Jeans gegen Papier

Die Konsumentin Hammer und Zirkel: ein tolles Logo! Oder wie die DDR meine Westjugend prägte
Katja Kullmann | Ausgabe 40/2014 15
Jeans gegen Papier
Auch ein Teil der Jugenderinnerung: Pakete schicken von Osten nach Westen und umgekehrt

Foto: ddrbildarchiv.de/ dpa

Ach ja, der 3. Oktober – und seit einem Vierteljahrhundert jeden Herbst die Frage: „Wo warst du, als die Mauer fiel?“ Ich weiß noch, wie meine Eltern mich am 9. November 1989 ins Wohnzimmer riefen, zur Tagesschau. Ich war 19. Naturgemäß hält man sich in jenem Alter von den Eltern, bei denen man ja nur mangels eigenen Einkommens noch wohnt, lieber fern. Außerdem weckten die euphorischen Bilder eine sehr schlechte Laune in mir. Und so habe ich mir wohl schnell wieder die Walkmanstöpsel in die Ohren gepflanzt, habe mich auf mein schmales Bett gelegt, unter die für Mittelschichts-Teeniezimmer so typische Dachschräge, und habe den Mann betrachtet, der da als ein mal zwei Meter großes Schwarzweißposter hing: Karl Marx.

Ja, ich bin ein Kind des Westens, aufgewachsen in der vollkapitalistischen Bankenzone rund um Frankfurt am Main. Etwa zu meinem 14. Geburtstag hatte ich beschlossen, die DDR super zu finden. Ich wollte sie mögen – unbedingt! Hammer und Zirkel: ein tolles Logo! Meine Eltern fanden das einigermaßen krank, hielten aber still, immerhin nahm ich keine Drogen und brachte okaye Zensuren nach Hause. Von ihnen hatte ich mir die gesammelten Brecht-Dramen in der Suhrkamp-Edition geliehen, und von meinem Taschengeld hatte ich mir das Fischer-Taschenbuch Frühe sozialistische Hörspiele besorgt. Noch heute stehen diese Bücher in meinem Regal. Sie erinnern mich daran, wie die Adoleszenz schmeckt, diese anstrengende Zeit, in der man die obskursten Dinge sagt und tut, nur um anders zu sein.

Während ich keine Folge der Formel-Eins-Charts im TV verpasste, frühe McDonald’s-Exzesse feierte und auf Fummel der Post-Punk-Kommerz-Marke Fiorucci sparte, war ich also zu 100 Prozent für den real existierenden Sozialismus. Wir hatten keine Verwandtschaft „drüben“. Aber ich hatte mir, über meinen Geschichtslehrer, eine Brieffreundin aus der Gegend von – wenn schon, denn schon! – Karl-Marx-Stadt organisiert. Nennen wir sie Romy, denn in der DDR hießen, glaube ich, fast alle Mädchen meines Alters so.

Zu Weihnachten und zu Romys Geburtstag bekam sie Päckchen von uns Fremden aus dem Westen. Zu ihren Standardbestellungen gehörten das Magazin Bravo und Dosenananas, außerdem bat sie zweimal im Jahr um Jeanshosen einer bestimmten Marke, die allerdings übelst teuer waren, weshalb meine Mutter dafür sorgte, dass „immerhin so ähnliche“ Jeans rübergeschickt wurden. Zum Ausgleich für die No-Name-Kleidung packte sie meist noch eine Packung Toffifee dazu. Es war ein merkwürdiges Gefühl, diese Konsumgüterpakete nach Karl-Marx-Stadt zu senden, es kam mir weltpolitisch vor und changierte zwischen Freundschaftsdienst und Entwicklungshilfe.

Romy revanchierte sich. Über die Jahre kamen bei uns in Hessen so einige Schwibbögen zusammen, Kerzenständer aus Holz, Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge. Außerdem sendete sie viel Papier, etwa Briefpapier, was ja sehr sinnvoll war für eine Brieffreundschaft, auch wenn es in etwa die Qualität des ersten, noch sehr groben Recyclingklopapiers hatte, das damals im Westen auf den Markt kam. Sie sendete auch Blankonotenblätter. Ich spielte kein Instrument, konnte nicht komponieren, teilte ihr das auch mit, aber sie blieb beim Notenpapier und ich verwendete selbiges dann als Geschenkpapier für die Präsente, die ich meinen Westfreundinnen überreichte. Ich fand das alles herrlich exotisch und mochte Romy echt gern. Sie mich auch, denke ich.

Kaum war die Mauer gefallen, hörten wir mit dem Konsumgütertausch auf. Die Briefe wurden kürzer, lustloser, seltener. Und schon bald ... lasen oder hörten wir dann gar nichts mehr voneinander.

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06:00 03.10.2014
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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