kopfkompass
11.05.2014 | 12:34 58

Über Schönheit & Bedeutung der Conchita Wurst

Eurovision Hat Europa wirklich begriffen, was außer Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewonnen hat? Sind wir wirklich so cool? Oder waren wir nur betrunken?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied kopfkompass

Über Schönheit & Bedeutung der Conchita Wurst

Foto: escaustria.at / flickr (CC)

Travestie, das weiß ich auch aber leider nicht nur aus eigener Erfahrung, ist ein heißes Eisen. Viel zu oft kippt sie in die bloße Reproduktion überzogener Geschlechterklischees. Dass Männer aber wie kruden Schönheitsidealen hoffnungslos erlegene Frauen aussehen können, hilft niemandem. Und dass es Frauen gelingt, Manta-Kalle aus den 80ern auferstehen zu lassen, macht auch niemanden freier. Denn mit dem Äußeren wechselt auch der Habitus und übrig bleiben: Diven und Gigolos. Die aber haben mit Frausein und Mannsein ungefähr so viel zu tun, wie ein gängiger ESC mit guter Musik.

Bei Conchita ist das anders. Zwar bedient auch sie sich der gängigen Klischees, besitzt aber die Frei- und Frechheit, aus dem abgegriffenen Bauchladen der Geschlechter-Indikatoren solche zu wählen, deren Kombination strengsten verboten ist. Dadurch gelingt es ihr besser als anderen Travestiekünstlern, diese Indikatoren als das zu entlarven, was sie sind: Karnevalsmasken. Kostüme. Instagram-Filter. Jedenfalls keine Schicksale. Nichts Gottgegebenes. Kein „Frauen sind so, Männer sind so“.

Es ist fabelhaft, dass Conchitas gnadenlose Überhöhung sekundärer Geschlechtsmerkmale, ihr übertriebenes performing gender, nicht dort endet, wo Travestie meistens endet: Im nebligen Bermudadreieck zwischen Kitsch und Trash und den Geschlechtervorstellungen der 50er Jahre. Und es geradezu grandios, dass sie es im Gegenteil schafft, etwas zu kreieren, dass ich mich kaum hinzuschreiben traue: Schönheit. Wenn man sich erstmal an ihren Anblick gewöhnt hat, sieht man: Schönheit, unbestreitbar. Mit all der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit, mit all der Extravaganz und Banalität, mit all der Unnatürlichkeit und Zauberhaftigkeit die der Schönheit nun mal innewohnt. Und mit der sie uns seit wir kucken können anzieht und abstößt.

Deshalb finde ich nicht, dass ihr Sieg der Schwulenbewegung dient oder der Akzeptanz von Trans-Menschen oder Crossdressern. Jedenfalls nicht unmittelbar. Ich finde, der Ruhm der Conchita Wurst feiert vor allem die Individualität. Das Ichsein. Wie auch immer das aussehen mag. Und das ist verrückt, denn was kann eine Kunstfigur schon mit Authentizität haben?

Mit der vorbehaltlosen Verehrung der Individualität ist es ja auch so eine Sache. Zumindest dann, wenn Individualität als Synonym für Anderssein gebraucht wird. Anderssein geht nur, wenn etwas zum Vergleichen da ist. Anderssein braucht immer ein „anders als“, und ist dann ja doch nur wieder Spiegelbild und nicht eigentlich individuell sondern eher eigentümlich hohl.

Das ist bei Conchita aber nicht der Fall. Denn es ist nicht nur ihr Style oder nur ihr Statement, das sie auf den ersten Platz katapultierte. Es ist auch ihre Stimme, die zwar nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann, aber dennoch oder deshalb wieder eines ist: unbestreitbar schön. Und es ist die Attitüde, auf Tänzer im Hamsterrad, Trapezartisten und Kunstregen zu verzichten und stattdessen nur diese entschieden unentschiedene Person ins Zentrum des Geschehens stellen (und ihr zu ihrem Phönix-aus-der-Asche-Song noch Feuerflügel zu verpassen, damit es auch der letzte kapiert).

Aus Conchitas dreisten Remix des Bewährten aber kann man eine Botschaft lesen: Entspannt euch. Seid Kinder. Spielt. Überkommt eure Hemmungen, wenigstens ein bisschen, und seid was euch gefällt. Wenn euch Haare unter den Armen wachsen oder auf den Wangen, dann ist das cool. Und wenn nicht, dann ist das auch cool. Und wenn ihr Lipgloss mögt dann tragt welchen, auch wenn ihr im Stehen pinkelt.

Das ist alles albern, ich merke das selber, denn es sind wieder nur Äußerlichkeiten. Aber über diese Äußerlichkeiten kommunizieren wir, wer wir sind oder sein wollen. Und die bezaubernde Conchita (ich KANN nicht „die bezaubernde Wurst“ schreiben, ich bin VEGANER!!1!) traut sich, etwas sein zu wollen, das zwar nicht jenseits der Normen ist, aber wenigstens herrlich dazwischen.

Sie ist sich tausendprozentig sicher, dass sie okay ist, wie sie ist. Und ich liebe, dass wir das lieben.

Die Kunstfigur Conchita Wurst des österreichischen Künstlers Tom Neuwirth gewann am 10. Mai das Finale des Eurovision Song Contest.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (58)

Oberham 11.05.2014 | 17:44

Because of the discrimination against Tom in his teenage- years, he created Conchita. The Bearded Lady, as a statement. A statement for tolerance and acceptance- as it's not about appearances; it's about the human being. 'Everybody should live their lifes however they want, as long as nobody else gets hurt or is restricted in their own way of life.'

Das schreiben Tom und Conchita über sich selbst - und - das kann ich sofort unterschreiben!!

Soloto 11.05.2014 | 19:07

Hab mir das gerade bei Youtube angeschaut und bin auch sehr beeindruckt. Hab die anderen Beiträge zwar nicht gesehen, bin mir aber absolut sicher, dass Conchita verdient gewonnen hat.

Der Schlüssel für diesen Triumph liegt imo in ihrer Präsenz. Sie ist still und rührt sich nicht vom Fleck. Sie steht einfach nur da, singt grandios und ist sie selbst. Und die an sich abgegriffene Phönix-Metapher erfüllt Conchita mit dem ruhigen Sein ihrer offenbaren Verwandlung zu einer keinen zweifel duldenden Lebendigkeit. Hut ab! ************ auch von mir.

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Ehemaliger Nutzer 11.05.2014 | 19:23

Bei all der Euphorie stelle ich mir doch die Frage:

Hat Conchita Wurst den Contest nun gewonnen, weil ihr Lied und die Performance so großartig waren oder weil die Zuschauer vor den Fernsehern und die Jury vor Ort sich an ihrer eigenen Toleranzfähigkeit berauscht haben?

Wie steht es denn wirklich um unsere Toleranz?

Sind wir denn erst dann wahrhaft tolerant, wenn der Jubel über den Gewinn des Titels nichts mit außermusikalischen Fragen wie der sexuellen Orientierung zu tun hat und sich ein Artikel wie der oben sich nicht mit irgendwelchen "Statements" beschätigt sondern allein mit dem Song, der Stimme und der Vortragsweise der Künstlerin?

Im Laufe des Abends beschlich mich irgendwann der (hartnäckige) Verdacht, dass die dem Contest innewohnende trashige Exzentrik, ihr unverhohlener Exhibitionismus und diese theatralische und tränenreiche Sentimentalität vielleicht gar nicht so weit weg sein könnten von den Schaubühnen früherer Jahrhunderten, die den wohligen Schauer bei Elefantenmenschen, Muskelmännern, bärtigen Frauen, Somnabulen, Zwergen und Hungerkünstlern etc. zelebrierten.

Was, wenn unsere Euphorie über den Sieg von Conchita Wurst nicht genau das Gegenteil von dem offenbart, was wir gerne von uns kundtun möchten - nämlich dass wir so fortschrittlich gar nicht sind wie wir glauben?

freedom of speech? 11.05.2014 | 20:10

Skurriles vom Nachbarn zum Thema:

http://www.spiegel.de/kultur/tv/wurst-triumph-beim-esc-russische-politiker-werden-ausfaellig-a-968777.html

„…Die russische Politik nimmt den Sieg der Dragqueen allerdings nicht ganz so gelassen. Der rechts-nationalistische LDPR-Abgeordnete Wladimir Schirinowski, bekannt als Populist, der gerne mal mit scharfen Sprüchen provoziert, wurde am Sonntag im russischen Fernsehen ausfällig: "Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas", sagte der 58-jährige Politiker.

"Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es", ergänzte Schirinowski mit Blick auf den Geschlechter verwischenden ESC-Gewinner aus Wien und fügte hinzu: "Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen." Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die sowjetische Armee einen Teil von Österreich, damals Teil des Deutschen Reichs, als Besatzungszone verwaltet….“

Viele Grüße

fos?

Dreizehn 11.05.2014 | 20:50

Das war Paaahdie, klar. Kitsch as Kitsch can. Schlan-Jubel wie Fußball-EM. Mein Interesse daran tendiert gegen Null, ich habe mir vorhin Wursts Song angehört, den ich einfach nur bescheuert finde. Hunters obiger Kommentar trifft.

Vielleicht sollte man noch einen Gedanken an den Sieg dieser Kunstfigur verwenden, sozusagen kritisch beäugt. Womöglich zeigt das einfach nur an, daß die Männer mit ihrer Männerrolle tief im Frust liegen, und den Frauen geht es nicht anders. Vieles weist darauf hin, daß das die reale Lage der Dinge ist, und Paaahdie gern in Verbindung mit Rausch half immer schon, die Augen vor der Wirklichkeit zu schließen.

Wie sagt man gleich? Spaßbremse. Genau. Spaßbremsen, die haben wir bitter nötig.

dame.von.welt 11.05.2014 | 21:20

Womöglich zeigt das einfach nur an, daß die Männer mit ihrer Männerrolle tief im Frust liegen, und den Frauen geht es nicht anders.

Bitte? Ich liege mit meiner Weiblichkeit nicht tief im Frust. Sprechen Sie bitte für sich selbst. Es könnte aber was dran sein, daß zunehmend viele Frauen genervt von frustrierten Männer und ihrem Beharren auf Geschlechterollen sind.

Daß die Kunstfigur Conchita Wurst entstanden ist, trifft weniger eine Aussage über frustrierte Heten als über die Diskriminierung von Homo-, Trans- und Intersexuellen. Durch, Sie sagen's, frustrierte Heten, denen es immer noch schwer fällt, die Alleindeutungshoheit über Geschlechter und Rollen verloren zu haben.

Die Musik ist auch nicht meine, es ist aber ein hinreißend gut gesungener James-Bond-Titel und sie eine wunderschöne Kunstfigur, die den ESC und die von Hunter erwähnte Sensationslust an der bärtigen Frau perfekt bediente. Die setzt noch ein paar oben drauf und ich freue mich wie Bolle, daß es aufging. Am Ende hat sie nicht trotz oder wegen, sondern mit Bart gewonnen.

Spaßbremsen, die haben wir bitter nötig.

Ah was? Diese Rolle erfüllen Sie jedenfalls schon mal recht gut. Bloß: wem nützt das?

Dreizehn 11.05.2014 | 21:49

"Heten", wenn ich Ihre Zeilen richtig lese, ist Ihre - zuvor schreiben Sie ja ausdrücklich von "Homo-, Trans- und Intersexuellen" - diskriminierende Wortwahl anstelle des landläufigen Ausdrucks "Heterosexuelle"? Na sowas.

Ich schätze mal, unter derartigen Vorzeichen sollten wir uns ein Gespräch ersparen.

Und Sie fragen allen Ernstes, wem das nützt, wenn wir hier auf unseren Fußball-Bohei und all den TV-Zauber von Bohlen über Klum bis ESC verzichten? Das hinterläßt mich sprachlos.

dame.von.welt 11.05.2014 | 22:14

Ich schätze mal, unter derartigen Vorzeichen sollten wir uns ein Gespräch ersparen.

Bitte gern, Sie haben allerdings Einiges nicht ganz verstanden. Erstens geht's nicht um frustrierte männliche Heterosexuelle, sondern um den Erfolg der Kunstfigur Conchita Wurst und zweitens bin ich eine ziemlich eindeutige Hetera, darf mich also selbst vermutlich schon - wie sagten Sie gleich? Richtig, mit der diskriminierenden Wortwahl Hete belegen.

Ich halte es für etwas unwahrscheinlich, daß Sie, dazu noch mit Ihren ausnehmend freundlichen Worten, irgendjemanden zum Verzicht auf Fußball-Bohei und all den TV-Zauber von Bohlen über Klum bis ESC werden überreden können. Beim nächsten Fußball-Bohei werde ich aber mal auf Ihre Beiträge achten, wie es dann mit Ihrer kritischen Beäugung so steht.

Mich hinterläßt nämlich sprachlos (na, nicht wirklich), daß Sie Ihre Geschlechterrollen-, Medien- und Gesellschaftskritik ausgerechnet anläßlich des ESC-Siegs einer Drag-Queen anbringen müssen. Na sowas.

Oberham 12.05.2014 | 09:16

... man könnte auch sagen, die Russische Nomenklatura verhält sich sehr ungeschickt.

Manchmal kommt es mir vor, als stritten sich da zwei widerliche Figuren - die eine kommt grobschlächtig daher, die andere verschlagen.

Im propagandistischen Kosmos kommt Diskriminierung eben gaaaaanz schlecht rüber - umso effizienter praktiziert man sie überall, ob nun im "toleranten" Westen, oder im "intoleranten" Osten.

Persönlich denke ich, es gibt eben auch widerliche Schwule, widerliche Lesben - sicher viel weniger als widerliche Heteros oder ich vergaß - Bi´s - schlicht weil die öfter vorkommen in unserer Art.

Das gleiche dürfte für die Hautfarbe gelten.

.... und überall gilt für mich - wer glaubt da gäbe es signifikante Unterschiede, der hat schlicht schon prinzipiell eine etwas seltsame Gedankenwelt unter seiner Schädeldecke - daher ist diese ewige Debatte von Grund auf seltsam - es ist traurig, überhaupt darüber reden zu müssen, da es selbstverständlich ist - Veranlagung und Hautfarbe sind erhaben über jede Wertung - und Menschen die eine Veranlagung haben, die direkt anderen schadet, vor allem hilflosen - die benötigen schlicht Hilfe, den niemand wird auf Dauer glücklich sein, wenn er anderen Schaden zufügt.

(Wo wir wieder bem KI landen.........)

.... tja - und plötzlich wird klar was für intollerante Gesellschaften doch auf dem globalen Spielfeld, sich gegenseitig das Leben schwer machen.

Jupiter 12.05.2014 | 11:27

Ich möchte nun wirklich nicht als Besserwisser wirken, aber das mit dem "seit" und "seid" ist sehr einfach zu merken.

Hatte auch lange Probleme damit bis ich mir eine Eselsbrücke gebaut hatte. Die ist wie folgt:

Sei(T) wird nur verwendet wenn es einen zeitlichen ( (T)ime ) Bezug hat.

T=Time

z.B. Sei(t) über hundert Jahren ... ; Sei(t) langem denke ich ....

ansonsten

Sei(d) z.B. Ihr sei(d) alle froh ... ; So wie ihr sei(d), ist es am besten.

Hoffe diese Tip wird mir nicht übel genommen!

Rufus T. Firefly 12.05.2014 | 11:51

Hab eine ausgewachsene Aversion gegen den ESC, die auch mein ehemaliger Mitbewohner, seines Zeichen alljährlicher ESC-Supporter, trotz zahlreicher Versuche nicht vermindern konnte. Der wollte mich jedes Jahr auf den Spielbudenplatz mitzerren. Keine Chance, die räumliche und akustische Nähe war mir bereits mehr als genug :)

Als Conchita Wurst in den Medien auftauchte, dachte dich mir, wie mutig! Rechnete ihr aber nicht den Hauch einer Chance zu. Als ich von ihrem Sieg las, sagte ich mir im ersten Moment: Geirrt - Wie geil. Mein zweiter Gedanke ging in eine ähnliche Richtung, wie der letzte Absatz von Hunter.

Was, wenn unsere Euphorie über den Sieg von Conchita Wurst nicht genau das Gegenteil von dem offenbart, was wir gerne von uns kundtun möchten - nämlich dass wir so fortschrittlich gar nicht sind wie wir glauben?

Aber unabängig davon, ob da was dran sein mag oder nicht, schafft Conchitas Sieg mehr Aufmerksamkeit für Transexuelle und ist ein Stinkefinger an die Prediger der Heteronormativität. Ob diese Aufmerksamkeit nachhaltig positiv ist und auch eine gewisse Empathie für alternative Lebensweisen hervorbringt, wir sich erst im Laufe der Zeit zeigen.

Lethe 12.05.2014 | 12:39

eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Wenn man sich erstmal an ihren Anblick gewöhnt hat, sieht man: Schönheit, unbestreitbar.

nöö, man sieht einen Mann, der auf Frau macht und dabei vergessen hat, den Bart zu entfernen

Für die Sache der Transgender und Transsexuellen ist erst was gewonnen, wenn nach einem Auftritt wie dem von Wurst einziges Gesprächsthema der schlechte Gesang ist. Bis dahin beweist die euphorische Aufregung eigentlich ihr Gegenteil.

karamasoff 12.05.2014 | 13:03

"Wenn man sich erstmal an ihren Anblick gewöhnt hat, sieht man: Schönheit"

Für mich ist das nichts mehr als ein Unterstützen erzreaktionären Stereotypendenkens. Form und Inhalt des ESC sind seit Jahren nichts anderes als Business mit Stereotypen: stereotype Musik (der Trend diese konterkarierend zu Überspitzen hat sich nicht durchgesetzt), stereotypes Styling, stereotypes Menschenbild (mit einem lächerlichen Frauenbild von Männern für Männer, ob hetero oder homo).

Wenn ich mich erstmal an den Anblick gewöhne, wird auch das Arschloch eines Elefanten irgendwann Schönheit. Oder Armut.

Machen wirs uns gemütlich...

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Ehemaliger Nutzer 12.05.2014 | 13:37

"nöö, man sieht einen Mann, der auf Frau macht und dabei vergessen hat, den Bart zu entfernen"

Oder eine Frau mit ordentlich Damenbart ;-)

Tatsächlich finde ich die Person aber schön, symmetrisch, gepflegt und von der Gesichtsform her sehr weiblich. Ich sehe eher eine Frau mit Bart.

"Für die Sache der Transgender und Transsexuellen ist erst was gewonnen, wenn nach einem Auftritt wie dem von Wurst einziges Gesprächsthema der schlechte Gesang ist."

Ja, wobei irgendwo muss man ja anfangen.

"Bis dahin beweist die euphorische Aufregung eigentlich ihr Gegenteil."

Nicht unbedingt, es könnte ja auch Ablehnung oder Spott sein...

freedom of speech? 12.05.2014 | 13:51

"...solche Idioten laufen bei uns auch rum...."

Wohl wahr.

Solange sie nur rumlaufen, ist das ja auch kein Problem. Wenn sie allerdings bei Gesetzen mitmachen und „Mainstream“ werden, wirds schon schwieriger.

Viele Grüße

fos?

P.S. Ich hab mich für Wurst gefreut und das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen.

Die russischen Mädels haben mir leid getan. Das Ausbuhen galt wohl nicht ihnen.

Serg Derbst 12.05.2014 | 14:25

Man muss auch nicht in alles was tiefes hineininterpretieren (was der Autor hier ja auch selbst erkennt), schon gar nicht in ein so oberflächliches Spektakel wie den ESC. Ich finde die hätte schon alleine wegen ihres Namens den Sieg verdient. :)

Ansonsten stimme ich zu, das hatte was, so rein Ästhetik-mäßig. Aber deswegen brauchen wir uns nun wirklich nicht in unserer eigenen angeblichen Toleranz suhlen. In Deutschland ist die sog. Homo-Ehe immer noch nicht gleichwertig, dürfen schwule oder lesbische Paare immer noch keine Kinder adoptieren, in Frankreich gehen tausende gegen die Homo-Ehe auf die Strasse. Und wenn sich ein Fussballspieler outet, dann wird das medial zur Kitschparade hochgeschaukelt und es wird deutlich: Es geht eigentlich nur darum, uns selbst auf die ach-so-toleranten Schultern zu klopfen. Das ist alles etwas armselig.

Dass es auch bei dem ESC mit der Toleranz nicht weit her ist, wurde dadurch deutlich, dass jedes mal, wenn Punkte an Russland gingen, gebuht und gepfiffen wurde. Was können denn die beiden Teenager für die (vom Fernsehvieh wahrgenommene) Politik ihres Landes? Nun ist ja bekannt, dass der ESC vorwiegend von Schwulen besucht wird, die mögen den Putin ja eh nicht (kann ich sogar verstehen), aber deswegen zwei unbeteiligte Teenager ausbuhen? Fand ich unter aller Sau.

Man sollte lieber die Franzosen ausbuhen, weil sie es einfach nicht akzeptieren wollen, dass Englisch die lingua franca ist - aber das nur mal wieder am Rande. ;)

janto ban 12.05.2014 | 16:41

Ein super Text. Verbeugung, dass du es geschafft hast, diese schlauen Worte zu finden.

|| Und es geradezu grandios, dass sie es im Gegenteil schafft, etwas zu kreieren, dass ich mich kaum hinzuschreiben traue: Schönheit ||

Und gut, dass du das hingeschrieben hast. Auch, was die Stimme und vor allem die Ruhe und die innere Haltung, von der man gar nicht anders kann, als anzunehmen, dass sie da ist, anbelangt.

Danke!

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Ehemaliger Nutzer 13.05.2014 | 09:45

Das Bedürfnis sich als tolerant darstellen zu können (in der allgemeinen westeuropäischen Diktatur) ist so irrational, wie wenn man Äpfel und Birnen gleichmacht, Menschen und Menschinnen aber differenziert,

Wenn jemand das andere Geschlecht meint imitieren zu müssen, dann hat er den Begriff Authentizität emotional nicht erfasst und ist deshalb auf den VERGLEICH angewiesen. Das ist -bei aller Tragik- immer auch abstossend weil sentimental statt liebesfähig, selbstironisch statt ehrlich , eine Augenwischerei um der Einsamkeitsvermeidung willen - es ist das allgemeine postmoderne `Nach mir die Sintflut,arm aber sexy! `.

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Ehemaliger Nutzer 13.05.2014 | 09:46

Das Bedürfnis sich als tolerant darstellen zu können (in der allgemeinen westeuropäischen Diktatur) ist so irrational, wie wenn man Äpfel und Birnen gleichmacht, Menschen und Menschinnen aber differenziert,

Wenn jemand das andere Geschlecht meint imitieren zu müssen, dann hat er den Begriff Authentizität emotional nicht erfasst und ist deshalb auf den VERGLEICH angewiesen. Das ist -bei aller Tragik- immer auch abstossend weil sentimental statt liebesfähig, selbstironisch statt ehrlich , eine Augenwischerei um der Einsamkeitsvermeidung willen - es ist das allgemeine postmoderne `Nach mir die Sintflut,arm aber sexy! `.

tolu0309 13.05.2014 | 10:21

dann hat er den Begriff Authentizität emotional nicht erfasst

Also ich für meinen Teil verkneife mir gerne ein Urteil darüber ob andere Menschen authentisch sind oder nicht, denn das können letztlich nur diese selbst wissen. Ich käme mir bei einem solchen Urteil doch sehr arrogant vor. Wie geht es Ihnen dabei ?

Und für den möglichen Untergang der Menschheit mag es ja viele mögliche Gründe geben - ein bärtiger Transvestit gehört sicher nicht dazu. Allerdings wird er auch nichts wesentliches zur Rettung der Menschheit betragen können, denn letztlich ist es doch nur Show.

angnaria 13.05.2014 | 11:27

Naja, man kann natürlich alles zerreden. Fakt ist: Die relative Mehrheit der Zuschauer hielt diesen Beitrag in irgendeiner Weise für den Besten. Mir hat er auch sehr gut gefallen und als Österreicher freue ich mich vor allem darüber, dass die Figur der Conchita Wurst sowas wie ein Antipol zu unserer unsäglichen Rechtspartei ist. Da haben sich einige in unserem Land sehr geärgert ;)

roswitha 13.05.2014 | 14:27

..."frustrierte Heten, denen es immer noch schwer fällt, die Alleindeutungshoheit über Geschlechter und Rollen verloren zu haben".

Welch kluge Überlegung, Dame von Welt. darum geht es doch hauptsächlich.

Ich sehe Conchita gar nicht als Kunstfigur, sondern als authentische Sucherin nach sich selbst, die die Geschlechterrolle auf ihre Weise ausleben will. Damit bade ich mich weder in meiner scheinbaren Toleranz noch sage ich etwas gegen Heteros aus.

Generell, liebe Dame von Welt: ich mag ihre ehrlichen Überlegungen an vielen Stellen in dieser Community.

Ro

alalue 15.05.2014 | 14:55

"Bis dahin beweist die euphorische Aufregung eigentlich ihr Gegenteil."

Sicher, aber die Euphorie ist besser als nichts, und es ist einiges auf dem richtigen Weg.

Wie sagte die Stimme aus dem Chaos: es könnte alles viel schlimmer sein: und es war auch schon viel schlimmer.

Sie sind ein bischen pessemistisch: die reale Welt ist von gewissen Idealvorstellungen allgemein noch recht weit weg.

Hunter S.T. 05.06.2014 | 11:28

Habe ich gerade zwar schon bei einem anderen Artikel gepostet, passt hier aber noch besser hin: Des Weiteren finde ich den Hype sehr scheinheilig, es geht doch offensichtlich nur um Provokation, kein Mensch findet das wirklich schön. Sonst würden sich doch echte Frauen auch Bärte wachsen lassen und der zweitplatzierte Song wäre nicht öfter verkauft worden als der erste. Na ja, das Wurst hat seinen Willen, steht im Mittelpunkt und scheffelt Kohle ohne Ende. Die eine macht sich immer nackig das andere hat'n Bart- schade dass so billige Maschen immer noch reichen um berühmt zu werden. Natürlich müssen die nächsten geldgeilen und aufmerksamkeitssüchtigen Bekloppten die Provokationsspirale ein Stück weiterdrehen, vielleicht öffentlich immer nur mit einem eingeführten Monsterdildo auftreten oder sich einen Penis mitten ins Gesicht transplantieren lassen (hoffentlich habe ich jetzt niemanden auf dumme Ideen gebracht). -über Geschmack lässt sich zwar nicht streiten, aber ich finde Frauen sowie Transen mit Bärten potthässlich und ich finde es auch nicht schön anzuhören wenn ein Mann kläglich versucht, wie eine Frau zu klingen. Zu der P.C.: Homo, Hete, Transe, Neger oder Zigeuner (usw.) zu sagen ist doch völlig in Ordnung, solange man es nicht abwertend benutzt, da liegt nämlich das Problem. Sollen wir jetzt alle aufhören den Begriff Jude zu verwenden, weil er in rechtsradikalen Kreisen als Schimpfwort gilt? Solange sich die Intention der Nutzer nicht ändert, bringt es auch nichts neue Bezeichnungen zu erfinden. Schön zu sehen, an den Begriffen Neger, Schwarzer, Farbiger- da streiten sich ja die Gelehrten, was jetzt der P.C. entspricht...