Scheitern – kennste?

Liebe Ein Abend mit Michael Nast, dem Mario Barth der selbstkritischen Großstadtsingles

Großstädte sind Tempel der Einsamkeit. Berlin zum Beispiel: Von den 3,6 Millionen Einwohnern wohnt etwa ein Drittel allein. Damit ist die Hauptstadt keine Ausnahme: Ob New York City, Tokio oder Paris – da, wo die Moderne pulsiert, floriert die Isolation.

Warum ist das so? Haben Großstadtmenschen kein Bedürfnis nach Nähe? Oder ziehen hier nur alle hin, die gern würden, aber nicht können? Einer, der glaubt, das beantwortet zu haben, ist Michael Nast. In seinem Erfolgsbuch Generation beziehungsunfähig (2016) fiel seine Diagnose des Großstadt-Singledaseins vernichtend aus: Eine ganze Alterskohorte um die 30 habe das Lieben schlicht verlernt. Sie seien in einer Welt groß geworden, in der es in jeder Sphäre, vom Konsum über die Arbeit bis zur Beziehung, immer ein „besser“ gibt, wodurch langfristige Bindungen irrational erscheinen.

Jetzt, zwei Jahre danach, will es der 44-jährige Nast noch einmal wissen. Wobei: Wissen will er nichts mehr, er möchte vor allem unterhalten. Sein neues Buch #Egoland ist ein Roman, das heißt: keine mühsamen Interviews, keine drögen Statistiken mehr. Das ist reizvoll, betont er auf einer Lesung an der Berliner Universität der Künste, schließlich könne er so „schreiben, was man sonst nicht schreiben kann.“

Seine Romanfigur Andreas zum Beispiel, der „charismatische Schriftsteller“, wie er ihn verschmitzt lächelnd vorstellt, um das Publikum wissen zu lassen: Das bin eigentlich ich. Der sagt einiges, was Nast so vermutlich nicht preisgeben würde. Vielleicht, weil seine Schilderungen von Dates mit „Psycho Girls“ an der Grenze zur Frauenfeindlichkeit balancieren?

Nein, das kann es nicht sein. Sonst würden „Andreas‘“ Geschichten im zu gut zwei Dritteln mit Frauen gefüllten Konzertsaal nicht so gut ankommen. Sein Alter Ego hat Nast ein wenig verjüngt. Andreas ist 38, und seinen Weltschmerz übers Alleinsein in der Großstadt „betäubt“ er im „Berliner Nachtleben“ mit „unverbindlichem Sex“. Sein Publikum liegt Nast zu Füßen ob diesem ironisch-selbstgefälligen Spiel zwischen Real- und Kunstfigur. Es ist, als würde ein sprachlich etwas begabterer Mario Barth seine Hitparade der Klischees in urbanisierter Form zum Besten geben, nur ohne „Kennste? Kennste?“ Das muss sich der Leser hinzudenken.

Geht ja allen so

#Egoland erzählt vom Schönsaufen (kennste?) oder vom Seitensprung mit der Kollegin (kennste?). Eigentlich scheitert jeder Charakter. Selbst äußerlich harmonisch wirkende Beziehungen sind introspektiv gut geschauspielerte Katastrophen mit reichlich Peinlichkeiten, Missverständnissen und Betrug.

„Es ist so schwer in Berlin einen zurechnungsfähigen Mann zu finden,“ lässt Nast eine Protagonistin seufzen. Gelächter, Applaus. Hinter jedem herzhaften Lacher im Publikum steckt ein innerliches Aufatmen: Es geht ja allen so, zum Glück! Verrückt sind immer die anderen.

Für Nast gilt die Devise: Wenn du lang genug in den Abgrund starrst, lacht er dich an. Seine besorgniserregende Bestandsaufnahme aus dem Vorgängerbuch degeneriert in #Egoland zu einer Mischung aus Soap und Sitcom in Textform. Das schmerzhafte Alltägliche fetischisiert er so, dass es lächerlich und somit erträglich wird. Wirklich verstehen möchte er das ihn umgebende, hochmoderne Elend zwischen Isolation und Nähebedürfnis nach wie vor nicht. Warum auch? Es ist doch gerade so schön lustig, hier in der Hauptstadt der Einsamkeit.

06:00 02.06.2018

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