Bereit für das nächste Mal – ein Déjà-vu

Konsequenzen aus Corona Nach einem Jahr Corona hat dieses Buch an seiner Aktualität auch für das deutsche Gesundheitssystem nicht verloren. Ein BUch über das Gesundheitssystem in Österreich.
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„Ein Virus hat uns die Grenzen des Gesundheitssystems gezeigt. Was müssen wir daraus lernen, um vor der nächsten Pandemie geschützt zu sein?

Der Intensivmediziner Prof. Dr. Rudolf Likar sagt gemeinsam mit dem Altersmediziner Georg Pinter und dem Gesundheitspsychologen Dr. Herbert Janig, mit welchen Herausforderungen man vor und während der Corona-Krise konfrontiert war und wie wir unser Gesundheitssystem jetzt auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene umbauen müssen.

Ein Masterplan mit vielen wissenswerten Details über unsere medizinische Versorgung.“

So steht es auf dem Buchrücken des im Mai letzten Jahres erschienen Titels der drei Mediziner, die ihre Ideen in „Bereit für das nächste Mal: Wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen“ gemeinsam mit den JournalistInnen Andrea Fehringer und Thomas Kopf aufgeschrieben und im Wiener Verlag „edition a“ herausgegeben haben. Vor einem Jahr, als ich das Buch voller Spannung kurz nach seinem Erscheinen in den Händen hielt, dachte ich nicht daran, rechtzeitig mit einer Rezension fertig zu sein, bevor die Covid-19-Pandemie mit uns fertig ist.

Ein Jahr Schreckensherrschaft eines Virus hat mich eines Besseren belehrt. Ein Déjà-vu ereilte wohl jeden, der in den letzten 13 Monaten auf ein Wunder hoffte oder besser auf lesende und verstehende politisch und wirtschaftlich Verantwortliche. Doch da unterlag ich einer Fehleinschätzung. Denn immer noch leiden wir unter dem Würgegriff der Corona-Krise, die sich mittlerweile nicht ausschließlich als medizinisches, sondern als gesamtgesellschaftliches Problem darstellt. Und so versteht sich auch der kleine rot warnende Aufdruck auf dem Buchtitel: „Konsequenzen aus der Corona-Krise“

Der junge Wiener Verlag „edition a“ hatte schnell reagiert und ein Buch in den Handel gebracht, das zwar von österreichischen Fachleuten verfasst und auf die dortigen Verhältnisse des Gesundheitssystems angewendet werden sollte, doch der Inhalt kann als Blaupause über das deutsche Gesundheitssystem gelegt werden: „Die Probleme im österreichischen Gesundheitswesen sind uns Ärzten vorher schon aufgefallen. Die kennen wir gut; wir haben heuer ein Buch zu dem Thema geschrieben: Im kranken Haus. Klar ist: Die Maßnahmen bei Corona haben zu langsam gegriffen. Es waren keine Teams da, um Abstriche zu nehmen. Es dauerte fast eine Woche, bis diese Teams für die Abnahme der Tests installiert waren. Jetzt werden Epidemieärzte, sogenannte cov1D-19-Ärzte, eingesetzt, die zu Patienten kommen, weil es dafür eine Spezialausrüstung braucht, die niedergelassenen Ärzten nicht im notwendigen Ausmaß zur Verfügung steht. Zukünftig wird es also ausgerüstete Ordinationen und entsprechend ausgebildete Epidemieärzte geben, die im Notfall sofort verfügbar sind. Diese notwendigen Maßnahmen dürfen nicht in langen Diskussionen steckenbleiben oder der leider immanent vorhandenen Innovationsfeindlichkeit, auch innerhalb der Ärzteschaft, zum Opfer fallen.

Niedergelassene Ärzte mussten ihre Arbeit mit Patienten auf das Allernötigste minimieren und ihre Beratung, das Ausstellen von Rezepten und Krankenscheinen per Telefon abwickeln. Allerdings müssen die praktischen Ärzte ihre Ordinationen wie kleine Unternehmen führen, sonst können sie zusperren. Sie brauchen jede Menge Patienten, viele abrechenbare Dienstleistungen, um ihr Ein-Personen-Unternehmen finanziell über Wasser zu halten. Wegen der Corona-Krise blieben die Patienten nunmehr lieber daheim und das im großen Stil, weil sie sich vor Ansteckung fürchten.“

Eine sehr ausführliche Beschreibung des Status Quo im März 2020 gleich am Anfang des Buches. Ihre Analyse setzen sie auf den nächsten Seiten fort. So erzählen sie, dass sich das Klinikpersonal anfangs aufgrund fehlender Schutzausrüstungen und mangels Informationen zum Pandemiegeschehen in den Krankenhäusern durch die Patienten und anschließend untereinander infizierte. Sie nennen es „Schneeballeffekt“. Schnell kommen sie zu dem Schluss, dass Isolation, Quarantäne die rasante Verbreitung des Virus verhinderte. Eine Aussage, die heute so allgemeingültig klingt und doch im Alltag in Vergessenheit geraten ist.

„Die Frage ist: Wie weit und wie lange kann eine Gesellschaft ihre individuellen Bedürfnisse den Zielen der Politik, der Allgemeinheit unterordnen? Und wo sind die Grenzen, wenn die individuellen Bedürfnisse nicht nur kurzzeitig ausgesetzt sind, sondern die Psyche langfristig malträtiert wird? Wie bei Leuten, die an einem posttraumatischen Stresssyndrom leiden, nach dem sie dem Krieg entkommen sind. Wie viele Leute haben denn jetzt schon eine Wut im Bauch, die da drinnen brodelt und bloß ein Ventil sucht, über das sie hinauskommt? Der Druck im Schnellkochtopf erhöht sich. Selbst wenn die Einschränkungen gelockert sind und das Leben da draußen wieder aufblüht.

Es geht unterdessen in der Gesellschaft nicht mehr um das reine Verbot. Sondern um Privilegien. Wenn ich etwas nicht darf, warum darf das der andere? Warum wurde das Reiten verboten? Wenn alle anderen Ausgangsbeschränkung haben, warum soll man überhaupt ausreiten? Die Leute schauen sich gegenseitig auf die Finger. Wer fährt U-Bahn, wer Bus? Warum? Wer trägt keine Maske? Wer greift im Supermarkt das Brot ohne Handschuhe an? Wem geht's besser, wem geht's schlechter? Wer darf wann aufsperren, wer darf wo Urlaub machen? Masken beim Frühstück im Hotel? Gibt es noch Buffets? Oder Leute, die im Fitnesscenter trainieren und dann ins Dampfbad oder in die Sauna gehen? Gibt es private Clubs? Wer genießt Vorzüge, die nicht sein dürfen, und warum? Wer darf aus den Fördertöpfen naschen, wem sind sie verwehrt? Die Gesellschaft verliert das Gleichheitsgebot. Und die Toleranzgrenze.“

Es sind ganz aktuelle Fragestellungen angesichts von Mallorca-Reisenden und im Gegensatz dazu geschlossene Gastronomie und Hotellerie sowie brachliegende Kunst und Kultur im eigenen Land anno März 2021.

Die AutorInnen sorgen sich jedoch auch um den Menschen an sich. Sie haben schnell herausgefunden, was wir tun können, um unser Immunsystem als Hauptangriffspunkt des Corona-Virus zu trainieren. „Für einen ausgewogenen Immunstatus brauchen wir Vitamin C, Zink und auch Vitamin D“, erläutern sie und fahren fort: „Vitamin D ist nicht nur wichtig für den Calciumstoffwechsel und somit für die Knochenqualität, es hat weitere wichtige Funktionen. Vor allem für die Muskulatur und auch für das Immunsystem ist es von großer Bedeutung.“ Es folgen Ernährungstipps bis hin zu einem immer wichtiger werden Faktor, der Psychohygiene. „Angst. Unsicherheit. Verzweiflung. Das Trio infernale für die Seele. Die multimediale Panikmache wird sich ohne Frage auf das Immunsystem auswirken.“

Sie betrachten aber letztlich diese auch als Chance für den Menschen: „Wir müssen uns erinnern, was wichtig ist im Leben. Zuneigung, Liebe, der Partner, die Familie, Zusammenhalt. Echte Gefühle, nicht gespielte Glückseligkeit und geheucheltes Klimabewusstsein, während vier Autos in der Garage stehen, man gönnt sich ja sonst auch alles. Uns scheint, als wäre die Gesellschaft entglitten. Schönheitskult stärkt das Immunsystem nicht, im Gegenteil. Wir müssen darauf schauen, dass sich das kollektive Bewusstsein ändert.“

Und so ist es nur verständlich, dass sich drei Ärzte unter anderem für eine Impfpflicht aussprechen, „wo wir wissen, dass Impfungen schützen.“ Sie beziehen sich in der Verpflichtung vordergründig auf das Personal im Gesundheitsbereich, um diese nicht nur in Krisenzeiten für ihre wichtige Aufgabe gesund zu halten. Am Beispiel der Influenza erläutern sie, welche immensen Schaden man vom Gesundheitssystem ferngehalten werden könnte, wenn sich eine allgemeine Impfpflicht gegen die Grippe umsetzen ließe.

Denn das Gesundheitssystem in Österreich krankt an den gleichen Symptomen wie in Deutschland. Ad eins: „Wir haben auch eine Riege von Doktoren geschaffen, die die Patienten nicht mehr angreifen. Viele handeln aufgrund von Laborwerten, Zahlen und Auswertungen. Der Mensch ist keine Tabelle, kein PH-Wert und auch kein Tumormarker. Aus Furcht vor falschen Entscheidungen und insbesondere aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen halten sich Ärzte strikt an Leitlinien und verlieren dabei das Wesentliche: den Blick auf den Patienten.“ Und sie schieben gleich noch zwei wichtige Fragen hinterher: „Ist Komplementärmedizin tatsächlich wichtiger als Präventivmedizin? Bringen Globuli mehr als frische Luft?“ Ad zwei: „Das Gesundheitssystem setzt sich in Österreich aus rund 4.000 verschiedenen Finanzströmen zusammen, undurchschaubar selbst für Spezialisten. Tausende Budget-Kanäle und Hunderte Geldflüsse, die ineinander verschlungen oder lose miteinander verbunden sind, wie nicht kommunizierende Gefäße. Auf der einen Seite wird für Großinvestitionen viel Geld hinausgeworfen, auf der anderen Seite schütteln Manager den Kopf, sorry, heuer geht geldmäßig leider gar nichts.

Das Gesundheitssystem muss die Sparmeister an die Kandare nehmen, die schreien: Sparen, sparen, sparen!

Wir haben kein Geld! Schwachsinn.“ Kommt uns das in der Diskussion um die fortschreitende Privatisierung des deutschen Gesundheitssystems nicht allzu bekannt vor?

Im ganzen Buch beleuchten die Ärzte, die damals, im Mai 2020 ihr Buch mithilfe der JournalistInnen so schnell und aktuell mit ersten Analysen über den Verlag „edition a“ auf den Büchermarkt bringen konnten, sehr viele Aspekte, die sich als Systemfehler durch die Covid-19-Pandemie besonders stark verdeutlicht haben. Dabei haben sie eine klare, sich über 14 Kapitel ziehende, Struktur. Und im Gegensatz zu manchen gewohnten Verlautbarungen von Medizinern schreiben sie in einer sehr verständlichen Sprache. Das Buch mit seinen 173 Seiten liest sich schnell und ist aktueller denn je. Die Autoren erklären, analysieren, geben Hinweise und kritisieren in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hinein, die in Verbindung mit dem Gesundheitswesen stehen. Es liegt ein politisches Buch vor und ein Sachbuch sowie ein Ratgeber. Für PolitikerInnen, GesundheitsökonomInnen und vor allem für uns als Menschen in einer scheinbar gut funktionierenden Gesellschaft mit ihren wichtigen „Errungenschaften der Zivilisation“ mit seinem wichtigsten Gut: die Freiheit.

„Die vielzitierte neue Normalität wird die Reise nicht angenehmer machen. Die Business Class ist bis auf Weiteres geschlossen, die First Class sowieso. Langsam hatte die Regierung die Restriktionen gelockert, um die Menschen an die Bewegung im öffentlichen Raum wieder heranzuführen. Gleichzeitig müssen die Hygienerichtlinien und die Abstandsbestimmung eingehalten werden, sonst gibt es Strafzettel.

Freiheit Heißer Atem unter Schutzmasken. Plastikhandschuhe. Schwitzende Hände. Desinfektionsmittel Aufschrecken, wenn jemand hustet, als hätte er eine Handgranate gezündet.

Freiheit ist kein Zustand, sondern eine Bewegung.

Sie ist alles andere als selbstverständlich und muss in einer höchst ungleichen Welt hart erkämpft und mühevoll erhalten werden. Sie wurde auch uns nicht geschenkt, sondern wir durften sie übernehmen. Sie ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation und wahrscheinlich das kostbarste Gut der Menschheit überhaupt. Freiheit bedeutet aber auch, Verantwortung zu übernehmen, wahrscheinlich mit ein Grund, warum sich viele vor ihr fürchten.

Freiheit beginnt und gedeiht dort, wo die Angst aufgehört hat, zu sein. Freiheit ist aber auch ein unbeschreibliches Lebensgefühl.

Freiheit zeichnet sich durch ihre Selbstbestimmtheit, ihre Unabhängigkeit und ihre Herrlichkeit aus. Freiheit ist eine starke Emotion. Wer könnte es treffender formulieren als einer der größten Freiheitskämpfer in der Geschichte, Che Guevara: »Es gibt nur eine Sache, die größer ist als die Liebe zur Freiheit: der Hass auf die Person, die sie dir wegnimmt.«“

Das Buch schließt mit einem Anhang: „Der Pandemie-Plan in 55 Punkten“. Er fasst zusammen, was damals, also vor gut einem Jahr, von der Politik hätte in Angriff genommen werden müssen, um das Pandemiegeschehen zumindest auf der Seite des Gesundheitssystems im Griff zu beherrschen.

Doch wie in Österreich so auch in Deutschland hatte man für diesen 55-Punkte-Plan anscheinend keine Zeit angesichts von Diskussionen über Urlaubsreisen nach Mallorca, Öffnungsklauseln Ja oder Nein, Inzidenzwerte 35, 50, 100 … oder Masken-Skandalen und Impfdebakel. Bleibt letztlich die Hoffnung der Autoren und aller, die sich um ein gesundes Gesundheitswesen sorgen, diese dritte und die für Herbst prognostizierte vierte Corona-Welle nicht wieder zu einem Déjà-vu-Erlebnis für uns alle hinsichtlich des Versagens der politischen und ökonomischen Entscheidungsträger wird.

Quellen:

Alle verwendeten Zitate stammen aus dem Buch:

Bereit für das nächste Mal: Wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen
Herausgeber: „edition a“ (16. Mai 2020) www.edition-a.at
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
ISBN-10: 3990014226
ISBN-13: 978-3990014226

Ein Buch aus Österreich. Geschrieben von drei Medizinern und zwei JournalistInnen im Mai 2020. "Bereit für das nächste Mal" spielte im letzten Jahr eigentlich auf eine mögliche 2. Corona-Welle an, um die Folgen geringer zu halten als bei der 1. Welle ab März 2020. Ein Jahr später hat dieses Buch an seiner Aktualität auch für das deutsche Gesundheitssystem nicht verloren.

Corona XI – Bereit für das nächste Mal – ein Déjà-vu | Leuchtturmleuchten

21:36 24.03.2021
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