Unruhen fluten uns

Philosophie Kann das Anschauen des Hässlichen die Menschen bessern? Bettina Stangneth sät Zweifel

Der Mensch, so die Hamburger Philosophin Bettina Stangneth, mag noch so viel über Vernunft und Moral wissen, er mag erkennen, was das Richtige ist, doch wenn es ans konkrete Handeln geht, gibt es nichts, das ihn zwingt, sich an sein Wissen zu halten. Der Mensch ist frei. Diese Freiheit ist eine feine Sache, doch sie will bedacht werden. Das Problem ist seit der Antike gut bekannt. „Allein durch Belehrung schaffst du den schlechtesten Menschen nimmer zum guten dir um“, hieß es bei Platon.

In Zeiten, wo die Anti-Aufklärung unterwegs ist und Moral ins Lächerliche gezogen wird, ist es für Stangneth daher umso mehr geboten, nicht nur eine Lanze für die Vernunft zu brechen, sondern ihren Verächtern mit Argumenten entgegenzutreten. Dabei scheut sie nicht, das eigene Denken auf den Prüfstand zu stellen. Für dieses Unterfangen ist Hässliches Sehen gedacht, der letzte Band in Stangneths Trilogie des dialogischen Denkens. Davor erschienen bereits Böses Denken (2016) und Lügen lesen (2017). Es handelt sich sozusagen um eine Trilogie der Vernunft, lesbar ist jedes dieser Bücher für sich selbst, und Stangneth empfiehlt sogar, mit dem dritten Band anzufangen, weil dort das generelle Problem verhandelt wird: Unser Erkennen und Wahrnehmen beginnt nämlich in der Regel mit dem Sehen, und wir sehen nicht als Einzelne, sondern in der Gemeinschaft des Wir.

Bilder lesen lernen

Wir sind Wesen, die auf unsere Sinne angewiesen sind. Und Sehen ist das, was uns direkt bestimmt. Doch in dieser vermeintlichen Unmittelbarkeit liegt zugleich die Gefahr fürs Denken wie fürs Handeln. Denn Wahrnehmungen und Bilder können täuschen. Diesen Trug gilt es zu erkennen, es gilt, Bilder lesen zu lernen.

Stangneths These ist schnell formuliert: Bilder sagen zunächst gar nichts, und Bilder machen moralphilosophisch Probleme, weil sie vielschichtig aufladbar sind. Für ästhetische Theoretiker klingt das befremdlich. Doch das Buch ist keine Anleitung für Bilderstürmer, sondern eine Art Denktagebuch, das unser Sehen verhandelt. Insbesondere dann, wenn Bilder moralisch aufgeladen werden. Ob Attentate oder Demo-Unruhen: Uns fluten Bilder, und mit ihnen sind Ansprüche verbunden. Ein hässliches Sehen stellt sich ein. Aus hässlichen Bildern soll im öffentlichen Diskurs mit den Mitteln der Anschauung Moralisches abgeleitet werden. Kann Böses bessern oder zieht nicht vielmehr Hässliches noch mehr Hässliches nach sich? – so fragt Stangneth. Das, was wir sehen, ist nicht das, was sein soll. „Hier soll ein Bild leisten, was Gedanken nicht schaffen: die unmittelbare handlungsleitende Erkenntnis.“ Doch so einfach funktioniert das nicht. „Das Vertrauen in die Bildgewalt ist das Vertrauen auf die Unschuld des Sehens.“ Bilder sind mächtiger als Worte, dies ist unser Trugschluss, der auch Handlungen leitet. Diesen Trugschluss gilt es aufzuheben. Vernunft allein aber reicht nicht aus. Stangneth weiß wohl, dass deren kaltes Band keine Gesellschaft in sich verknüpft. Um zum Wir zu kommen, muss noch etwas dazukommen. Das ist für Stangneth einerseits der Dialog mit guten Argumenten, andererseits liegt es in der Form der Darstellung selbst. Stangneth will mit ihrem Buch niemanden manipulieren, sondern mit den Mitteln der Vernunft und des freien Denkens überzeugen.

Info

Hässliches Sehen Bettina Stangneth Rowohlt Verlag 2018, 160 S., 20 €

06:00 16.03.2019
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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