Robert Kurz ist tot

Nachwort Robert Kurz, der Verfasser des "Schwarzbuch Kapitalismus", ist gestorben. Dieses Buch und das "Manifest gegen die Arbeit" haben einen tiefen Eindruck hinterlassen.
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Es gibt nur sehr wenige Bücher, die man immer wieder in die Hand nimmt, um darin zu lesen. Das "Schwarzbuch Kapitalismus" von Robert Kurz ist eines davon. Keins hat mein Verständnis vom Kapitalismus so nachhaltig geprägt wie dieses Buch.

Um zu ermessen, was es für viele bedeutet, sollte man in die achtziger Jahre zurückgehen. Linkssein war damals eine muffige Angelegenheit. Es gab den autoritären Sozialdemokratismus mit Hans-Jochen Vogel, den Realsozialismus, der auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig war, - die Grünen, die schon dabei waren, an ihren Karrieren im Arsch des Systems zu arbeiten und die Hobbyrevoluzzer an der Uni, die im Anschluss an ihr Studium Baudezernenten und ähnliches wurden. Keine gute Bedingungen, für Leute, die wirklich etwas ändern wollten.

Und so schob man das Linkssein auf und versuchte selber im System zu überleben.

2005 versuchte ich es nochmal. Die Verhältnisse hatten sich verschlimmert. Ich suchte nach Erklärungen und Antworten. Ich bekam das "Schwarzbuch Globalisierung" in die Hände und las es mir durch, als ich mit einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus war. Leider bleib es an Oberflächenphänomenen haften und kam nie an die Ursache der Krise heran.


Dann las ich zum ersten Mal das "Schwarzbuch Kapitalismus" und das war es! Auf einmal schien alles klar. Normalerweise sind Schwarzbücher eine öde Angelegeheit, in denen alle Verfehlungen eines Systems oder einer Organisation säuberlich der Reihe nach aufgelistet werden. Nicht so das "Schwarzbuch Kapitalismus". Es erzählt die Geschichte des Kapitalismus. Denn was dieses Wirtschaftssystem angerichtet hat, kann man nur dann beurteilen, wenn man es historisch betrachtet.
Es ist die Geistesgeschichte des Kapitalismus. Eine Fundamentalkritik an allem, was normalerweise sakrosankt ist. Die Aufklärungsphilosophen, die Kurz als beinharte Arbeitsideologen entlarvt. Die Politik, die nur eine Unterabteilung des Liberalismus ist und im Grunde nur dafür da, das kapitalistische System zu optimieren. Die Sozialdemokratie, die den Arbeitern den Platz in der kapitalistischen Hölle gemütlich einrichten möchte. Die Autoideologie. Alle bekommen sie ihr Fett weg. Das Buch ist radikal im besten Sinne.

Auch die Exit-Texte sind eine wahre Fundgruben zum Verständnis der Krise. Das Manifest gegen die Arbeit ist ohnehin ein Klassiker.

Robert Kurz ist tot. Er starb gestern an den Folgen einer Nierenoperation. Als Linker muss man das zutiefst bedauern, selbst dann, wenn in den Focus von Kurzens Kritik geraten war. Und Kurz war in seiner Kritik unerbittlich und unbestechlich.

Aber er hat viele, die mit dem Linkssein nichts anfangen konnten, wieder die Kritik am Kapitalismus gelehrt.

R.I.P. , Robert Kurz!!!!!!!!!!!!

23:49 19.07.2012
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Geschrieben von

lebowski

Ein Leben zwischen Faulenzerei und Leiharbeit.
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