Diese Band hat es verstanden

Feine Sahne Fischfilet Natürlich ist der Auftritt der Punkband in Dessau provokant und ihre Inszenierung nicht widerspruchsfrei. Trotzdem sind die Musiker wichtig
Ausgabe 45/2018

Bis zuletzt hatte es Streit gegeben um das Dessau-Konzert der linken Band Feine Sahne Fischfilet. Nachdem das Bauhaus Dessau die Gruppe ausgeladen hatte, war sie in die „Alte Brauerei“ eingeladen worden. Doch das ZDF, das die Reihe im Bauhaus organisiert, wollte das Konzert trotz allem in seiner Sendung zdf@bauhaus übertragen – und setzte sich schließlich durch.

Trotz einer breiten Front aus Neonazis und AfD, die bis in die sachsen-anhaltinische CDU reichte und gegen das Konzert Sturm lief, traten die Punkrocker am Dienstagabend also auf. Und wovor fürchten sich nun Bauhaus-Leitung und sachsen-anhaltinische CDU? Vor den Liedern übers Saufen, über Freundschaft und die Eltern? Oder vor den Aufrufen zu politischem Engagement, „dass es nicht bei diesem Konzert bleibt“? Die Band macht sich schließlich seit Jahren für alternative Strukturen stark, gerade in Gegenden, wo Neonazis gut organisiert sind.

Man kann es freilich als Provokation verstehen, wenn der ganze Saal bei dem Lied Wut die Zeile „Niemand muss Bulle sein“ mitgrölt, während draußen Dutzende Einsatzkräfte an Straßenecken postiert sind, um die Sicherheit der Veranstaltung zu gewährleisten. Oder man versteht dies als lebendige Demokratie, die Widersprüche erträgt. Denn Jan „Monchi“ Gorkow, Frontmann der Truppe, weiß genau, was er tut: Er widmet den Song der „Initiative Oury Jalloh“, die seit Jahren für die Aufklärung der Todesumstände eines Asylbewerbers kämpft, der 2005 in einer Polizeizelle starb – in Dessau. Nach wie vor steht der Verdacht im Raum, dass Oury Jalloh vor bald 14 Jahren in der Zelle getötet worden ist.

Gewiss mag es paradox erscheinen, dass eine linke bis linksradikale Gruppe nun über ZDF-Bildschirme flimmerte. Den Jungs ist der Widerspruch bewusst. Doch sie haben etwas verstanden, was viele angeblich demokratisch Gesinnte nicht begreifen: Wenn dieser Flecken Erde in 15 bis 20 Jahren noch in einer freiheitlich-demokratischen Ordnung leben sollte, dann wird das Leuten wie Monchi zu verdanken sein – und nicht rechtslastigen CDU-Funktionären, die sich über „Gewaltverherrlichung“ echauffieren, während sie neonazistischen Banden das Wort reden.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Leander F. Badura

Redakteur Kultur (Freier Mitarbeiter)

Leander F. Badura kam 2017 als Praktikant zum Freitag und hat seither in wechselnder Intensität für die Ressorts Politik und Kultur gearbeitet. Er studierte Politikwissenschaft in Freiburg und Aix-en-Provence sowie Lateinamerikastudien und Europäische Literaturen in Berlin. Seit 2022 ist er im Kultur-Ressort für alle Themen rund ums Theater verantwortlich. Des Weiteren beschäftigt er sich mit Literatur, Theorie, Antisemitismus und Erinnerungskultur sowie Lateinamerika. Er schreibt außerdem regelmäßig für die Jungle World.

Leander F. Badura

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen