Paranoia zu PR-Zwecken

Werbekritik Im neuen Nivea-Spot werden ahnungslose Reisende am Hamburger Flughafen für eine Kampagne eingespannt. Eine Grenzüberschreitung, findet unser Autor
Paranoia zu PR-Zwecken

Foto: Screenshot

Sind Sie gestresst? Das fragt der Sicherheitsbeamte in der Flughafenwartehalle. „Sie sehen so gestresst aus“, insistiert er. Die junge Frau bekommt es mit der Angst. Gerade war ihr Bild in der Zeitung und in den Fernsehnachrichten zu sehen. Sie werde polizeilich gesucht, hieß es da. Die Situation ist kafkaesk, denn die Frau weiß nicht, was sie sich zu Schulden hat kommen lassen. Gegen Stress hätte man etwas, sagt der Security-Mann und öffnet seinen Koffer. Der enthält – ein Nivea-Deo, das in stressigen Situationen besonders schweißhemmend wirken soll.

Das Besondere an dem Spot: Die Protagonistin ist eine reale Person. Sie wurde versteckt gefilmt. Zuvor hatte ein Mann heimlich in der Wartehalle ein Foto von ihr gemacht, das mit einem Bildbearbeitungsprogramm ins Layout einer falschen Zeitung eingefügt und ausgedruckt wurde. Auch die Fernsehnachrichten auf dem Monitor waren gefakt.

Der Nivea-Spot markiert damit eine Grenzüberschreitung. Statt professioneller Schauspieler werden hier ahnungslose Passanten für eine Kampagne eingespannt. Bei einem weiteren Durchlauf sieht man, wie ein junger Mann in der Wartehalle panisch aufspringt und davonläuft, als in den Nachrichten gesagt wird, dass nach ihm gefahndet werde.

Es geht hier nicht nur um einen Verstehen-Sie-Spaß-Clip im Auftrag der Werbewirtschaft. Nivea spielt mit Verfolgungswahn, wobei wir ja spätestens seit Kurt Cobain wissen, dass man nicht paranoid sein muss, um zu wissen, dass „sie“ hinter einem her sind. Und dann hilft auch das stärkste Deo nichts mehr ...

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8/13 vom 21.02.20013

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Geschrieben von

Jacques Kommer

Journalist. Bloggt unter www.jacqueskommer.de zum Thema künstliche Intelligenz.
Jacques Kommer

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