"Endstation Sehnsucht"

Theater-Premierenkritik Michael Thalheimer, der Experte für archaische Tragödien, wagt sich im Berliner Ensemble mit dem Südstaaten-Melodram von Tennessee Williams auf ungewohntes Terrain
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"Endstation Sehnsucht"

Foto: Matthias Horn/ Presse BE

Für die Rolle des rauhbeinigen Stanley Kowalski dürfte auf den Berliner Bühnen kein passenderer Schauspieler zu finden sein als Andreas Döhler, der zum Beginn der Spielzeit vom Deutschen Theater ans Berliner Ensemble wechselte. Seine Spezialität ist es, kantige Typen zu verkörpern, die klare Ansagen machen, viel Testosteron versprühen und trotz allen Machotums weiche Züge durchschimmern lassen. Seine Figuren arbeiten sich oft aus einfachen Verhältnissen hoch, sind keine Sonnyboys, sondern Malocher, die mit dem Scheitern kämpfen. Den Stanley Kowalski bei Thalheimers „Endstation Sehnsucht“ spielt er mit großer Ernsthaftigkeit und in der richtigen Dosierung.

Da sich Döhler als Stanley zurücknimmt, können zwei andere Hauptdarsteller des Abends strahlen. Zum einen ist hier Olaf Altmanns Bühne zu nennen. Er bildet mit Michael Thalheimer ein eingespieltes Team und gestaltet fast jede Inszenierung mit. Für den Kampf der Familien Dubois und Kowalski, die dem Bedeutungsverlust als verarmte Südstaaten-Oberschicht nachtrauern bzw. mühsam um ihren Platz in einer sich rasant beschleunigenden Industriegesellschaft ringen, baute er eine eindrucksvolle, steil abfallende Bahn, auf der die Schauspielerinnen und Schauspieler mit dem aufrechten Gang kämpfen und in den dramaturgisch entscheidenden Situationen buchstäblich ins Rutschen kommen.

Vor allem trägt aber Cordelia Wege, ehemalige Volksbühnen-Schauspielerin aus der frühen bis mittleren Castorf-Ära, diesen Abend. Sie wurde als Gast ans Berliner Ensemble engagiert und feierte ein eindrucksvolles Berlin-Comeback.

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01:11 22.04.2018
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