Irrfahrt in Santiago

Filmfest Hamburg Die Figur des Odysseus hat zwei Gesichter: Er ist Weltreisender - vom Fernweh getrieben und vom Heimweh zerfressen - der in seine vertraute Welt zurückkehren möchte.
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Im chilenisch-argentinischen Film „Ulysses“ ( Spanisch „Ulises“) von Oscar Godoy aus der Sektion Vitrina entfaltet das Schicksal des Odysseus voll und ganz sein tragisches Potential. Julio aus Peru (Jorge Román) ist in einer fremden Welt gestrandet, die zugleich Nachbarland ist. Sinnbildlich dafür, was den studierten Historiker in Chile erwartet, ist gleich die erste Szene: Brutal und schmerzhaft schlägt er in Santiago auf dem Boden der Tatsachen auf. Man sieht, wie er auf dem harten Asphalt liegend die Augen öffnet, um seinen Kopf hat sich eine Blutlache gebildet. Passanten laufen an ihm vorbei, während er benommen in den Himmel blinzelt. Im Krankenhaus lässt er sich seine Kopfwunde verarzten. Als es aber darum geht, einen Personalbogen auszufüllen, verschwindet er schnell.

Auch wenn Peruaner und Chilenen die selbe Sprache sprechen, ist Julio auch für die meisten Menschen in Santiago ein Fremder. Er stößt auf viele Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit. Kurze Momente mitmenschlicher Wärme oder Freundlichkeit sind selten und wirken wie kostbare Goldfunken in einem Film, der ansonsten in den tristen, gedämpften Farben einer harten Realität komponiert ist. In dieser geht es vor allem darum, den nächsten Tag zu überstehen und auf ein besseres Leben hinzuarbeiten. Findet der Protagonist ein bisschen Halt, zum Beispiel bei Flavia (Francisca Gavi,) die in einem Plattenladen arbeitet, ist das nie von Dauer. Bald irrt man wieder weiter mit dem peruanischen „Ulises“ durch Santiago: Durch Telefoncenter - Julios Verbindung zu seiner Mutter in Peru - , ins gut bürgerliche Viertel Puente Alto, wo er auf dem Sofa einer Bekannten schläft, auf die Toiletten in einem Einkaufszentrum und in einen dunklen Hauseingang zu einer Prostituierten.

„Ulysses“ zeigt das Schicksal des Einwanderers sehr nüchtern und fernab von jeder sentimentalen Auswandererromantik. Wahrscheinlich ist er gerade deshalb so ergreifend. Die Hauptfigur Julio wirkt auf leise Art traurig – nur einmal sieht man ihn weinen, ausgerechnet als er endlich seine Aufenthaltsgenehmigung für Chile bekommt. Vor allem aber wirkt der Mann, der bis zum Schluss kein eigenes Bett besitzt, immer müde. Die Menschen um ihn herum, die in Chile ein Zuhause haben, laufen schneller, sicherer, aufrechter. Blass und still, wie aus der Zeit gefallen, geht hingegen Julio die Straßen entlang. Der Mann aus Peru - ein bisschen wie der Mann vom Mond.

Und doch ist Julio einer, wie man ihn in den Großstädten überall auf der Welt findet, einer der von den Beheimateten übersehen wird, weil sie mit sicheren und viel zu schnellen Schritten an ihm vorbeiziehen.

Wie gut, dass es Filme wie diesen gibt, die ihn sichtbar machen!

Text: Katharina Manzke
12:28 07.10.2012
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Geschrieben von

Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

20 Jahre Filmfest Hamburg - das ist mir einen Blog wert! Über das cineastische Leben vom 27.9.–6.10. berichte ich hier bald regelmäßig.
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