Kathrin Zinkant
16.04.2010 | 17:26 27

Wir sind Aschewolke!

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Kathrin Zinkant

Die Deutschen würden gerne einen isländischen Vulkan mit dem unaussprechbaren Namen Eyjafjallajökull adoptieren. Im Geiste haben sie das schon, und waren auch ein bisschen enttäuscht, heute morgen, als sie aus dem Fenster guckten: der saubere Fenstersims, die blanken Autos, der Himmel zwar bewölkt, aber irgendwie auch: normal. Der vulkanische Fallout, insgeheim herbeigewünscht und bereits als schauerlicher "Blutregen" angekündigt (den es eigentlich alle naslang gibt, durch den roten Wüstenstaub aus der Sahelzone) – dieser Fallout ist bislang ausgeblieben.

Zum Glück ist der isländische Feuerberg aber noch nicht wieder eingepennt, er "spuckt", "speiht" und "tobt" weiter, könnte das angeblich noch ein ganzes Jahr lang tun, was die Isländer wohl nicht so glücklich machte, aber uns dafür ein bisschen. Endlich sind wir, die wir keinen eigenen aktiven Vulkan besitzen, auch mal betroffen, auch ohne Staub, schon jetzt, weil der Flugverkehr ausgefallen ist. Verteidigungsminister Guttenberg kann vielleicht gar nicht landen, wenn er mit den verletzten Soldaten aus Afghanistan nach Hause fliegt. Und ob die Kanzlerin je wieder in die Heimat zurückkehrt? Per Flugzeug jedenfalls nicht, und auch nicht heute. Angela Merkel hängt erstmal in Lissabon fest.

Während wir mithin ein bisschen allein zu Hause sind, schadet es natürlich nicht, an die Was-ist-Was?-Lektüre aus Kindertagen anzuknüpfen und die Kenntnisse aufzufrischen. Der eher kleine Eyjafjallajökull ähnelt den flachen Schildvulkanen von Hawaii, aus denen in stetem Strom dünnflüssige Lava gluckert, allerdings sind sich die Experten bislang nicht ganz einig, ob der unter dem gleichnamigen Gletscher gelegene Vulkan nicht doch vom Stratotyp ist, wie der Vesuv in Italien, dessen Aschemassen einst Pompeji und Herculaneum unter sich begruben. Für letzteres spricht, dass die Asche - die zum Teil aus Tennisballgroßen Glasbrocken besteht - auf Island nun zehn Kilometer weit in die Höhe geschleudert wurde.

Wirklich weit kommen davon aber nur die staubfeinen Partikel, die für Flugzeuge problematisch sind, weil sie in den Triebwerken wieder schmelzen können und in hinreichender Konzentration deshalb zu Ausfällen des Antriebs führen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Gesundheitsgefahren indes kann man in unserem Breitengrad vergessen, aber auf die ist letztlich auch keiner wirklich scharf.

Ob uns Eyjafjallajökull mit weiteren spektakulären Explosionen und längerem Ausfall des Flugverkehrs beschäftigen wird, bezweifeln Experten aber schon. Denn nach nunmehr vier Wochen Aktivität dürfte der Druck aus dem Magma heraus sein. Was man schade finden könnte - aber es gibt ja noch Katla, für den sich die Vulkanologen nun weit mehr interessieren. Bislang haben die heftigen Ausbrüche des Eyjafjallajökull-Nachbars die Insel in penetranter Regelmäßigkeit zweimal pro Jahrhundert heimgesucht. Die letzte Eruption ist nun schon fast 100 Jahre her, und mithin überfällig. Meist fand sie unmittelbar im Anschluss an einen Ausbruch des Eyjafjallajökull statt!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (27)

goedzak 16.04.2010 | 19:50

"Gesundheitsgefahren indes kann man in unserem Breitengrad vergessen, aber auf die ist letztlich auch keiner wirklich scharf." - Wie wahr!

Ich bin aber derzeit doch nicht ganz so ruhig, weil meine 17jährige Tochter mutter- und vaterseelenallein in Stockholm sitzt, und es nun unsicher ist, ob ihr Rückflug am Sonntag klappt. Die Fähren von Trelleborg sind schon bis Dienstag ausgebucht.

Kennen Sie die Geschichte des Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora im Jahre 1815? Auf den Sunda-Inseln starben 50.000 Menschen, zum größten Teil an den Folgen des Ausbruchs wie Hungersnöten. Dann zog noch eine Staubwolke (Inhalt geschätzt auf 100 bis 300 Kubik-km Festmaterial) gen Norden, wo sie den Sommer 1816 in Europa in einen Winter verwandelte. Die Ernten fielen aus, Hungersnot und Pferdesterben die Folge, was den Freiherrn Karl von Drais auf die Idee brachte, ein mechanisches Pferdchen zu entwickeln, was ohne Futter auskommt, das berühmte Laufrad, auch Reitwagen oder Fahrmaschine genannt.
(habe ich aus H. E. Lessings lustigem Buch 'Automobilität. Karl Drais und die unglaublichen Anfänge, Leipzig 2003)

Friedland 16.04.2010 | 23:20

Ein paar Tage in Europa nicht fliegen können, ist das wirklich so schlimm? Der ganze Hype darum erinnert mich irgendwie an die Berichte vor etwa einem Jahr (?) über die wenigen Stunden, die zahlreiche T-Mobile Kunden nicht mit ihren Handys telefonieren konnten. Damals funktionierten aber die leitungsgebundenen Telefone, so wie heute die Bahn weiterhin fährt (der Winter ist ja vorbei)...
Wo liegt also das Problem? Sind es wieder die Medien, die von Wichtigerem ablenken wollen (denn die toten und schwer verletzten Soldaten in Afghanistan sind ein wirkliches Thema)?

(Ich bin zuletzt vor zwei Jahren in der betroffenen Gegend gewandert und froh, dass die Schmelzwasserströme meinem Lieblingswasserfall nichts anhaben konnten.)

mh 17.04.2010 | 12:58

es könnte schlimmer sein als man so adhoc vermutet, da der "kleine aufschwung" zur zeit va die frachraten bei den flugzeugen nach oben treibt, da die reeder atm ihre eingemotteten schiffe nicht so schnell herbei bekommen.

juckt natürlich keinen, wenn man da ein paar tage nicht fliegen kann.

wäre ich allerdings bei der bildzeitung... also ich sähe da jetzt schon die große hungersnot auf uns zukommen. vulkane und globalisierung.. also sterben ist da mal das mindeste, was uns passieren muss.

mfg
mh

goch 17.04.2010 | 20:18

Auch ich fordere, Ascheregen für alle.
Ein kleines Volk macht es vor und leistet Widerstand gegen die großen europäischen Völker und die Globalisierung.
Bravo, revolutionäre Isländer weiter so.
Am Ende desBlogbeitrags stand doch noch, die Isländer haben noch nen Vulkan impetto, der etwas aktiviert werden könnte.
Also - vorwärts mit der Natur gegen die Globalisierung

S.Heinel 18.04.2010 | 02:30

Soldaten? Welche Soldaten?

Napoleon brach jedes Mal wenn es Innenpolitisch schwierig wurde einen Krieg vom Stapel, wir haben Vulkane.

Aus einer gut unterrichteten Quelle (man munkelt es sei die, die auch die Massenvernichtungswaffen im Irak wissen wollte) sei der Ausbruch der Vulkane künstlich erzeugt. Schließlich will Island durch das Immi-Gesetzpaket einen Datenhafen schaffen. Dokumente über ein NASA-Programm mit dem ominösen Titel "Large Scale Ultra Sound Emiting Module" Codename Vulcan würden in Kürze auf einschlägigen Seiten veröffentlicht werden.

Währenddessen berät der Vatikan in einer eilig zusammengerufenen Krisensitzung über die Aschewolke. Vorsorglich wurden in Italien schon sämtliche Kartoffelsäcke aufgekauft. Sollte die Wolke bis nach Rom gelangen will man vorbereitet sein.
"Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche" (Hiob 42,6);

Aus Kreisen der Delegation, die zur Zeit unsere Kanzlerin auf ihrer Odysee durch Europa begleitet, wurde berichtet, dass eigentlich Bozen direkt angeflogen werden sollte, kurz vor erreichen des italienischen Luftraums aber die Route nach Rom verlegt wurde. Nach der Landung hatte sie nur für ein Telefonat mit Berlusconi Zeit, sei aber jedoch wenig später mit Höchsttempo in Richtung Petersdorm gesehen worden.

Im engsten Kreis ließ Frau Merkel wenig später, erklären, dass wir Deutschen in dieser schwierigen Situation zu uns Papst stehen, sie sehe aber bereits einen Silberstreif am Horizont. Deutschen Produzenten von Kartoffelsäcken sollen, wenn nötig, Harz IV - Empfänger zur Verfügung gestellt werden. Auch Arbeitsministerin van der Leyen sieht in einer ersten Reaktion gute Chancen für die Aufnahme von Langarbeit in dieser Branche.

Wie schon seit Tagen also, nur viel heiße Luft!

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gerhardhm 18.04.2010 | 10:18

"die Isländer sind an allem Schuld"
Nun doch die? Es überrascht mich. Bisher war ja immer zu lesen, die Russen seien an allem Schuld. (Wahlweise die Amis bzw die Anderen)
Oder schicken die Isländer nur die Asche fürs Haupt vom Benedikt Nr.... und seiner Freunde? Oder gibt es noch anderenhaupts Bedarf an Asche?

Es entsteht natürlich die Frage: Kann man mit einem isländischen Aprilloch das deutsche Sommerloch stopfen? Oder braucht man dafür doch zwei isländische Löcher?

Ob wir nach dem zweiten Vulkan auch noch lachen?