Vom GAU zum NAU

Fukushima Eine Zahl soll die Reaktorkatastrophe in Japan einordnen. Aber was sagt die neue Einstufung 7 wirklich aus?

Nehmen wir also die Sieben. Bis gestern noch vorzugsweise als Glückszahl auf Lottoscheinen unterwegs, erscheint sie am Dienstagmorgen als substanzieller Bestandteil einer Eilmeldung der Tagesschau: „Sieben“ nämlich lautet jetzt der Status von Fukushima Daiichi, dem havarierten Atomkraftwerk in Japan, wobei „Sieben“ in diesem Fall keinen Sechser im Lotto bedeutet, sondern den größtmöglichen Wert auf der so genannten International Nuclear and Radiation Event Scale, kurz INES-Skala, die eben nur acht Stufen kennt – von Null bis Sieben.

Was sagt nun aber diese Sieben? In der bisherigen Karriere der Atomenergie hat es bislang erst ein nuklearer Zwischenfall so weit gebracht – was einerseits dem Umstand geschuldet ist, dass die INES-Skala überhaupt erst wegen Tschernobyl eingerichtet wurde. Und andererseits wollte sich wohl niemand vorstellen, dass noch einmal so etwas Schlimmes passieren könnte. Aber was heißt nun wieder „so schlimm“?

Fukushima, das liest und hört man seit Beginn der Katastrophe vor fünf Wochen, ist ja mit Sicherheit nicht so schlimm wie Tschernobyl. Der Reaktortyp ein völlig anderer, ohne Grafit eben und deshalb nicht in dieser Weise brandgefährdet. Die Sicherheitsvorkehrungen andere, immerhin war Fukushima für Erdbeben der Stärke 8 ausgelegt. Die Ursachen andere, denn Japans AKW sind schließlich keine Schrottmeiler wie einst die sowjetrussischen. Und vor allem sind die Folgen gewiss nicht vergleichbar, denn selbst ein Super-GAU kennt doch seine Spielarten. Weshalb auch unablässig weiter verglichen wird: Die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA ließ ausrichten, nach dem Beben am 11. März seien bislang lediglich zehn Prozent jener Strahlenmenge freigesetzt worden, die vor 25 Jahren beim Reaktorunglück in der Ukraine in die Umwelt gelangt waren. Warum dann aber Stufe 7 auf der INES-Skala – warum nicht (zum Beispiel) ein Siebtel?

Eine Ziffer für die Zukunft

Ein charmantes Detail der Erklärung, die die NISA am 12. April abgab, lautet, die Erhöhung der INES-Stufe sei prospektiv und zudem nur vorläufig. Was der verschleierte Ausdruck dafür ist, dass man die Lage noch immer nicht unter Kontrolle hat und weitere schwere Zwischenfälle für möglich hält. Denn die Sieben steht für „Schwerste Freisetzung mit Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit in einem weiten Umfeld“. Die meiste Strahlung ist offiziellen Angaben zufolge bereits in den ersten Wochen nach dem Megabeben entwichen. Was wiederum so viel heißt wie: Wir stufen auf 7 hoch, nachdem wir in der schlimmsten Phase, zwischen Explosionen, Dampf und Rauch noch auf Stufe 4 beharrten und später dann auf Stufe 5. Der Riss im Behälter des Reaktors 2 ist auch schon einige Tage bekannt, das radioaktiv verseuchte Wasser in weiten Teilen ausgepumpt – daher wird die neue Einordnung kaum rühren. Dazu der japanische Regierungschef Naoto Kan am Dienstag: Er sehe weiterhin Fortschritte. Die japanischen AKW würden – auch nach diesem schwersten bezifferbaren Unfall und gut Hundert schweren Nachbeben seit dem 11. März – nicht abgeschaltet.

Damit bekommt die Sieben einen neuen, fast symbolischen Wert: Die alles überstrahlende Gemeinsamkeit mit Tschernobyl wird am unabsehbaren Ende sein, dass die radioaktive Verseuchung von Lebensraum, die Vertreibung von Zigtausenden von Menschen und die niemals bestimmbare Zahl von Strahlenopfern keine Einsicht zeitigt. Warum auch? Zweimal INES-Stufe 7, da wird der GAU irgendwann zum NAU - zum normalen anzunehmenden Unfall.

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Ihre Freitag-Redaktion

10:35 13.04.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 41/2021

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