Pi-Pi hält besser

Diagnose Mensch Forscher verschwören sich gegen eine der fundamentalen Konstanten der Mathematik: die Kreiszahl Pi (π= 3,1415926 ...). Warum?

Die Welt ist voller Widersprüche, und in keinem Zeitalter wurde das je offensichtlicher als im so genannten Anthropozän, dieser vor zwölf Jahren proklamierten und just populärer werdenden neuen Epoche des Planeten Erde. Der erste Widerspruch besteht bereits in der Definition dieser Ära, die sich nämlich darauf beruft, dass die technologisch gerüstete Menschheit dank ihres Drangs, die schwache Natur zu unterdrücken, einen so unverkennbaren wie unauslöschlichen Fußabdruck in der Kruste ihres Himmelskörpers hinterlassen wird. Denn wer weiß schon, was wird? Bislang beweist die schwache Natur immer wieder, wie schlecht angepasst der Mensch bislang an sie ist, mitsamt seiner ganzen Technik, mit der er hilflos dem Kontrollverlust anheimfällt, sobald ein Ruck durch die angeknabberte Erde geht.

Dieser Widerspruch ist eng verknüpft mit dem Widerspruch zwischen dem, was gemeinhin Wissen heißt, und dem, was Menschen erstaunlicherweise glauben, daraus schließen zu können. Denn Wissen hält niemanden davon ab, den Boden der Tatsachen zu verlassen. Im Gegenteil. Vor neun Jahren schrieb Michael Sherman, Gründungsherausgeber und Chefredakteur des Sceptic Magazine, im Scientific American eine Kolumne zu dieser Frage und kam zu dem Ergebnis, dass gerade kluge Leute den größten Unsinn glauben, weil sie die Fähigkeit besitzen, diesen Unsinn auf sinnvolle Weise vor sich selbst zu begründen und auch vor anderen, die vielleicht weniger wissen und deshalb wiederum darauf angewiesen sind zu glauben.

Sehr offenkundig wird das, wenn Wissenschaftler neue Thesen auffahren, so merkwürdig, dass sie zwangsläufig von einem Hauch Unseriosität umweht sein müssten, aber dennoch absolut seriös erscheinen, weil ja außerodentlich kluge Menschen dahinterstecken. Physiker zum Beispiel. Oder noch besser: Mathematiker. Denn Mathematiker können mit Zahlen umgehen, und Zahlen suggerieren Eindeutigkeit, Rationalität, einen hohen Grad an Abstraktion. Deshalb hält sich auch die Anti-Pi-Verschwörung auf das Hartnäckigste: Eine Dekade ist vergangen, seit der amerikanische Mathematiker Bob Palais im Mathematical Intelligencer seine Scham darüber ausdrückte, dass ausgerechnet die Kreiszahl Pi (π= 3,1415926 ...) als Demonstration menschlicher Intelligenz ins Weltall gesendet worden sei. Palais glaubt, dass diese fundamentale und wohl bekannteste mathematische Konstante eine Art Jugendsünde der modernen Mathematik sei, eine große Dummheit, im 18. Jahrhundert begangen von dem walisischen Gelehrten William Jones und dem Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, die Pi als π definierten und viele Formeln und Beziehungen auch in der Physik bis heute massiv ihrer Eleganz beraubt hätten. Nicht ihrer Wahrheit, wohlgemerkt, aber der Schönheit. Und deshalb besteht Palais darauf: „Pi ist falsch“!

Und wie es so ist: Die vorgeschlagene Alternative, eigentlich bloß der doppelte Wert von Pi, die Bob Palais noch als dreifüßiges π schrieb und die jetzt Tau (τ=2π) heißen soll, findet wachsende Resonanz, als sei sie eine neue Wahrheit – auch unter mathematisch wenig Beleckten, die vielleicht schon mit der Brechnung des Kreisumfangs (U=πd oder U=2πr, mit d: Durchmesser und r: Radius) Probleme hatten und denen die Substitution durch τ (U=τr) irgendwie als Erleichterung erscheinen könnte. Abgesehen von der ästhetischen Frage allerdings, die manchen Fachleuten eher weniger als mehr einleuchtet, steckt hinter Tau statt Rationalität wohl nur eine Glaubensfrage. Oder Spaß am Spiel. Nur: Was würden die Außerirdischen denken, kämen sie nun wegen Pi vorbei – und der Mensch hätte es abgeschafft.

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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

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