Keine Tragödie, aber eine Farce: Vinyl im Jahr 2022

Musik Schallplatten erleben eine beeindruckende Renaissance, aus der die Musikindustrie so viel Geld wie möglich herauspressen will
„Lakritzpizza“ lautet eine liebevolle englische Umschreibung für die Vinylschallplatte
„Lakritzpizza“ lautet eine liebevolle englische Umschreibung für die Vinylschallplatte

Foto: Matt Cardy/Getty Images

Ursprünglich sollte der sogenannte Record Store Day, der dieses Jahr am 23. April begangenen wird, die Wichtigkeit der kleinen Plattenläden gegenüber der großen Musikindustrie hervorheben. Entworfen 2008, sollte der Tag zeigen, wer Musik als Kultur wirklich am Leben erhält, anstatt sie nur finanziell zu melken.

Die Idee des Record Store Day war gut, schnell verwandelte sich der Tag jedoch in genau das, was er bekämpfen wollte: Limitierte Vinyl-Sondereditionen, speziell veröffentlicht zum Plattenfeiertag mit dem Ziel, Kunden in die Läden zu locken, wurden von Einzelnen gehortet, um sie später teurer verkaufen zu können – genau jene Angebot-und-Nachfrage-Herangehensweise, die doch konterkariert werden sollte.

Ausgerechnet im digitalen Zeitalter erlebt das alte Musikformat eine beeindruckende Renaissance. 2020 meldete die US-Musikindustrie, dass zum ersten Mal seit 1986 wieder mehr Umsatz mit Platten als mit CDs erwirtschaftet wurde. Der Hype ließ sich auch hierzulande beobachten: LPs, etwa von Lana Del Rey, gab es zwischenzeitlich bei Aldi Nord, jeder Elektrofachhändler hat wieder eine Vinyl-Abteilung, und von der kleinen Band bis zum großen Popstar pressen aktuell viele (wieder) auf schwarzes PVC.

Vor Kurzem hat hier die Marktmacht aber zugeschlagen: Die wenigen Presswerke in Deutschland kommen kaum damit nach, die zahlreichen Neuauflagen in riesigen Stückzahlen zu produzieren – wie etwa Taylor Swifts zweites Studioalbum Fearless als Dreifach-LP für schlappe 55 Euro. Dreifach? Auch das ist der neue Vinyl-Hype: Es wird auf so viel Material gepresst wie nur möglich, um die hohen Preise zu rechtfertigen. Einige sind damit scheinbar überfordert: Auf Amazon soll es Beschwerden gegeben haben, dass Frau Swift plötzlich wie ein Herr klinge. Nicht jeder weiß (noch), dass es am Plattenspieler normalerweise einen Schalter für 33 oder 45 Umdrehungen gibt.

Auch der Rohstoffmangel – PVC, Papier und Kartonagen sind knapp – treibt die Preise in die Höhe. Labels nennen Anstiege um mehr als 60 Prozent. Wer heute noch eine Plattensammlung aufbauen will, muss Geld übrig haben.

Es ist der erste Record Store Day seit der Pandemie, der wieder als reale Feierlichkeit ausgetragen wird, in Plattenläden auf der ganzen Welt. Der Musikbranche geht es so gut wie lange nicht. Für die Verluste in der Zeit des illegalen Filesharings scheint sich die Industrie nun aber verspätet rächen zu wollen, indem sie aus dem Vinyl-Hype so viel Gewinn presst wie möglich. Das schwarze Gold ist wieder da, aber als Farce.

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