Bleiben Sie muffelig!

Die Konsumentin Das Ideal des schönen Lebens sitzt uns im Nacken. So sehr, dass es zum Imperativ wird, seine Zeit – natürlich mit den richtigen Produkten – möglichst intensiv zu genießen
Katja Kullmann | Ausgabe 18/2014 2
Bleiben Sie muffelig!

Der Mai ist der schönste Monat des Jahres. Jaja. Aber er ist auch der gefährlichste. Der süße Blütenduft. Die schier endlosen Brückentagswochen und der damit einhergehende Vorgeschmack auf die Sommerferien: Lust und Qual. Oft hat man in den ersten vier, fünf Monaten des Jahres ja noch gar nicht genug verdient für eine Sommerreise. Und trotzdem pocht einem das Fernweh schon in den Adern. Überhaupt: dieser ungeheure Outdoor-Druck! Jetzt schon grillen, zelten, nackt baden? Oder frühjahrsmüde auf dem Sofa hängen? Sich neu verlieben? Oder Heuschnupfenspray nachladen? Achten Sie mal darauf: Nie haben so viele Zeitgenossen so unglaublich gute – oder so unglaublich schlechte! – Laune wie jetzt. Unsere steile Behauptung der Woche: Der Mai ist teuflisch. Genauer gesagt: Er ist komplett eudämonistisch. Und damit weist er uns den Weg zu unserem heutigen Thema, dem Erlebniskonsum.

Wellnesserlebnisse zum Muttertag. Fallschirmsprünge für Kurzentschlossene. Bei mydays.de, einem der wohl führenden Anbieter für Event-, äh, -Pakete, lässt sich auch die Romantik bequem bestellen, in einzelnen Vergnügungsmodulen. Da können Paare, die sich bei einem Kennenlernportal gegenseitig bestellt haben, wiederum die Erlebnisse bestellen, die es braucht, um eine gemeinsame Geschichte aufzubauen. Also etwa: „Schlossträume zu zweit“ oder „Iglu-Übernachtungen“ oder – was uns ganz besonders gut gefällt – einen Kurs in gemeinschaftlichem „Goldschmieden und Schmuckdesign“. Verlobungsringe im DIY-Modus gegossen – wie herrlich zeitgemäß!

Der Eudämonismus hat mit Dämonen, ehrlich gesagt, nichts zu tun. Es handelt sich um eine Idee aus der antiken Ethik. Die Glückseligkeit ist dabei das höchste Ziel. Das Ideal des „schönen Lebens“ sitzt uns ja bis heute im Nacken. Nur dass es heute vor allem die Projekt-Account-Trend-Strategie-Abteilungen sind, die davon erzählen. Ich sage nur: „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“ Bestimmt ist auch Ihnen schon der Befehlston aufgefallen, der in diesem berühmten Massenmöbelslogan mitschwingt. „Sei verdammt noch mal echt, authentisch und lebendig! Fühl’ dich wohl, du Wurm!“ Beziehungsweise: „Dekoriere gefälligst sofort deinen Balkon neu, zum Beispiel mit dem Kissenset Ingeborg für 14,99 €. Oder wenigstens mit einem gottverdammt süßen Gartenlichtbeistelltischchen, und dann: Schmeiß’! Eine! Party!“

„Erlebe dein Leben!“: So hat der Soziologe Gerhard Schulze einmal den Kernbefehl der Postmoderne auf den Punkt gebracht, in seinem Buch Erlebnisgesellschaft, das auch schon wieder zwei Jahrzehnte alt ist. Schulzes These, brutal verkürzt: Ausgerechnet die so genannten 68er haben der ganzen Konsummechanik einen gehörigen Auftrieb gegeben. Sie glaubten an den Postmaterialismus – an eine Gesellschaft, in der Geld, Besitz, Status nicht mehr so viel zählen und in der es stattdessen um Zufriedenheit, Freundschaft, Liebe und Selbstverwirklichung geht. Das sozioökonomische Panel, für das regelmäßig rund 12.000 Haushalte in Deutschland zu ihren Haltungen und Einstellungen befragt werden, zeigt, dass die Werte sich exakt in diesem Sinne gewandelt haben: Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland hängt die Mehrheit längst einem postmaterialistischen (Wunsch-)Denken an.

Über die „Langen Nächte“ – der Museen, der Theater etc. – sagte der Soziologe Horst W. Opaschowski einmal: „(Es) wird versucht, den Daheimgebliebenen ein schlechtes Gewissen einzureden, nach dem Motto: Alle waren da, nur du nicht.“ Unser Tipp: Lassen Sie sich auf gar keinen Fall etwas einreden! Bleiben Sie einfach genauso, wie Sie sind – faul und muffelig, verschnupft, dröge und stark!

 

06:00 03.05.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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