Adrian Nabi, Friedrich Merz im Bierzelt und wie man netter wird

Kolumne Im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien erzählen Menschen ihre Lebensgeschichte. Darunter, sehr unterhaltsam, Adrian Nabi. Von dem sich Friedrich Merz ruhig eine Scheibe abschneiden könnte
Ausgabe 36/2023
Adrian Nabi erzählt unter anderem, wie er zum Kaugummi-Dealer wurde
Adrian Nabi erzählt unter anderem, wie er zum Kaugummi-Dealer wurde

Foto: Voicing Bethanien Sonya Schönberger/Berliner Zimmer/Kunstraum Kreuzberg

Im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ist gerade eine Ausstellung zu sehen, die zum 50. Jubiläum der wichtigen kommunalen Kunsteinrichtung entstanden ist. Voicing Bethanien heißt sie. Unheimlich viele Video-Interviews sind zu sehen. 40 Menschen, die diesen Ort geprägt haben, aber vor allem ihre Lebensgeschichte erzählen – über die strenge japanische Mutter, das Aufwachsen als Kind von jugoslawischen Gastarbeitern, Aufwachsen in Island, die Erfahrung von Schwulen in der Kulturszene und so weiter und so fort.

Sonya Schönberger hat die Videos angefertigt. Die Berliner Künstlerin beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit „biografischen Brüchen vor dem Hintergrund politischer und sozialer Umwälzungen“. Und das ist wirklich alles gar nicht leicht zu konsumieren, weil da eine Schwelle ist, weil Bildschirme immer so tot wirken und Kopfhörer einen Übertritt in eine andere Welt bedeuten. Und dann unterliegen die Videos auch etwas zu plakativen Ordnungsversuchen unter parolenhaften, fast leeren Begriffen wie „Partizipieren“, „Solidarisieren“ oder „Zusammenleben“. Aber sie sind wirklich gute Übungen in der wichtigsten menschlichen Disziplin: sich aufeinander einlassen.

Natürlich fängt man meist erst mit denen an, die man kennt. Künstler und Musiker Wolfgang Müller vielleicht oder die Kuratorin Susanne Weiß von der ifa-Galerie. Für meine Berlin-Kultur-Sozialisation ein bisschen wichtiger war aber Adrian Nabi, von dem es auch ein Video gibt. Glücklicherweise, denn in den letzten Jahren fiel nicht selten der Satz: „Was macht Adrian Nabi eigentlich?“

Er erzählt da, wie er zum Hip-Hop, wie er zum Graffiti kam, wie er als Kaugummi-Dealer in Discos (wirklich wahr!) Geld verdiente, wie seine Eltern sich trennten, er von zu Hause ausriss, auf der Straße wohnte, wie sein Vater seinen Namen änderte, damit er mehr deutsch klingt. Wie er zum Islam kam, wie er zu Drogen kam, wie er hin- und herfiel zwischen Gebetsteppich und käuflichem Sex. Und wie er heute seine damalige Aggressivität reflektiert. Das ist alles sehr interessant, wenn man sich für gebrochene Lebenswege interessiert. Und das ist alles unheimlich hilfreich, um sich einzulassen, keine schnellen Verurteilungen über Menschen zu treffen. Das ist wichtig für Zusammenhalt. Und wenn Friedrich Merz ein bisschen Interesse daran hätte, ein netter Mensch zu sein, dem die Welt, das Land am Herzen liegt, dann würde er sich diese Kreuzberger Geschichten anhören, die er ja neulich in einem Bierzelt aus Deutschland ausschloss. Hat er aber wohl nicht.

Deswegen jetzt weiter mit Adrian und den schönen Dingen: Wichtiger ist nämlich, dass Adrian erzählt, wie er nach New York reiste, dort Interviews mit Graffitikünstlern machte und all das Wissen zurück nach Berlin brachte. Wie er Stéphane Bauer, seit 2002 Leiter des Kunstraums, traf und ihn – es dauerte etwas – davon überzeugte, dass Graffiti jetzt wichtig ist. Bauer besorgte Fördergelder und Adrian fühlte sich, so sagt er, wie in einem Süßigkeiten-Laden, wo er sich die Tüte füllen durfte: Er lud alle wichtigen Streetart- und Graffiti-Künstler ein, zum Beispiel Banksy, als der noch cool war, und machte die Ausstellung Backjumps im Bethanien.

Danach sahen nicht nur der Stadtteil und die Flure im Bethanien etwas bunter aus, man hatte als junger Mensch auch das tolle Gefühl, in einer Subkultur etwas ernst genommen zu werden. Es gab eine (?) tolle Party im Bethanien, alles hatte eine bunte Leichtigkeit. Und frühere sogenannte Writer sagen, dass niemand wichtiger war für die Szene in Berlin als Adrian. Es ist also wirklich sehr schön, ihn in diesem Video wiederzusehen. (Viele Grüße an dieser Stelle!) Und es ist auch eine sehr gute Erinnerung daran, welch wichtige und vielseitige Ausstellungen an diesem Ort entstanden sind. Mit welchem Vertrauen Stéphane Bauer dort über die Jahre hat geschehen lassen.

Laura Ewert ist Kunst-Kolumnistin für der Freitag. Sie schreibt als freie Autorin und Journalistin für Zeit, Monopol, Spiegel Online, Focus Magazin und viele andere. Als Kritikerin bespricht sie Kunst und Musik im Deutschlandradio oder Deutschlandfunk Kultur.

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