Die DNS der Familie

Film In „Like Father, Like Son“ verhandelt Hirokazu Koreeda behutsam und poetisch zwei Eltern-Kind-Geschichten
Ausgabe 39/2014

In einer Turnhalle lassen Kinder Ballons steigen. Fast zur Zeitlupe verlangsamt sinken die bemalten Bälle Richtung Boden; langsam geht in den Bildern in Schwere über, was eben noch schwerelos war. Die Szene zeigt kein ausgelassenes Spiel, sondern die erste Etappe einer Aufnahmeprozedur – die obligatorische Bewerbung für die Grundschule –, die in Hirokazu Koreedas Film Like Father, Like Son zu keinem Ende kommt. Institutionen japanischer Leistungsarchitektur werden in der Geschichte durchschritten und in einem Prozess ohne Sieger an ihre Grenzen geführt: neben der Schule Krankenhaus, Gericht und Familie. Für Letztgenannte gibt es, wie der Film zeigen wird, kein Handbuch.

Schon gar nicht, wenn der Fall so kompliziert liegt. Denn mit dem Eintritt in die neue Institution Schule fliegt die Familiengeschichte als Verwechslungsfall auf. Zwei Kinder wurden vertauscht, und eine Lösung muss, kann aber nicht gefunden werden. Im Einschulungsgespräch mit dem einen Sohn fällt der Kamerablick auf ein Foto. Es stellt die Frage, wem das Kind ähnelt. Der Sohn entwirft das Idealbild eines zeltenden Vaters, zu dem der anwesende nicht zu passen scheint. Er war nie zelten, er hat keine Drachen zum Steigen gebracht.

Fürs Erste entlassen, gehen die Kinder ab über eine Wendeltreppe, deren sich abwärts drehende Form in den Bildern subtil weitergeführt wird: in Kamerafahrten und Architekturmodellen bis zum fiktionalisierten Spiralturm von Shinjuku – die Doppelhelix der menschlichen DNS hat filmisch vielleicht nie eine poetischere Form gefunden.

Eine die beiden Stränge verwickelnde Vertrauensprobe beginnt, in der nach dem Austausch der Söhne jedes Elternpaar mit dem fremden, eigenen Kind leben muss. Die Indizien eingeübter Verbindungen häufen sich. Die Pegel von Softdrinks landen auf demselben Stand an Weihnachten in der Shoppingmall – ein unerzogenes Schlürfen stellt die beiden Erziehungsmodelle, streng und lebenslustig, gegeneinander. Es gibt verschiedene Arten von Familie, Like Father, Like Son scheint sich auf die Seite zu schlagen, wo die Herzensgüte regiert.

Doch so einfach ist es nicht. Gerade wo der Eindruck entsteht, ein unterkühlter Vater (Masaharu Fukuyama) müsse seine steife Eleganz zugunsten vermisster Vitalität aufgeben, und die Mütter als heimliches Gravitationszentrum einer Versöhnung deutlich werden, erkennt der Film sacht seine Zuneigung für eine artifizielle Konstruktion: Das Bild von zeltender Familie wird indoors errichtet, im Apartment. An Angeln und Windjacken sind die Preisschilder noch dran. In den zurückgeworfenen urbanen Lichtern werden Sternbilder gedeutet, nicht im Nachthimmel. Die kleine Feierlichkeit der Attrappe gibt d en Verfallserscheinungen natürlich gedachter Verwandtschaft eine Form.

Es sind die Bilder selbst, die an dieser Verbindung bauen. Fotos, die der Sohn unbemerkt vom strengen Vater aufgenommen hat, werden als Protokoll kindlicher Zuneigung lesbar – die Angst vor Ersetzbarkeit ersetzt durch ein Vertrauen ins Hergestellte. Die Signale einer weicher werdenden Hauptfigur folgen einem musikalischen Prinzip. Friedrich Burgmüllers Klavierstück Tendre fleur wird in die Filmhandlung hineinentwickelt. Der Vater bringt seinem Vater einen Strauß Rosen: „Wenn er die Blumen sieht, fängt er an zu heulen.“

Später eigene Tränen, wenn der reservierte Vater aus einer Sofaritze die Trümmer einer zum Vatertag gebastelten Rose zieht. Die in der Erwartung, man könne zwei Väter haben, ein Pendant, eine zweite gebastelte Rose, erhalten hatte. Der Versuch einer Symmetrie findet in der feinen Motivführung von Like Father, Like Son Anerkennung. Vater und Sohn treffen, wo zwei Pfade ineinandergehen, wie auf einer umgedrehten Stimmgabel aufeinander. Zusammenführung wäre für diesen behutsamen Film ein viel zu eindeutiges Wort.

Like Father, Like Son Hirokazu Koreeda Japan 2013, 120 Minuten

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