Ayn Rand: Die Philosophie einer Psychopathin

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Ayn Rand: A Sense of Life (Dokumentation)

Die Frau ist völlig durchgeknallt. In Michael Paxtons Dokumentarfilm „Ayn Rand: A Sense of Life“, der 1998 für einen Oscar nominiert wurde, erklärt die verstorbene US-amerikanische Bestseller-Autorin Ayn Rand ganz ruhig und sachlich, dass Egoismus das einzig Vernünftige auf der Welt sei. Lieben solle man nur die, die sich die Liebe auch verdient haben. Arme und Schwache bezeichnete sie schon einmal als „Parasiten“ und „Abfall“. Eine weitere arme Irre, wie wir alle, könnte man jetzt denken. Weit gefehlt. Ayn Rand ist ein Sonderfall. Sie ist heute in den USA so einflussreich ist wie nie zuvor.

Heute erinnert George Monbiot im Guardian an die vor 30 Jahren verstorbene, in Russland geborene Philosophin, deren Bücher laut Wikipedia eine Gesamtauflage von 25 Millionen haben. Fast ein Drittel aller Amerikaner hat ihren Roman Atlas Shrugged gelesen. Die TAZ beschreibt Rand als „Schutzheilige der Tea-Party-Bewegung“.

Der Historiker Michael S. Cullen meint, sie habe mit ihren Büchern jahrelang eine Welt gepredigt, in der der Held sagt: Nur ich zähle, die Gemeinschaft zählt gar nicht, die Regierung ist schrecklich und muss weg, die Regierung verhindert mein Glück. „Diese Art von Philosophie ist von manchen Tea-Party-Anhängern mit der Muttermilch aufgesogen worden“, gibt Cullen zu Protokoll.

Man fragt sich ja schon, wie es zu dieser kruden Philosophie kommen konnte. Der Gedanke, dass der Frau etwas Schlimmes passiert sein muss, liegt angesichts ihrer „psychopathischen Ideen“ (Monbiot) vielleicht nahe. Und tatsächlich: Ayn Rand erlebte Im Jahr 1917 Februar- und Oktoberrevolution nacheinander. Im Zuge der Machtübernahme durch die Bolschewiki wurden die Besitztümer ihrer Familie (Ayn Rands Vater war Apotheker) enteignet. Die Familie verarmte. Der Schock muss nachhaltig gewesen sein. Traumata können der Treibstoff für große Literatur sein, vielleicht auch für große Ideen. Bei Ayn Rand ging der Schuss nach hinten los.

16:24 06.03.2012
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Geschrieben von

Jacques Kommer

Journalist. Bloggt unter www.jacqueskommer.de zum Thema künstliche Intelligenz.
Jacques Kommer

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