"Beute Frauen Krieg"

Theatertreffen-Kritik Karin Henkel befasst sich in ihrem Antiken-Projekt mit den Opfern des Krieges.
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Wann gab es bei Karin Henkel zuletzt so wenig zu lachen? „Beute Frauen Krieg“, ein Antiken-Projekt nach den Euripides-Tragödien „Die Troerinnen“ und „Iphigenie in Aulis“, erzählt vom Trojanischen Krieg aus Sicht der Opfer. Gravitätisch und schmerzbeladen schreitet Lena Schwarz als Hekabe über den Catwalk, den Muriel Gerstner in die Mitte des Zürcher Schiffbaus (bzw. der Rathenauhallen beim Theatertreffen-Gastspiel) gebaut hat.

Die Perspektivenverschiebung hin zum Leiden der Opfer ist keine neue Idee: Meisterhaft hat Christa Wolf in ihrer „Kassandra“ das mythische Heldenbild des Achill dekonstruiert, der konsequent nur „Achill, das Vieh“ genannt wurde. Die Frauen als Opfer von Vergewaltigungen und als Trophäen rückte auch Tina Lanik ins Zentrum ihrer „Troerinnen“-Inszenierung am Münchner Residenztheater (nach der Euripides-Bearbeitung von Sartre).

Das Bemerkenswerte ist die Intensität, mit der die nicht sonderlich komplexe Grundthese des Abends in eindrucksvollen Szenen entfaltet wird. Damit auch im voluminösen Schiffbau bzw. den nicht weniger wuchtigen Rathenau-Hallen die nötige Kammerspiel-Atmosphäre aufkommt, werden drei Segmente abgetrennt. In Kammer A kauert Dagna Litzenberger Vinet als Kassandra, die von einer Hetäre (Kate Strong) vorgeführt bekommt, wie sie sich zu bewegen und zu schmücken hat, um Agamemnon (Michael Neuenschwander) zu gefallen, der sie als seine Kriegsbeute beansprucht. Gegenüber in Kammer C krümmt sich Carolin Conrad als Andromache am Boden. Durch die mittlere Kammer B stöckeln Hilke Altefrohne und Isabelle Menke als doppelte blonde Helena auf High Heels. Sie wehren sich dagegen, dass ihnen die Schuld am Ausbruch des Trojanischen Krieges gegeben wird. Geostrategische Interessen, der Zugang den Dardanellen, sei der eigentliche Grund, alles andere nur Vorwand, beharren sie.

Das Publikum wird in drei Kleingruppen geteilt und wandert jede der drei Stationen ab. Knapp eine halbe Stunde dauert jede Sequenz. Die Schauspielerinnen flüstern in ihre Mikroports, über die Kopfhörer kommt das Klagen und Flehen eindringlich bei den Zuhörern an.

Nach der Pause wird die gesamte Arena bespielt: Kate Strong wuselt zwischen den Feldherrn hin und her und stellt in ihrem markanten Denglisch kritische Fragen. Sie ist die Stimme der Vernunft, fragt nach dem Warum, regt sich über Agamemnons Entscheidung auf, Iphigenie in den Opfertod zu schicken, bekommt aber keine Antwort. Der Kreislauf der Gewalt geht weiter. Opfer sind beide Geschlechter: die fünf Iphigenien, die sich auf einer Drehbühne im chorischen Loop in den Tod fügen. Aber auch die männlichen Krieger, die loopartig ihre Angst vor Dunkelheit und Enge im Trojanischen Pferd wiederholen.

Komplette Kritik mit Bild

19:53 08.05.2018
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