Das Eigenleben von Erfindungen

Comedy-Drama Was tut man als Autor, wenn plötzlich eine Romanfigur im wahren Leben auftaucht und man sich in sie verliebt? Antworten in „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“.
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Eigentlich hatte doch als Kind jeder von uns einen Freund, den kein anderer sehen konnte, doch ohne den wir uns das Leben nicht vorstellen wollten und konnten. Man vertraute ihm, teilte die Geheimnisse, spielte, lachte und weinte gemeinsam. Irgendwann wurden wir älter und damit verschwand für uns auch der Wegbegleiter. Er wurde für uns genauso unsichtbar, wie für den Rest der Welt. Das wahre Leben wartete schließlich. Wenn wir uns heute etwas in unserer Phantasie ausmalen, hat sich etwas verändert: Wir wissen, dass die Konstrukte unseres Geistes nicht real sind! Doch was geschieht wenn eine Figur unserer Phantasie, die uns jede Nacht im Traum begegnet, eines Morgens nach dem Aufwachen vor uns steht?

So ergeht es Calvin Weir-Field (gespielt von Paul Dano) im Comedy-Drama „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“. Die Regisseure Johnatha Dayton und Valerie Faris erzählen die Geschichte des jungen Autors, der mit grade mal 19 Jahren große Erfolge mit seinem Roman feiert und seither als Genie gehandelt wird. Calvin erliegt dem Druck und den Erwartungen, die auf ihm lasten. Eine Schreibblockade sorgt dafür, dass seine Kreativität zum Erliegen kommt. Sein Psychiater (gespielt von Elliot Gould) rät dem verzweifelten Schriftsteller: „Schreibe über das Mädchen, von dem du nachts träumst.“ Er gibt ihr einen Namen, eine Persönlichkeit und schafft eine Figur, die das perfekt Pendant zu ihm ist – Ruby Sparks (gespielt von Zoe Kazan). Dann geschieht das Unglaubliche: Eines Morgens steht die fiktive Figur in Calvins Küche, kocht für ihn und lebt in seinem Haus. Das Verwirrende an dieser gedanklich konstruierten Freundin: Ruby ist auch für die Menschen in Calvins Umfeld sichtbar. Die Liaison beginnt und eine verworrene Geschichte nimmt ihren Lauf. Calvin ist so glücklich, wie schon lange nicht mehr. Bis Ruby anfängt, ihr eigenes Leben selbst gestalten zu wollen.

Der Film beschäftigt sich mit der Frage, wie viel Eigenleben eine Erfindung haben darf. Für Calvin wird es schwierig zu akzeptieren, dass seine Schöpfung sich selbst verwirklichen möchte. Der Clou bei der Sache: Er ist weiterhin Herr seines Buches, seiner Geschichte und er kann steuern, was passiert. Genau das, was sich viele von uns manchmal in einer Beziehung wünschen, ist für das Genie machbar. Doch sorgen Macht und Kontrolle auf Dauer für Glück? Auch diese Frage wird dem Publikum auf behutsame Weise näher gebracht. Die Figuren schließt man dabei sofort ins Herz: den verworrenen Calvin, der für viele als Genie gilt, sozial jedoch völlig inkompetent ist und die lebensfrohe Ruby, die aufgeschlossen den Alltag bestreitet. Auch wenn „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ nicht wie andere Beiträge beim 20. Filmfest Hamburg durch außergewöhnliche Kameraführung oder herausfordernde Gesellschaftsthemen überzeugt, so ist auch dieser Film hier richtig platziert. Ich konnte negative und positive Emotionen bei den Zuschauern beobachten, durfte selbst viel lachen, mitfühlen und habe mich in einer fabelhaften, neuen Geschichte verloren. Ich gehe soweit, dieses Filmerlebnis mein Kinohighlight 2012 zu nennen. Wenn „Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ im November in den deutschen Kinos erscheint, werde ich wohl an der Kinokasse stehen.

Text: Annika Krüger
10:16 04.10.2012
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Geschrieben von

Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

20 Jahre Filmfest Hamburg - das ist mir einen Blog wert! Über das cineastische Leben vom 27.9.–6.10. berichte ich hier bald regelmäßig.
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