Erbkrankheit nachweisen konnten, ganz ohne den entsprechenden Defekt zu kennen. Im New England Journal of Medicine beschreibt der selbst betroffene James Lupski, wie ihn die vollständige Sequenzierung seines eigenen Erbguts und jenes seiner Verwandten auf die richtige Fährte führte. Lupski und seine Kollegen halten die Vollsequenzierung "für den einzigen Weg", seltene und unbekannte Fehler im Erbgut aufzuspüren. Warum nicht auch im Falle Pechstein? So völlig unerforscht ist das exquisite Leiden der Sportlerin immerhin nicht: Man weiß, dass der Defekt im Netzwerk des Zellgerüsts von roten Blutkörperchen zu suchen ist.

Im Fall Pechstein wäre so eine Methode der einzige derzeit denkbare Weg, die Spekulationen und das Expertengerangel ein für alle mal zu beenden. Was wünschenswert ist. Und anderen Sportlern das Interesse an irgendwelchen seltenen Krankheiten nehmen könnte, mit deren Hilfe sie ihr Doping verschleiern wollen.

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Ihre Freitag-Redaktion

17:41 16.03.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 37/2021

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