"Die Welt ist die Welt ist die Welt"

Literatur Peter Handkes "Die Obstdiebin" ist ein subversiver Roman in Zeiten der Angst, ein Zeichen der Zuversicht gegen Entfremdung und eine Utopie der Humanität
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"Die Welt ist die Welt ist die Welt"

Foto: Johannes Simon/Getty Images

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mit diesem Bekenntnis zu Realismus und Empirismus beginnt Wittgensteins „Tractatus“. „Die Welt war die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen!“ (S. 500) heißt es, eher konstruktivistisch und hegelianisch, in Handkes „Obstdiebin“ – und von dieser „Dreiecksgeschichte“, in der so gar nichts eindeutig „der Fall ist“, handelt dieser wunderbare und wundersame Roman.

Wieder bildet eine Reise den lockeren Handlungsrahmen, aber dieses Mal eine kurze, von der Hauptstadt in die nahe Provinz, anders als die lange Spanienreise in „Der Bildverlust“ (2002) und die Balkan-Reisen in „Unter Tränen fragend“ (2000) und „Die morawische Nacht“ (2008). Und natürlich ist auch dieser so wenig ein Reiseroman wie Eichendorffs „Taugenichts“ einer ist. Aber so selbstverständlich wie wir es dort hinnehmen, dass die Jahreszeiten auf der Wanderung des Taugenichts im Tagesrhythmus sich wandeln, so wenig wundern wir uns hier über die schier endlosen Tage, die auf dieser Wanderung nicht vergehen wollen.

Es ist eigentlich eine doppelte Reise ins Landesinnere, die Handke erzählt. Zuerst ist es der Ich-Erzähler, der sich, zu Fuß und mit der Bahn, auf den Weg macht von Paris in die Picardie, um dort die 25-jährige Studentin und Weltenbummlerin „Alexia“, die Obstdiebin, zu treffen. Warum und wozu bleibt – natürlich – ungeklärt. Um die Mittagszeit bricht er auf, am Abend dort angekommen, wechselt die Perspektive: Nun begleiten wir, aus der Perspektive des personalen Er-Erzählers, diese Alexia auf ihrem dreitägigen, erlebnisreichen und ereignisarmen Fußmarsch, ebenfalls von Paris in die Picardie. Sie will ihre Mutter, die „Bankfrau“, die der Handke-Leser bereits aus „Der Bildverlust“ kennt, treffen. Tatsächlich kommt es dann ganz zum Ende des Romans zu einer Familienzusammenführung: Es treffen sich auf dem „Vexin-Plateau“ zu einem großen Fest im Zelt die getrennt lebenden Eltern von Alexia und auch ihr 15-jähriger Bruder, der eine Zimmermannslehre absolviert – der Beruf auch des Bruders von Handke. Nun ist auch der Ich-Erzähler dabei, der von „wir“ und „uns“ erzählt, die beiden Erzählperspektiven werden also am Ende zusammengeführt.

Dieser anfängliche Ich-Erzähler hat viel mit dem Autor gemein: Ein alter, allein lebender, etwas schrulliger „ungeselliger Geselle“, wohnhaft in einem Pariser Vorort, – der „Niemandsbucht“, wie sie auch hier immer wieder bezeichnet wird – in einem alten Haus mit großem Garten, nebst Obstbäumen. Ein Mann, der sich als „Illegalen“ bezeichnet, der den Staat ebenso verachtet wie alle kapitalistische Umtriebigkeit, alle großartigen Gesten und Worte, der zornig ist auf die wüste Welt, einsam und unwirsch; ein Naturfreund zugleich, den kleinen Dingen und den kleinen Leuten, den Obdachlosen, der Kassiererin, dem Dorfbäcker, dem arabischen Pizza-Ausfahrer zugewandt und zugeneigt, ein romantischer Anarchist – alles das trifft auf den Ich-Erzähler wie auf Peter Handke zu.

Und Alexia? Auch sie natürlich eine Geistesverwandte. Ganz wie ihr Vater, den sie vor dem Aufbruch in einem Pariser Restaurant trifft, und der ihr Ratschläge für die Reise gibt. Auf ihrem Fußmarsch über die Landstraßen, durch Wiesen und Wälder, durch die Dörfer und Kleinstädte der „Ile de France“, der „Oise“ und der „Picardie“ trifft sie auf Hunde, die sie begleiten, auf einen Hahn, der sie erschreckt, auf eine verlorengegangene Katze, die sie ihrem Besitzer zurückbringt. Sie schlägt sich durch Dickicht, schwimmt in Flüssen, nimmt an einer Totenwache teil. Sie wird von einem jungen Pizza-Ausfahrer ein Stück des Wegs begleitet, mit dem sie die Nacht in einem verlassenen Hotel teilt, aber nur im Traum das Bett; sie trifft zufällig eine alte Schulkameradin, nimmt an einer Messe unter freiem Himmel teil, beobachtet ein Fußballspiel. Vor allem aber nimmt sie ihre Umgebung mit allen Sinnen wahr, sieht und hört zahllose Tiere, lauscht dem Wind, sammelt und schmeckt Früchte, Beeren und Körner. Es ist eine zwar ereignisarme aber erlebnisreiche Wanderung. „Gehen im Leeren…Kaleidoskopisches Gehen.“ (S. 391)

In einer Schlüsselpassage des Romans werden äußeres Ereignis und inneres Erlebnis scharf kontrastiert: Der junge Begleiter Alexias, den sie „Valter“ tauft, erzählt in einer leidenschaftlichen Rede von Zdeněk Adamec, der sich 2003 auf dem Prager Wentzelplatz, ganz wie einst Jan Palach, selbst verbrannte, „um zu protestieren gegen die Welt“ (S. 317). Ohne Zweifel ein dramatisches Ereignis. Aber unmittelbar im Anschluss erzählt nun ein alter Mann von den Schwierigkeiten, eine Haselnuss richtig zu öffnen. „Die Nuß zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und Stück für Stück, Millimeter um Millimeter aus der Hülse heben. So ist es recht. Nur nicht an ihr rütteln. Nicht reißen! An einem Ende haftet die Nuß, das andere aber liegt frei und locker in der Schale.“ (S. 322) Was heißt das? Die große Welt, die „Histoire…mit großem H“ (S. 468) ist ohne Hoffnung, unbelehrbar, ist kriegerisch, feindselig, machtversessen und treibt in den Verzweiflungstod. Wende Dich besser den kleinen Dingen zu, den lösbaren Problemen, staune über die Natur, freue Dich über Freundlichkeiten, träume, pflege Freundschaften und die Familie. Ein epikuräisches Programm des guten Lebens und ein stoisches zugleich.

Ist das also, die üblichen Verdikte über Handkes spätes Werk bestätigend, Eskapismus, Unpolitisch-Irrationales, Innerlichkeitskult? Im Gegenteil: Dieser Roman ist hoch-politisch, subversiv, wenn man Politisches nicht auf platte Agitation und Darstellung sogenannter Realpolitik verkürzt, und bereit ist, die im Roman erzählte humanere, warme Welt als politischen Gegenentwurf zur kaltgekachelten, inhumanen Welt zu lesen, als eine Welt, die den „homo ludens“ gegen den herrschenden „homo ökonomicus“ ins Feld führt. „La Phantaisie au Pouvoir“, „Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche“, „Sous les pavés, la plage“, das waren die Sponti-Parolen der 68er in Paris, und dass dies politische Sprengkraft enthielt, ist gewiss. Der Roman darf also auch als Lockerungsübung im Umgang mit dem scheinbar Alternativlosen verstanden werden, als Aufruf zum Widerstand durch Verweigerung, als Appell an eine befreiende Sinnlichkeit.

Und natürlich liegt das Subversive auch in der Zaubersprache des Romans. Die wilden Satzungetüme, die zu genauem Lesen zwingen, die wunderbar rhythmisierten Sätze, die leicht antiquierte Ausdrucksweise und Wortwahl, die sich (etwas kokett) scheut, Worte wie „Rollator“ oder „Ghetto-Blaster“ zu verwenden, und sich sorgt, ob „Bucheckern“ noch bekannt sind, die unerhörten Wortverknüpfungen, die im Kontext so selbstverständlich klingen, auch die drastischen Flüche, auch die Metaphern und Allegorien – wie jene von den zwei slawischen Faltern, die im Tanz als drei erscheinen – all das scheint in jedem Satz zu sagen: Schaut her, so klingt eine menschliche Sprache, die nicht mit vorgestanzten Plastikwörtern operiert, eine unentfremdete Sprache, die nur möglich wird, durch konsequentes Verweigern, durch hartnäckiges Widerstehen gegen systemische Vereinnahmung. Nur in dieser Sprache gelingt es, den Leser zu fesseln, ohne ihn mit „Ereignissen“ zu ködern. Und dass dies gelingt, beweist, wie groß die Sehnsucht ist nach einer menschlicheren Welt.

Politisch ist „Die Obstdiebin“ aber durchaus auch in einem ganz schlichten, fast tagespolitischen Sinn. Die islamistischen Terroranschläge in Frankreich, die in die Entstehungszeit des Texts fallen, scheinen immer wieder auf: In der allgegenwärtigen Präsenz von Schwerbewaffneten, im gegenseitigen Misstrauen, in der Angst vor einem erneuten Anschlag. „Der Schrecken war in uns allen“ (S. 117). Aber Handke entlarvt auch den Mechanismus der Vorurteile, den die Hysterie der Terrorangst gebar: Mehrfach mit groteskem schwarzen Humor, so wenn der Ich-Erzähler zum Schutz vor Attacken in der Metro einen kurzklingigen „Sarazenerdolch“ mitführt, oder wenn die Bahnreisenden beim abrupten Zugstopp auf offener Strecke einen Anschlag fürchten – obwohl nur der Zugführer zum Pinkeln geht. Und später im Text sehr subtil, indem er mit den Vorurteilen der Leser spielt: Will sich der junge, arabische Begleiter Alexias wirklich als Selbstmordattentäter töten? Einige Reizwörter, „Ins Paradies“, „Gewalttat“, „Terrorakt“ etc. sprechen dafür. Oder ist er nicht einfach rasend eifersüchtig, weil sie mit dem Wirt zu einem Blues tanzt – und sie imaginiert seine Tötungsabsicht nur aus schlechtem Gewissen? Und was hat nun diese Vorstellung mit seiner Herkunft und mit den Zeitumständen zu tun? Die Szene ist nicht nur doppel-, sondern mehrfachdeutig und ermöglicht bei genauer Analyse ein tiefes Verständnis der Problematik des Zusammenhangs wechselseitiger Vorurteile, Ängste und Projektionen, ja, sie kann selbst als Appell zur Integration gelesen werden: Die Bedrohung wird aufgelöst, als Alexia Valter zum Mittanzen animiert.

Eine gesellschaftliche Utopie menschlicher Begegnungen steckt in der Art und Weise, wie sich die Menschen, Fremde auf dieser Reise begegnen. Und Alexia trifft ja außer Valter noch zahlreiche weitere Personen, allesamt Menschen, die ihr im Wortsinn „über den Weg laufen“. Und alle gehen so offen aufeinander zu, wie Kinder das tun: Ohne Hintergedanken, ohne Kalkül, ohne ein Abschätzen von Motiven und Absichten. Vorurteilsfrei nehmen sie den je anderen einfach mit Neugier als Menschen wahr. Die Trauergemeinde fragt nicht, was Alexia bei ihr sucht, nimmt sie wie selbstverständlich in ihrer Mitte auf; an Valter stellt Alexia erst nach einem Tag des gemeinsamen Wanderns fest, dass er dunkelhäutig ist; der Herbergswirt öffnet sein eigentlich längst geschlossenes Hotel freudig für das junge Pärchen; der Bäcker lässt Alexia von seinem besonders schmackhaften Brot kosten und schon zu Beginn des Romans erfahren wir, dass der allseits verhasste, scheinbar garstige Nachbar tatsächlich ein mitfühlender Tierfreund ist, der einen Igel von der Straße rettet. Das mutet alles recht märchenhaft und unrealistisch an, der konsequente Verzicht auf alle psychologischen Begründungen für das seltsam zutrauliche Verhalten der Personen enthält aber als Botschaft ein Bildverbot, ein Unvoreingenommenheitsgebot als Empfehlung für den Erstkontakt mit dem Anderen: Unterstelle dem Anderen nur ein interessiertes Wohlgefallen an Menschen, gehe nur mit offener Neugier und Friedfertigkeit auf den Anderen zu, dann wird es leichter fallen, Andersartigkeiten zu akzeptieren.

Der an realistisches Erzählen gewohnte Leser mag sich zudem an den zahllosen Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten stoßen, am 70 Jährigen, der nach seinem im Weltkrieg verschollenen Vater sucht, am Wirt, der sich bewirten lässt, am Kaminfeuer im Hochsommer, den Falken jagenden Tauben. Aber auch das Wundersame gehört zum Programm, die „Wahrscheinlichkeitshuber“ (A. Hitchcock) haben die spezielle Dialektik von Innenwelt und Außenwelt nicht verstanden, sie sehen nicht, was uns das Wundersame sagen will: Misstraue dem Augenschein, der Glaube an das Wünschenswerte versetzt Berge: Allein durch den „wilden Willen“, durch die „Kraft meines Blicks“ gelingt es, eine Quitte in den Baum zu zaubern: „Da hing sie, die Frucht, so schwer wie duftig.“ (S. 28) Das Innere ist so real wie das Äußere. Kleine Kinder wissen das noch. Die Welt krankt auch daran, dass uns diese Fähigkeit zur Imagination ausgetrieben wird. Misstraue auch den sogenannten „Informationen“, allem scheinbar Objektiven und Feststehenden. Die Welt ist flüssiger, als Du denkst. „Wunderbares zu schaffen, zugleich neben sich selber zu stehen, und überdies nur ausnahmsweise verstanden zu werden…: gewaltig.“ (S. 536)

Info

Die Obstdiebin. Oder einfache Fahrt ins Landesinnere Peter Handke Suhrkamp 2017

13:21 11.12.2017
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