Meine amerikanische Schwester

Familienbande Geschwister sucht man sich nicht aus, sie werden „geaddet“ und „delete“ ist keine Option
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Meine amerikanische Schwester
Foto: Orange County Archives

Zu mir und meiner Geburt fällt ihr nur ein, dass die anderen Kinder ihr hämisch nachriefen, dass „ihre Alten es noch trieben“. Verständlich, immerhin waren das Mittvierziger, und für Pubertierende ist die Gedankenkombination von Sex und Eltern mehr als peinlich.

Allerdings war sie sowieso ausgesprochen wütend als meine Eltern ihr sagten, dass sie noch ein Kind bekämen. Noch eine Schwester oder ein dritter Bruder.

Die 50er Jahre, ein schwäbisches Dorf, eine Familie zufällig dort gestrandet. Wenig Geld, aber viele Bücher.

Der Vater, geboren in der nahen Kreisstadt arbeitet als Keramiker und malt. Die Mutter, vielseitig interessierte Tochter eines Bahnbeamten aus einer fränkischen Stadt am Main, vertritt bürgerliche Qualitäten.

Es gibt unzählige Fotos aus meiner Kindheit, aber nur zwei oder drei, mit dem ältesten und dem jüngste Kind der Familie. Die einzige Erinnerung, die ich mit ihr und den Kindertagen verbinde ist, dass sie eines Tages, mir nichts dir nichts, meinen heißgeliebten Steiff-Hasen an die Nachbarskinder verschenkt.

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Anfang der 60er Jahre geht sie als Au-pair-Mädchen nach Kalifornien. Unsere weltoffenen Eltern unterstützen sie. Jedem von uns Kindern legen sie nahe sich Deutschland von außen anzusehen. Es ist ihre Art mit ihren verlorenen ersten Erwachsenenjahren in der Zeit des Nationalsozialismus fertigzuwerden.

Wir erhalten blaue Luftpostbriefe mit Photos die voller Licht und Farbe sind, das jedenfalls sagt mir meine Erinnerung. Sie schickt mir Päckchen mit bunten Kaugummis in vielerlei Geschmäcker. Hosenkleider und immer wieder Dinge, von denen ich nicht ahnte, dass es sie gibt, aber ohne die ich nicht mehr sein möchte.

Nachdem in ihrer Au-pair Familie sich erneut ein Kind ankündigt sucht sie sich einen Job im Büro. Sie weiß, sie wird bleiben. Sie fühlt sich wohl in Amerika. Die Westküsten Mentalität entspricht ihr, ebenso die pragmatische, sich nicht in Fragende stellende Lebensweise der Amerikaner.

Gleich, nachdem sie meine Eltern zu sich eingeladen hat, holt sie mich zu sich, einen ganzen Sommer lang. Ihr war die kleine Schwester eingefallen und, dass sie sie eigentlich nicht kenne.

Kurz zuvor hat sie geheiratet und lebt mit ihrem Mann in einem dieser typischen Einfamilienhäuser die mir schon aus den Fernsehserien bekannt sind. Vorgarten, Basketballkorb und Garage.

Die Sonne scheint durchs Fenster, wenn ich morgens haufenweise Toast mit Philadelphia Käse in mich hinein schaufle und literweise ungewohnten Orangensaft in mich hinein kippe. Ein Paradies. Schwager und Schwester arbeiten, und sind (noch) gänzlich unbefleckt von familiären Erziehungsmaximen.

Unvergessen eine von vielen Nächten allein vor dem Fernseher, als der von Kurt Neumann 1958 gedrehte Film ‚Die Fliege‘, läuft, und ich irgendwann brüllend vor Angst in das Zimmer der Schlafenden stürme. Bis heute kann ich die Großaufnahme abrufen, Halb Mann, halb Fliege in dusteren Schwarz-Weiß.

Eine andere Welt, eine andere Kultur hat sich mir vorgestellt. Die mir in späteren Jahren noch manches Kopfzerbrechen bereiten wird.

Nah sind wir uns dennoch nicht. Sie ist der verlängerte Arm einer Mutter. Eine Instanz, jedoch ohne deren tröstliche Nähe. Sehr viel später erst sehe ich ihre Verletzlichkeit und ihr großes Herz.

Ihren Gerechtigkeitssinn teile ich, auch wenn die Radikalität des Änderungswillens uns unterscheidet. Politisch kommen wir nicht auf einen Nenner. Das Wesen des Sozialstaates erschließt sich ihr ebenso wenig, wie außereheliche Lebensgemeinschaften oder institutionelle Kindererziehung.

Für sie hat sich der amerikanische Traum erfüllt. Sie gehört zu dieser Generation, die - geboren in einem vom Krieg gezeichneten Europa und aufgewachsen in Nachkriegszeiten - von dem Wunsch beseelt ist die Enge des Kleingeistigen zu verlassen. Sowie der Aussicht auf ein weniger beschwertes Leben. Ausgestattet mit wachem Geist und dem Stempel, das deutsche Schulsystem mehr schlecht als recht durchlaufen zu haben.

Mir gefällt der Wohlstand, den sie sich erwirtschaftet hat und, da bin ich mir sicher, der ihr so in Deutschland verwehrt geblieben wäre.

Meine Jugend allerdings liegt in den 70er Jahren, ich bin geprägt durch die Umorientierung meiner Eltern, sowie die Diskurse und Auseinandersetzung auf allen gesellschaftlichen Gebieten.

Meine Schwester wächst auf in einer traditionellen Familienstruktur. Ich habe eine berufstätige Mutter. Einen Vater und Brüder, die an der Hausarbeit beteiligt sind. Folgend führen meine Eltern eine Beziehung, die eines fernen Tages als LAT (living apart together) bezeichnet wird.

Englisch ist die Hauptsprache meiner Schwester. Haben wir gerade noch auf Englisch oder schwäbisch-deutsch geblödelt greifen wir in Diskussionen automatisch zu der Sprache in der sich jede von uns zu Hause fühlt. Sie in Englisch und ich in Deutsch.

Wenngleich sie regelmäßig Anteil am öffentlichen Geschehen nimmt hört gefühlsmäßig Deutschland für sie an der Mainlinie auf. Ihre Wurzeln liegen in Süddeutschland.

Auch Das-Himmels-hoch-jauchzen-zu-Tode-betrübt, die Sehnsucht, die Melancholie, der Überschwang der Gefühle, wie sie in den Idealen der Romantik zum Ausdruck kommen, sind ihr fremd.

Neulich sagte sie zu mir, durch meine Art verursache ich Turbulenzen in anderer Leben. Sie sagt aber auch, sie suche und mag Herausforderungen. Ich bilde mir ein, ein Teil davon zu sein, das ist ein gutes Gefühl.

Ihr Erwachsenenleben richtet sie sich relativ schnell und umgehend ein. Sie weiß sie will in einer Großstadt, am Meer und in Flughafennähe wohnen. Ihr Kind soll als Einzelkind aufwachsen und sie verbindet sich mit einem Mann, von dem sie sicher sein kann, dass er auf solide wirtschaftliche Verhältnisse Wert legt.

Über 40 Jahre wird dieser Mann an Ihrer Seite sein. Ihr Fixpunkt. Entschieden ihr Bild von Ehe und Familienleben. Zudem auch immer, in unterschiedlichen Konstellationen, Deutschland und die deutsche Sippschaft gehören.

Seit einem Jahr steht die Asche ihres Mannes auf ihrem Nachtisch. Zu ihr passt das und in Amerika darf es. Wütend und tieftraurig hat sie sein überraschender Tod hinterlassen. Aber gegenwärtig ist sie dabei mit Mut und Kraft weiterzugehen. Meine große Schwester. Happy Birthday!

1st published meta-eben.de

16:01 06.07.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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