Das Kreuz von Connewitz - meine Medienschelte

Silvesternacht 2019 Und wieder sorgt eine Silvesternacht in Deutschland für mediale Aufruhr. Dieses Mal aus Leipzig. Und der ausgemachte Feind steht Links.
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Mal ganz in eigener Sache: Ich betreibe seit einigen Jahren diesen Blog. Ja, ich habe eine eindeutige Tendenz in meinen Beiträgen. Das darf ein privater Blog. Er ist ähnlich den „offiziellen Kommentaren“ eine Widerspiegelung der Meinung des Autors und/oder Blogbetreibers, wenn der Blog sich als seriös bezeichnet.

Ich bin Journalist und bekenne mich zu einem freien und humanistischen Journalismus, der zur Meinungsbildung in der Öffentlichkeit beitragen soll. Ich bekenne mich aber auch in dieser Hinsicht zu einer bestimmten Form des tendenziösen Journalismus. Das wird durch das Wort „humanistisch“ in meinem Anspruch in der Herangehensweise an Themen und deren Verarbeitung deutlich.

Kleine Einlassung: „Humanismus ist eine seit dem 18. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung für verschiedene, teils gegensätzliche geistige Strömungen in diversen historischen Ausformungen, unter denen der Renaissance-Humanismus begriffsbildend herausragt. Gemeinsam ist ihnen eine optimistische Einschätzung der Fähigkeit der Menschheit, zu einer besseren Existenzform zu finden. … (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Humanismus) Weitere Humanismusbegriffe dazu finden sich in der einschlägigen Literatur und bleiben aus Platzgründen hier unerwähnt.

Schon ein Jahr nach der politischen Wende habe ich erkennen müssen, dass in der neu geordneten Gesellschaftsordnung und Medienlandschaft für meine Auffassung von Journalismus kein Platz mehr ist. Täglich fliegen mir die Beispiele um die Ohren. Das beginnt bei den sogenannten meinungsbildenden Medien der öffentlichen wie auch privaten Rundfunkanstalten sowie der privaten Medienkonzerne mit ihren dubiosen Verquickungen in höchsten politische und wirtschaftliche Entscheidungsebenen.

Daher dieses kleine Schreibfenster für meine Gedanken zum politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Oft schwirren mir diese Gedanken tagsüber durch den Kopf, der es oft nicht schafft, diese am Abend wieder loszulassen, wenn Zeit zum Schreiben wäre.

So heute geschehen. Ich wollte doch nun endlich einmal aus der Sicht des Nichtanwesenden meinen Senf zu den Ereignissen in Connewitz in die Netzwelt schreiben. Doch da kommt mir der gute Sascha Lobo (#saschalobo) mit seiner Kolumne bei spiegel.de zu vor: https://www.spiegel.de/netzwelt/diagnose-vorzeitiger-nachrichtenerguss-kolumne-a-30018b2e-5b97-49c4-8af0-ce7ec08db5c6?fbclid=IwAR1Taiy4wlBCCxLCPpkfp-WgBkii9LbXeJt8ht5zxUomkTN_iTFxA-S2RPw

Er beschreibt in seinem Beitrag ganz genau, was ich in den letzten Wochen wieder vermehrt in Hinblick auf die gesellschaftliche und politische Spaltung wahrnehme. Die mediale Wiederspiegelung von Ereignissen die linke Szene betreffend ist ein Ausdruck dafür, warum in der breiten öffentlichen Wahrnehmung links mit EXTREM gleichgesetzt wird. Die Silvesternacht am Connewitzer Kreuz, deren Darstellung durch Polizei und unseriöse Medien aller Colour in ganz Deutschland, die parallele Nennung von der Partei Die Linke in einem Atemzug mit der AFD als oppositionelle Meinungsträger bedeutet für mich ein Festhalten an einem scheinpluralistischen Herrschaftssystem der Bundesrepublik in den geistigen Grenzen vor 1968.

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus …“ (Quelle: Karl Marx – Das große Lesebuch. Herausgegeben von Iring Fischer, Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, Seite 166 oder direkt zum gleich Nachlesen: https://www.antifaschistische-linke.de/PDF/Manifest%20der%20Kommunistischen%20Partei.pdf) Der schlimmste Satz, den je ein Philosoph aufschreiben konnte. Vorausgesetzt, er hätte in seiner Glaskugel die geschichtlichen Ereignisse in Europa zwischen 1889 und 1989 voraussehen können. Die Utopie von der gerechten humanistischen Gesellschaft scheint gescheitert: Der Kampf um diese Utopie und der sich daraus entwickelnde Hass der Feinde von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ brachten zwei Weltkriege hervor, ließen mehrere regionale und multinationale Konfliktherde auflodern und ausbrennen, hat drei Welten im Sprach- und Denkgebrauch der westlichen „Herrenrasse“ entstehen lassen und die „reichsten 0,1 Prozent der Menschheit verfügen über einen so großen Anteil am weltweiten Vermögen wie seit 1929 nicht mehr“ (Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1130663.reichtum-ultrareiche-steigerten-ihr-vermoegen-um-prozent.html) …

Die menschlichen Verfehlungen in den ehemaligen Staaten des sogenannten Ostblocks bei der Auslegung, wie diese Utopie Realität werden kann, die Anpassung der Massen damals wie heute in der Wohlfühl-Nichtstu-Zone der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit machen es den Demagogen gegen Links leicht. Und diese Demagogen bedienen sich eines willfährigen Werkzeugs: die von Lohn und Brot abhängigen Journalisten.

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ ein Zitat, das dem umstrittenen Martin Luther zugeschrieben wird, aber auch von ihm nur in seinen Zitatensammlungen als Sprichwort wiedergegeben wird (Quelle: https://de.wiktionary.org/wiki/wes_Brot_ich_ess,_des_Lied_ich_sing). Das ist das Motto, dem sich die Journalistinnen und Journalisten unterordnen müssen. Und schon gar erst im unlauteren und verlorenen Kampf der klassischen Medien – ob analog oder digital – gegen die All-Dumm-Macht der „Ich kann alles aus mir rauslassen“ sozialen Medien. In diesem ungleichen Kampf gegen die werbetreibenden Manipulatoren eines scheinpluralistischen Meinungsbildungsmodels hinter den Servern der privatwirtschaftlichen Multikonzerne haben die Journalistinnen und Journalisten keine Chance. Sie gehorchen den Herren und Damen in Nadelstreifen oder Rollkragen und Jeans. Sie glauben, eine objektive Meinung zu platzieren. Sie freuen sich, jeden Tag ihren Namen in der Zeitung zu lesen auf den verschiedenen Bildschirmen zu entdecken oder auditiv wahrzunehmen. Sie fühlen sich geehrt, weil ihr Gesicht auf den Bühnen von Talkshows oder medialen Großveranstaltungen erscheint. Und wenn sie in den Olymp der Großen Medienmillionäre aufsteigen, haben sie es geschafft, sich von ihrem Gewissen zu lösen.

Als Journalist kann ich in so einer Medienwelt nicht arbeiten, die sich auf einem auf Lügen aufbauenden Abhängigkeitsverhältnis aufbaut. Wo scheinbar objektive Informationen von scheinbar objektiven Informationsübermittlern mit dem Buckel der Ergebenheit und der offenen Hand für die Almosen einer Exklusivinformation ungefiltert in die Welt herausgeblasen.

Die Ereignisse in der Silvesternacht in Leipzig Connewitz waren wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, wie Medien in Deutschland funktionieren. Und an der Stelle möchte ich eindrücklich betonen, dass es für mich keine linke Gewalt gibt. Wer Gewalt ausübt, egal aus welcher Motivation und egal gegen wen und egal in welchem Ausmaß, der verstößt gegen Gesetze und muss mit den Konsequenzen rechnen. Der „schwer verletzte Polizist“ musste jedoch für die Ereignisse zum Jahreswechsel in dem Leipziger Stadtteil herhalten, dass Stimmung gegen Links gemacht werden konnte. Hörst Du den Aufschrei des amtierenden OBM und Kandidaten der SPD für den Posten des zu wählenden neuen OBM, Herrn Burghard Jung, dass man konsequent gegen die linksextreme Szene vorgehen werde. Mehr konnte durch den vorzeitigen und ungeprüften, sprich nicht recherchierten „Nachrichtenerguss“ an Medientaumel nicht erreicht werden. Die Richtung stimmt wieder: Der Feind steht Links. Und die sogenannten meinungsbildenden Medien mischten wieder in diesem Chor und beim Wettkampf um Rezipienten und Moneten mit. Die wenigen Ausnahmen, besonders in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, können den gegenwärtigen Abwärtstrend bei allem Bemühen nicht verhindern. Qualitätsjournalismus ist an unabhängige, aber bürgerInnenkontrollierte Medien gebunden. Dies beweisen vielfältige kleine Onlineauftritte von Journalistinnen und Journalisten, die sich dem Humanismus verschrieben haben.

Und im Übrigen, lassen Sie sich nicht täuschen vom Begriff des „freien Journalisten“. Dieser ist nur frei von irgendwelchen festen oder Honorarverträgen mit einer oder mehrerer Redaktionen.

Wir brauchen eine den freien Journalismus stärkende Mediengesetzgebung, die die völlige Unabhängigkeit und damit wirkliche Freiheit des Journalismus von Parteien und privaten Medienkonzernen garantieren. Denn der Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet zwar „die Meinungsfreiheit. Flankiert wird diese Bestimmung durch die Freiheit von Presse, Rundfunk und Film (Medienfreiheit) sowie durch das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten (Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Artikel_5_des_Grundgesetzes_f%C3%BCr_die_Bundesrepublik_Deutschland). Aber, ohne ein richtiges Mediengesetz wird es Meinungsmanipulation auf allen Kanälen geben. Solange fühlen sich „besorgte Bürger“ (hier bewusst die männliche Schreibform, weil sich ähnlich wie in der arabischen Welt vorrangig der alte weiße Mann tummelt) bemüßigt, „Lügenpresse“ zu brüllen. Solange werden gut ausgebildete Journalisten ihre teuren Stühle für Klapphocker von selbsternannten Schreiberlingen und Moderatoren räumen müssen.

Die Finanzierung jeder Journalistin und jedes Journalisten sollte nach einem einheitlichen Honorarschlüssel leistungsgerecht durch eine unabhängige Medienstiftung organisiert werden.

Bei den sozialen Medien sollte die Reset-Taste gedrückt werden, dass einmal alles an Meinungsunbilden auf Null gesetzt wird, um anschließend nach allgemein gültigen Regeln, ähnlich denen des Straßenverkehrs MIT Geschwindigkeitsbegrenzung, eine offene Plattform des Gedankenaustausches und der Verbindung zwischen realen Menschen entstehen zu lassen.

Doch dazu wird es in dieser auf Egoismus aufgebauten Gesellschaft nicht kommen. Es bleibt wie es ist. Eine Orientierung und Einordnung der Ereignisse auf der Welt durch einen freien Journalismus wird es in absehbarer Zukunft nicht geben. Der allgegenwärtige Journalismus gehört denen, die es wollen, dass ihre Meinung verbreitet wird und es sich leisten können, die verschiedenen Meinungskanäle zu bespielen. Deshalb wird man so, wie gehabt, über eine Silvesternacht in Connewitz berichten. Deshalb verschwindet der Freispruch für den Kapitän der LIFELINE Claus-Peter Reisch aus den Schlagzeilen (https://mission-lifeline.de/freispruch-fur-kapitan-claus-peter-reisch). Deshalb werden Nachrichten heutzutage als Nachrufsendung für die Toten von Kriegen und Katastrophen wahrgenommen. Deshalb interessieren sich 80 Prozent der Menschen nicht mehr für ihre Nachbarn und rennen wirr, rücksichtslos und Ich-bezogen durch die Welt. Deshalb werden Urteile gegen Linke schneller gesprochen als gegen Rechte (https://www.mdr.de/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/beschleunigtes-verfahren-silvesterausschreitungen-leipzig-connewitz-100.html). Deshalb brennen Asylbewerberheime. Deshalb gibt es Hunger und Elend. Deshalb dürfen fanatische Religionsanhänger Karikaturisten erschießen. Deshalb baden nur 0,1 Prozent von über 7 Milliarden Menschen in Milch und Honig.

Deshalb hat der Tiger Journalismus alle seine Zähne verloren und kaut bedeutungslos auf dem zähen Fleisch des Kapitals.

Ich bin Journalist und schreibe in unregelmäßigen Abständen auf meinem Blog - www.leuchttumrleuchten.de - das auf, was mich politisch, kulturell und gesellschaftlich bewegt. Die Beiträge sind keine fertigen Konzepte, sondern Sichtweisen und Widerspiegelungen meiner Gedanken, die ich mir über die Zusammenhänge in der Welt mache. Ich arbeite mit recherchierten Fakten. Aber, da es meine Freizeitbeschäftigung ist, kann die Recherche nicht so allumfassend sein, wie ich selbst oft gern möchte.

19:08 10.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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