Die Adler und der „Käßmannsche Unsinn“

Pazifismus Entscheidungen, in Krisengebieten militärisch zu intervenieren, werden unter dem Aspekt humanitärer Verantwortung immer öfter getroffen. Wohin wird das führen?
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http://www.klausfuerst.de/kaes.jpgEs ist geschafft! Der große Schwur des Jahres 1945 ist gebrochen; der Konsens unserer Elterngeneration Nie wieder Krieg – er ist nicht mehr. Der Diplomatie dürfen nun wieder „andere Mittel“ folgen.

Von der Thermik des Krieges ganz nach oben getragen, schauen die Adler herab auf die Lämmer und tun das, was sie so lange nicht tun konnten: sich ihrer Überlegenheit erfreuen. Ein Stolz, der auch daraus resultiert, dass sie sich der Eindimensionalität ihres Denkens nicht bewusst sind. Adler sind ja recht dumme Tiere, nur auf ihr Beuteschema fixiert. Fleißige Vögel, wie Raben oder Papageien sind weit intelligenter, aber was nützt es – die Adler beherrschen das Habitat.

Einer dieser hochdekorierten Adler lieferte dieser Tage wieder eine treffliche Demonstration seines eindimensionalen Denkens. General a.D. Klaus Naumann versuchte im Deutschlandfunk [i] die schnelle Eingreiftruppe der NATO in Osteuropa zu legitimieren:
»Wenn sie [die Russen] diese NATO-Truppen sozusagen berühren, dann stehen sie an der Schwelle eines bewaffneten Konflikts mit allen 28 NATO-Ländern, einem Konflikt, den Russland niemals gewinnen kann
Aber wir können ihn natürlich gewinnen! Und an den Opferzahlen sind ja dann die Russen schuld.
Dass die Bevölkerung jeder Art von militärischen „Lösungen“ ablehnend gegenübersteht, führt Naumann darauf zurück:
»Bei uns hat sich die Illusion breit gemacht, man könne alle Konflikte durch Verhandlung, durch Gespräch lösen. Das ist natürlich blanker Unsinn. Das ist auch gegen die Natur des Menschen
Jetzt wissen wir’s: die Natur des Menschen ist schuld. Aus welcher soziologischen Schule er das hat, bleibt im Geheimen. Aber Soziologie ist für ihn sicher auch nur ein Synonym für Spinnerei. So wie es der Pazifismus ist. Für seine Erzfeindin Margot Käßmann hat der General auch gleich noch eine Watschen parat:
»Käßmannschen Unsinn kann man zwar lesen und sich darüber amüsieren, aber das bedeutet nicht Frieden schaffen
Tut mir leid, Herr General; aber auf den Frieden, den die Adler schaffen, kann und will ich mich nicht verlassen. Da ist mir der „Käßmannsche Unsinn“ schon näher:
»Käßmann: Ich war überzeugt davon, dass man mit immer mehr Rüstung keinen Frieden schaffen kann. Das hat sich bis heute nicht geändert.
SPIEGEL: In diesem speziellen Fall wurden Sie allerdings von der Geschichte widerlegt. Die Entschlossenheit der Nato hat den Ostblock zum Einsturz gebracht und nicht die Chöre der Friedensbewegung.
(aus SPIEGEL-Interview) [ii]
Normalerweise würde man diesen bullshit, die Entschlossenheit der NATO hätte den Ostblock gestürzt, gar nicht kommentieren. Es illustriert aber ein nächstes Problem: auch die Medien schießen sich zunehmend auf Adler-Linie ein, und bemühen sich redlich, am Spinner-Image für Pazifisten mitzuarbeiten. So wie Josef Joffe, der Margot Käßmann in seiner charmanten Art als „die gefallene EKD-Ratsvorsitzende“ vorstellt und, mit Bezug auf besagtes Interview, sagt:
»Am Zweiten Weltkrieg fällt Käßmann (wie ganz Rechten) als Erstes nicht der moralisch zwingende Sieg über die Nazi-Bestie auf, sondern die "Schuld" der Alliierten, die "Städte voller Flüchtlinge bombardiert und Frauen vergewaltigt" haben.« [iii]
Da hat er ja wieder mal in die Trickkiste gegriffen, der Josef! Schauen wir uns also an, was tatsächlich gesagt wurde:
SPIEGEL:Frau Käßmann, war es ein gerechter Krieg, als die Alliierten Deutschland von der Herrschaft der Nazis befreiten?
Käßmann:Es war sicherlich ein Krieg mit einer guten Intention und am Ende die Befreiung vom Naziterror. Aber mir fällt es schwer, Kriege zu rechtfertigen. Es gibt nur einen gerechten Frieden. Wenn es zu einem Krieg kommt, ist das immer ein Versagen, weil es nicht schon viel früher Versuche gegeben hat, Waffengewalt zu verhindern.
SPIEGEL:Sie meinen, man hätte Adolf Hitler nur gut zureden müssen, dann wäre er schon friedlich geblieben und hätte keinen Krieg angezettelt.
Käßmann:So naiv bin ich nun auch nicht. Aber es gab frühe Warnungen, und auch die Alliierten sind nicht ohne jede Schuld geblieben, wenn Städte voller Flüchtlinge bombardiert und Frauen vergewaltigt wurden. Können Sie mir nur einen Krieg in den letzten 60 Jahren nennen, den man mit vernünftigen Gründen rechtfertigen kann?«

Vielleicht sind gar nicht die Adler die wirklich Gefährlichen, sondern jene, die sie aufsteigen lassen. Wirklich besorgniserregend ist deren immer breiter werdende Phalanx aus Politikern, Wirtschaftsbossen und leider auch Intellektuellen.
»Ach, die Stechschrittpazifisten von der Linken. Die erzählen samstags: Wenn die NVA damals marschiert wäre, hätte sie die Bundeswehr platt gemacht. Und sonntags sagen sie: Von deutschem Boden darf kein Krieg ausgehen[iv]
Dieses Zitat stammt nicht vom Reservistenstammtisch, auch nicht aus einer NPD-Wahlkampfrede, es ist von Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität lehrt. (Die Nachdenkseiten zählen ihn zu denjenigen Wissenschaftlern, denen der Professorentitel entzogen gehört.[v]) Er sieht als legitimes Ziel militärischer Intervention die »Herstellung von imperialer Ordnung zwecks Absicherung von Wohlstandszonen an den Rändern«. (Zur näheren Information empfehle ich dazu den Beitrag von Norman Paech. [vi])
Eine besondere Verantwortung Deutschlands im Umgang mit militärischer Gewalt lehnt Münkler rundheraus ab, wobei er die Dreistigkeit besitzt, sich auf Brecht zu beziehen, ohne jede kontextuale Legitimation, versteht sich. Brecht hätte ihm sicher entgegnet:
»Ich selber glaube nicht an die Rohheit um der Rohheit willen… Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr gemacht werden können.« [vii]

Bisher unterstellten wir immer nur den Amis, dass die aus wirtschaftlichem Interesse Kriege führen. Nun eröffnet sich auch uns diese Möglichkeit. Es ist ja nicht erst Joachim Gauck, der sich um ein neues Verständnis militärischer Gewaltanwendung redlich bemüht. Schon sein Vorgänger Horst Köhler hatte 2010 in Afghanistan geäußert, »dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege«. [viii] Was jedoch zu noch größerer Besorgnis Anlass gibt: wo bleibt die Friedensbewegung, wo der Aufschrei der Menschen? Hätte Karl Carstens in den 80er Jahren einen solchen Satz gesagt, eine Protestlawine wäre durchs Land gerollt. Die Frage wäre nicht gewesen, ob er zurücktreten muss, sondern ob man ihm den Großen Zapfenstreich gewähren darf. Was ist passiert seither? Geht es uns so schlecht, leiden wir unter solch großer Not, dass unsere wirtschaftlichen Interessen militärisch verteidigt werden müssen? Oder haben wir endlich erkannt, dass Recht, Moral und Gott auf unserer Seite sind?

Quellen

[ii] “Beten mit den Taliban” DER SPIEGEL 33/2014

[vii] Bertolt Brecht auf dem Schriftsteller-Kongress in Paris 1935

18:07 09.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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