Arbeit 4.0 – Fluch oder Segen?

Arbeit Von Homeoffice und Flexibilität, Zukunftsängsten und Belastungsproben – der Breakfastclub whatnext widmet sich der Arbeitswelt der Zukunft
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Arbeit 4.0 – Fluch oder Segen?
Arbeit direkt an der Digitalisierung

Foto: Lars Hagnberg/AFP/Getty Images

Ein junger Vater im Homeoffice: Er spart sich lange Arbeitswege, hat mehr Zeit mit seinen Kindern. Sein Sohn ist krank und muss spontan aus dem Kindergarten abgeholt werden? Für ihn kein Problem, er holt ihn einfach zu sich nach Hause. Die 50-jährige Servicemitarbeiterin einer Bank: Nach 30 Jahren im Unternehmen wird sie entlassen. Ihre Filiale wird geschlossen, die Bank stellt nun gänzlich auf Online-Banking um.

Zwei Szenarien, ein Kernthema: der Wandel – allen voran die Digitalisierung – der Arbeitswelt und die mit ihr verbundenen Chancen und Risiken. Wie die Politik den Wandel begleiten kann – und ob sie sich überhaupt einmischen sollte – haben Expertinnen und Experten am 11. September beim young+restless Breakfastclub whatnext in der Telefónica Digital Lounge diskutiert.

Politik: Mitmischen oder Füße stillhalten?

Direkt zu Beginn der Diskussion bemängelt Roland Wolf, Geschäftsführer der BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e.V.), den „Machbarkeitswahn” der Politik in Bezug auf die neue Arbeitswelt. „Es ist mir zu sehr eine Diskussion darüber, was der Staat alles machen kann. Nicht jeder will doch an die Hand genommen werden.” Stattdessen plädiert er für Zurückhaltung seitens des Gesetzgebers.

Jessica Tatti MdB widerspricht dem vehement. Die Sprecherin für Arbeit 4.0 der Fraktion DIE LINKE im Bundestag meint: „Die Politik hat sehr wohl eine Verantwortung, wenn es um gesellschaftlichen Wandel geht.” Sich völlig rauszuhalten, halte sie für verantwortungslos. Chancen müssten hervorgehoben, Gefahren verringert werden.

Auch für Beate Müller-Gemmeke MdB steht fest: Der Gesetzgeber darf sich nicht zurückhalten, wenn es um große Umwälzungen geht. Als Sprecherin für ArbeitnehmerInnenrechte und aktive Arbeitsmarktpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen ärgert sie sich, dass es derartige Diskussionen überhaupt gibt: „Ich wäre dafür, dass wir an den Themen arbeiten, statt die Diskussion darauf zu lenken, ob die Politik sich einmischen sollte.”

Arbeitszeitgesetz: Überholt oder unabdingbar?

Eines dieser Themen ist das Arbeitszeitgesetz. Dieses verteidigt Müller-Gemmeke in der morgendlichen Diskussion: „Unser Arbeitszeitgesetz ist angemessen – und extrem flexibel. Es ist so viel möglich.”

Ihre Worte gelten Johannes Vogel MdB. Der Arbeitsmarkt- und Rentenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion kritisiert die aktuelle Gesetzeslage scharf. Das Arbeitszeitgesetz lasse vieles nicht zu und sei fernab der Arbeitsrealität vieler. Ein Beispiel sei die vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Arbeitsschichten. Wer abends um 23 Uhr noch eine E-Mail schreibe, dürfe am nächsten Morgen laut Gesetz also nicht um 9 Uhr mit der Arbeit beginnen. „Wer hat noch nie abends um 23 Uhr noch eine E-Mail geschrieben?”, fragt Vogel in die Runde. Es melden sich nur wenige.

Müller-Gemmeke ruft an dieser Stelle in Erinnerung, wozu es das Arbeitsgesetz eigentlich gibt: „Es geht nicht immer nur um die Unternehmen. Das Arbeitszeitgesetz hat eine Schutzfunktion.” Unangemessene Arbeitszeiten könnten zu schweren psychischen Erkrankungen führen, warnt sie. Die Flexibilität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterstützt sie auf anderem Weg: Sie plädiert für ein Recht auf Homeoffice.

Selbstständigkeit: Selbstbestimmtheit oder Versicherungspflicht?

Ein Kernthema an diesem Morgen: Sicherheit für Selbstständige. „Ich glaube, dass Selbstständigkeit ein wichtiger Innovationsmotor ist”, erklärt Martin Rosemann MdB, Berichterstatter für Aktive Arbeitsmarktpolitik, Arbeit 4.0 und Weiterbildung der SPD-Bundestagsfraktion. Studien zeigten jedoch, dass viele Menschen sich nicht selbstständig machen aus Angst vor der mangelnden sozialen Absicherung.

Müller-Gemmeke MdB will Abhilfe schaffen: „Wir wollen eine Bürgerversicherung.” In diese Versicherung sollten alle einzahlen – und abgesichert sein.

Vogel hat dazu einen anderen Vorschlag. Zwar sollte jeder die Pflicht zur Vorsorge haben. „Wir müssen aber auch verstehen, dass Selbstständige anders sind als Angestellte. Um es konkret zu machen: Ich würde Selbstständigen selbst überlassen, wie sie für das Alter vorsorgen.”

Digitalisierung: Optimismus oder Panik?

Mehr Sicherheit für Selbstständige, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice für alle – klingt doch gut? Nicht nur. Michael Fischer, Leiter Politik und Planung bei ver.di, berichtet von Rückmeldungen besorgter Arbeitnehmer, die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust haben. Besonders groß sei diese Angst beispielsweise in der Bankenbranche. „In vielen anderen Bereichen bekommen wir zudem die Rückmeldung, dass die Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung – die damit einhergehenden neuen Aufgaben und geforderten Fähigkeiten wie Multitasking –zunimmt”, berichtet Fischer.

Wolf hält diesen Fokus auf Belastungen für „völlig verfehlt”. Er sieht keinen Grund zur Sorge: „Ich bin davon überzeugt, dass die Belastungen und Gefährdungen auf lange Sicht abnehmen werden”, beschwichtigt er.

Auch Tatti gibt Entwarnung: Laut Studien gingen durch die Digitalisierung genauso viele Arbeitsplätze verloren wie neue geschaffen würden. Weiterbildung sei daher jedoch ein entscheidender Punkt, damit niemand auf der Strecke bleibt.

Chance oder Risiko? Die Diskussion an diesem Morgen zeigt einmal mehr, dass es so einfach nicht ist. Welche Perspektive man auch betrachtet, welches Themenfeld auseinandernimmt und welche Zukunftsprognosen wagt: Aktuell scheint es so viele Meinungen wie Experten zu dieser Frage zu geben. Was die Zukunft bringt? Es bleibt spannend.

Mitarbeit: Luise Schneider
23:08 12.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kristina Auer

Kristina Auer ist freie Journalistin in Berlin und schreibt meistens über Lokales. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Kristina Auer

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