lebowski
17.02.2013 | 14:34 19

Ein Skandal, der keiner ist

Amazon-Leiharbeiter Nach dem Anschauen des ARD-Beitrags "Ausgeliefert!-Leiharbeiter bei Amazon" bleibt man ratlos zurück. Wo ist denn jetzt der Skandal, fragt man sich.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied lebowski

Ein Skandal, der keiner ist

Foto: Aurelijus Valeiša/ Flickr (CC)

Ich habe mir gerade den Film über Amazon noch mal angeschaut und diverse Artikel über ihn gelesen und immer wieder frage ich mich: wo ist der Skandal? Das ist doch eine ganz normale Zustandsbeschreibung von Arbeit im Spätkapitalismus.

Arbeiter, die aus ganz Europa angekarrt werden, dann in Hotels, Motels und Ferienwohnungen untergebracht werden, für die sie teuer bezahlen müssen, um später dann in den Amazon-Lagern unter ständigem Druck schuften zu müssen, damit man sie nach dem Weihnachtsgeschäft feuert und direkt wieder nach Hause schickt. Da mag es zu anderen Leiharbeitern graduelle Unterschiede in der Ausbeutung geben, prinzipiell ist sie bei allen gleich und nur gut dotierte ARD-Journalisten, die auch vom Geld dieser Leiharbeiter bezahlt werden, können da ein Skandal sehen.

Dabei muss man einmal nicht nur die logistische Meisterleistung würdigen, die es bedeutet, jeden Dorftrottel jede Ware innerhalb eines Tages zukommen zu lassen, sondern auch die Meisterleistung, innerhalb von zwei drei Jahren ein Logistik-Zentrum auf der grünen Wiese aus dem Boden zu stampfen und für das kurfristige Weihnachtsgeschäft tausende Mitarbeiter aus ganz Europa herbeizuholen und dann nach einigenWochen wieder zu feuern, ohne dass die Hütte abfackeln.

Als ich in einem Callcenter gearbeitet habe, war ich von dieser mörderischen Effizienz geradezu begeistert: Wenn man die ganze kapitalistische Effizienz dazu einsetzen könnte, statt Leute auszubeuten und zu verarschen, bessere Lebensbedingungen für alle zu schaffen, würde dieses lächerliche Wirtschaftssystem in zwei Jahren der Vergangenheit angehören.

Aber ich schweife ab, also zurück zum Film. Den einzigen Unterschied zum ganz normalen Leiharbeitertum und den eigentlichen Skandal kann man in der Security-Firma sehen, die sich im wesentlichen aus Hooligans und Neonazis zusammensetzte und die die Leiharbeiter regelmäßig kontrollierte. Bei den Callcentern, in denen ich einesetzt war, fanden solchen Kontrollen auf technischem und elektronischen Wege statt. Aber weil Amazon auch für die Unterkunft der Leiharbeiter sorgen muss, ist das eben hier nicht möglich. Aber ich bin mir sicher, dass Amazon darauf flexibel reagieren wird und eine andere Security-Firma beauftragen wird, in der die Mitarbeiter in Habermasscher Diskursethik geschult sind.

Geradezu rührend in ihrer Doofheit fand ich die Gewerkschaftsfunktionäre und Seelsorger, die sich mit Amazon anlegten. An denen kann man sehen, welche Verheerungen der rheinische Kapitalismus angerichtet hat, in dem Ausbeutung ein Fehler im System ist und nicht zum System gehört. Dabei könnte man es aus 400 Jahren kapitalistischer Geschichte eigentlich besser wissen.

Der Seelsorger wollte einen Betriebsrat gründen, aber irgendwie wollten die Leiharbeiter wohl nicht mitmachen. Kein Wunder: bis der fiktive Betriebsrat Realität wird, sind die Leiharbeiter schon längst wieder entlassen. Und was für ein Druckmittel soll so ein Betriebsrat haben? Streik? Dann holt sich Amazon seine Leiharbeiter eben woanders. Der Gewerkschaftsfunktionär mahnte wiederum falsche Gehaltsabrechnungen zwischen Leiharbeitsfirmen und Amazon an und vermutete Steuer- und Sozialbetrug. Kann mans den Firmen verübeln, wenn sie die zahlreichen Schlupflöcher nutzen, die das deutsche Steuerrecht so bietet?

Nein, wenn es wirklich etwas Deprimierendes an diesem Film gab, dann war das, wie reibungslos diese ökonomische Selbstmordmaschine funktioniert und wie wir gezwungen sind, als kleine Rädchen im Getriebe gegen unseren Willen dabei mitzumachen. Der Busfahrer, der die Leiharbeiter wie Vieh durch die Gegend karren muss, weil er sonst seinen Job verliert; die Ferienwohnungenbesitzer, die Wohnungen an die Leiharbeiter vermieten müssen, damit sie ausgelastet sind.
Die Manager, Vorarbeiter usw., die ebenfalls um ihren Job fürchten. Die Landräte und Bürgrmeister, die Angst vor Entlassungen und neuen Arbeitslosen haben. Wahrscheinlich ist nicht einmal der Amazonchef ein schlechter Mensch, da er unter Konkurrenzdruck steht. Und zum Schluss die Leiharbeiter selber, die willig mitwirken in der Hoffung auf eine Festanstellung, die sich natürlich nie erfüllen wird.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (19)

Oberham 17.02.2013 | 15:51

... gut erkannt, nur das Wort muss ist fehl am Platze, weder der Busfahrer muss, noch der Ferienwohnungenbestizer, noch der Manager, noch sonst irgendwer!

Das ist die Selbstbetrugsmaschinerie in unseren Kopfen, dieses MUSS.

Würden wir nur die Dinge tun, die wir tatsächlich tun müssen, gäbe es keine Amazon, keine Leiharbeit, es gäbe keine Waffen, keine Glaspaläste in denen das Lebensspiel Gewinnen/Verlieren auf die Spitze getrieben wird, es gäbe keine Landräte, keine Bürgermeister, keine .......etc. etc. etc. ........

Aber dieses müssen, denken jene, die sich ein Leben ohne Konsumwahn und in völlig neuen alternativen Strukturen gar nicht mehr erträumen können.

Für sie würde eine dunkle Höhle am Ende warten, sollten sie nicht willig funktionieren - entweder Konsumwirtschaftswahnsinn oder Futter für wilde Tiere sein - arme Menschheit - die paar die ihre Träume (nicht weil sie reich und zufällig irgendwo bestbezahlt ein Spaßleben aushauchen) in alternativer Lebensart real versuchen, gehen im Meer des Irrsinns unter.

Arme Menschen, ärmer als die meisten Tiere - obwohl sie keine Opfer mehr im Nahrungskreislauf wären.

lebowski 18.02.2013 | 10:25

@Anja

Die Behandlung von Leiharbeitern bei Amazon unterscheidet sich in nichts von der Behandlung von Leiharbeitern in anderen Unternehmen. Man behandelt Leiharbeiter gerade so gut, wie man muss. Dasss bei Amazon die Behandlung schlechter ausfällt, liegt daran, dass man für die Leiharbeiter noch Kost und Logis stellen muss.

Die Leiharbeiter sind Pufferbelegschaften in den Unternehmen. Laut einer EU-Richtlinie müssen Leiharbeiter genauso bezahlt und behandelt werden wie Festangestellte. Dass in Deutschland Leiharbeiter erheblich schlechter behandelt werden, liegt daran, dass Staat, Unternehmer und Gewerkschaften (ja auch die) ein Interesse daran haben , dass es so ist. Rechtliche Grundlage der Schlechterstellung ist die Tarifautonomie.

Kann man schön hier nachlesen:

http://jungle-world.com/artikel/2012/50/46768.html

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Ehemaliger Nutzer 18.02.2013 | 13:02

Ja, das System in seinen Grundfesten, kleiner gehts bei uns Deutschen offenbar nicht. Fehlt nur irgendwie der Ausblick wie du dir die Ablöse vorstellst und was danach kommen soll, lieber Lebowski? Dem "rheinischen Kapitalismus" kannst du ja offenbar nicht viel abgewinnen.

"jeden Dorftrottel jede Ware innerhalb eines Tages zukommen zu lasse"

Die Trottel wohnen, wenn schon, dann in der Stadt, nicht auf dem Dorf. Ich kenne beides und würde nie wieder in die Stadt ziehen. War sicher nicht so gemeint, ist aber trotzdem eine ärgerliche und anachronistische Formulierung.

Und ein Betriebsrat kann schon was bringen, auch wenn es natürlich naiv ist, die Saisonalkräfte dafür zu werben zu versuchen. Aber amazon müsste genug feste Mitarbeiter haben. Es reicht, wenn einige davon in der Gewerkschaft sind und sich eine handvoll Leute zusammenfindet, dann zieht die Gründung die Gewerkschaft durch. Habe ich selbst schon miterlebt.

"Das ist doch eine ganz normale Zustandsbeschreibung von Arbeit im Spätkapitalismus."

Für dich ja, aber die aufgeklärteren Geister vergessen meist, dass es Heerscharen von Tagesschau-Schauern gibt, denen das nicht so bewusst ist. Und damit die Politik überhaupt was tut, muss es immer ein Skandal sein. Die v.d.L beweist das doch, sie hätte es in der Hand was zu tun, aber sie rührt sich nicht, wahrscheinlich auch deshalb, weil die neoliberale Banken-Merkel sie sonst fallen lässt.

Helmut Eckert 18.02.2013 | 14:50

1980 arbeitete ich im Gesundheitsamt Lörrach. Bei einer Kontrolle eines Campingplatzes fand dich vor dem Eingang ein Schild mit dem Hinweis: „Fahrendes Volk und Zigeuner ist der Zutritt verboten“. Erst nach meinem Protest beim zuständigen Bürgermeisteramt wurde das Schild entfernt. In Rheinfelden (deutsche Seite) kontrollierte ich sogenannte Unterkünfte für Gastarbeiter. Die Zustände waren unbeschreiblich. Bis auf die hygienischen Verbesserungen – Sanitäranlagen – saubere Räume – Bettwäsche hatten wir vom Gesundheitsamt keine Möglichkeiten, die dortigen, beengten räumlichen und primitiven Verhältnisse zu verbessern. Dazu gab es keine gesetzliche Handhabung! Die wenigen Verbesserungen erreichten wir nur, indem wir das Bundesseuchengesetz bis zur zum Rand des Möglichen anwendeten! Menschenwürdig, war dort ein Fremdwort. Es waren ja nur Fremdarbeiter.

Hierzu ein Bericht des Spiegels von 42 /1949 Hier ging es um die Fremdenfeindlichkeit der Lübecker Bürger gegen die Flüchtlinge des II. Weltkrieges. = grüßen das alte Lübeck.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44438577.html

Fremdenhass und Gleichgültigkeit, Raffgier und Menschenverachtung ist in Deutschland kein Fremdwort.

luddisback 18.02.2013 | 19:47

ich finde auch, der umgang mit den leiharbeitern ist doch strukturell genau so angelegt und gesetzgeberisch gewollt. und genauso hört sich ursulas empörung auch an, bla bla. die weiß ja, oder weiß es auch nicht, du kannst zu allen großen firmen gehen und genau das gleiche filmen. jeder der schon mal als leiher gearbeitet hat weiß, dass es sich überall so anfühlt, wie im amazon-beispiel. ich habe mal vor etlichen jahren bei siemens als leiher gearbeitet, da waren die einzigen sichtbaren festangestellten in einer großen produktionhalle die aufseher. und ich kann die im rückblick auch gar nicht anders nennen. und am schichtende blinkte am drehkreuz per zufall eine rote lampe oder eine grüne, und wer rot hatte, wurde gefilzt wie am flughafen. ob die sicherheitsleute bewußte nazis waren konnte man aber nicht so eindeutig sehen, wie im amazonbeispiel. jetzt bin ich ein sklave, das habe ich damals oft gedacht. der lohn war natürlich genau so ein scheiß. kein mensch der kein sklave ist würde dafür arbeiten.

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Ehemaliger Nutzer 18.02.2013 | 21:43

Ja, Wallraffs "ganz unten" fällt ja auch in diese Zeit.

http://suite101.de/article/ganz-unten---wallraff---arbeitsbedingungen-der-gastarbeiter-a111957

Ich weiß nicht ob es zwischendurch mal besser war, aber die deutschen Politiker scheinen sich an solchen Zuständen nicht zu stören, dazu sind sie zu korrupt.

Das ist das eigentlich depremierende, eigentlich müsste man einen Dauerskandal draus machen, bis sich endlich mal was ändert. Aber das hält ja keiner aus.

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Ehemaliger Nutzer 18.02.2013 | 21:43

Ja, Wallraffs "ganz unten" fällt ja auch in diese Zeit.

http://suite101.de/article/ganz-unten---wallraff---arbeitsbedingungen-der-gastarbeiter-a111957

Ich weiß nicht ob es zwischendurch mal besser war, aber die deutschen Politiker scheinen sich an solchen Zuständen nicht zu stören, dazu sind sie zu korrupt.

Das ist das eigentlich depremierende, eigentlich müsste man einen Dauerskandal draus machen, bis sich endlich mal was ändert. Aber das hält ja keiner aus.