Captain ohne Crew

Telefonphreaking - Wie so häufig, sind es die Gesichter hinter den Gesichtern, die die spannendere Story zu erzählen haben.
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Im Gesicht von John T. Draper spiegelt sich ein bewegtes Leben und seine weißen Haare hat er sich redlich verdient.

John Thomas Draper, noch nie gehört?

Gut möglich!

Obwohl, war er doch einst einer der gesuchtesten Menschen in den USA. Nachdem es ihm, in den 70er Jahren, gemeinsam mit einigen Freunden die blind sind gelang, das nationale Telefonnetz von AT&T (American Telefon & Telegraph) zu hacken, richtete sich das Auge des Gesetzes auf ihn. Als Sohn eines Air-Force Offiziers verbrachte er seine Kindheit und Jugend auf verschiedenen US-Luftwaffenstützpunkten, später diente er selbst bei der Air-Force und war außerdem begeisterter Hobbyfunker. Nach einem technischen Studium beschäftigte er sich mit Informatik und später schrieb er , zum Teil in Haft, das erste Textverarbeitungsprogramm "Eayswriter" für den Apple II, das er später auch für IBM-PC's portierte. Auch die Programmierumgebung "Forth" für Apple-Rechner stammt von ihm.

Doch zurück zum Phonephreaking. Zu jener Zeit hatte der US-Konzern AT&T das Wählverfahren von Impuls- (das altbekannte Klackern im Hörer, je nach gewählter Nummer unterschiedlich lang), auf Tonwahlverfahren (die einzelnen Nummern werden durch verschiedene Töne codiert) umgestellt. Allerdings waren zu Beginn die Wähltonübertragung und die Sprachübertragung nicht auf verschiedene Kanäle getrennt, was es ermöglichte, das Tonwahlsignal zu imitieren.

Wenn man den Hörer abnahm und bestimmte Tonkombinationen ertönen lies, konnte man sich in einen Operator-Modus bringen, der es erlaubte, jede Telefonnummer direkt anzuwählen. Draper und seine Freunde hatten aus den sechziger Jahren stammende Frequenzlisten aufgetan, die damals, als sich das Verfahren noch in der Entwicklung befand, in Technikmagazinen veröffentlicht worden waren. Somit wussten Sie, welche Tonfolgen z.B. interne Gespräche der Telefongesellschaft ankündigten und konnten dadurch kostenlos Inlands- und Auslandsgespräche führen, was ansonsten damals noch ein ziemlich teures Vergnügen war.

Nachdem er festgestellt hatte, dass ein Gimmick in den Frühstücksflocken mit dem Namen "Cap'n Crunsh", eine kleine Pfeife, auch den reinen 2600 MHz Ton erzeugen konnte, der beim Phreaking eine wichtige Funktion hatte, fand sich so auch sein Spitzname: "Captain Crunsh".

Zu jener Zeit machte er die Bekanntschaft mit den beiden Steves, Jobs und Wozniak, die jene Technik nutzten um ein erstes kleines Unternehmen, vor der Gründung von Apple, aufzuziehen. An der US-Ostküste, im Mafialand, tauchten nicht lange danach so genannte Blue-Boxes auf, welche die erforderlichen Tonkombinationen auf Knopfdruck erzeugten und es jedem ermöglichten, auch aus Telefonzellen, kostenlose Ferngespräche zu führen. Ideal für die Wettmafia! Die Gerüchte besagen, 1000 jener Blue-Boxen wurden in Fernost gefertigt und für 300 USD pro Stück in den USA verkauft.

Zumindest klingt diese Story um einiges glaubhafter, als der im Wikipediaeintrag verbreitete Mythos des Neoliberalismus, Apple wäre aus einer Garage und dem Verkaufserlös für Steve Jobs VW-Käfer hervorgegangen.

In einem Interview mit dem Esquire im Oktober 1971 beschreibt Draper seine Motivation folgendermassen:

"I don't do that. I don't do that anymore at all. And if I do it, I do it for one reason and one reason only. I'm learning about a system. The phone company is a System. A computer is a System, do you understand? If I do what I do, it is only to explore a system. Computers, systems, that's my bag. The phone company is nothing but a computer."

John Draper wurde für den Hack dreimal verurteilt, und verbrachte zwei Haftstrafen. Die Umstellungskosten für die von ihm und seinen Freunden aufgedeckte Lücke im System sind unkalkulierbar. Nachdem er sich mit seinem "Easywriter" gegen Bill Gates durchsetzen konnte und sein Programm auch auf IBM-PC's lief, erlangte er für einige Zeit finanzielle Unabhängigkeit, konnte sich ein Haus und ein eigenes Auto kaufen.

In den 90er Jahren lebte er für längere Zeit in Indien und Australien und war Teil der Rave-Szene, inzwischen symphatisiert er mit der Occupy-Bewegung in Europa und den USA.

Captain Crunsh - Hörspiel

https://www.youtube.com/watch?v=jOLEkxdb5m0

The History of Hackers - Film

https://www.youtube.com/watch?v=FufYSx2_6Bg

01:59 03.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

knattertom

reisewütiger Mit40er der "D" den Rücken gekehrt hat, um neues zu entdecken. Interessierter Beobachter von aussen so to say...: knattertom@freenet.de
knattertom

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