Manuel Ebert
Ausgabe 1717 | 17.05.2017 | 06:00 1

Die Essenz des Risikokapitalismus

Tal der Träumer Vor dem Wallfahrtsort des Silicon Valley stehen Teslas und Maseratis. Der Quadratmeter ist hier 35.000 Euro wert

Die Essenz des Risikokapitalismus

Die Sand Mill Road ist wohl die teuerste Lage Kaliforniens

Foto: Peter Kaminski

Sand. Hill. Road. Drei Worte mit einer Wirkung, wie sie magischer nicht sein könnte im Silicon Valley. Sand Hill Road ist ein Wallfahrtsort – die Entrepreneure flüstern seinen Namen wie einen alten kabbalistischen Ritus. Der Hadsch zur Sandhügelstraße kann das Leben jedes noch so agnostischen Unternehmers für immer ändern.

Die Bürogebäude entlang der Straße als hässlich zu bezeichnen wäre eine Beleidigung anderer hässlicher Bauten auf der ganzen Welt. Trotzdem sind die Betonkuben mit 35.000 Euro pro Quadratmeter mehr Wert als Schloss Sanssouci. Was also wird in teuren Betonbüros gemacht, das so mesmerisierende Wirkung auf Silicon Valley hat? Natürlich: Mehr Geld. Was sonst.

Sand Hill Road ist die Essenz des Risikokapitalismus. Alle großen Geldgeber haben hier ihren Sitz, CEOs von Sam Altman bis Mark Zuckerberg haben hier Klinken geputzt. Zwischen den dreistöckigen Flachdächern stehen Teslas und Maseratis, und am Montagnachmittag laufen einem öfters junge Unternehmer entgegen, die siegestrunken gerade ihre erste Million an Investitionen bekommen haben. Am Abend findet man die dann mit einer Flasche Dom Pérignon in einer von diesen Lounges mit weißen Ledersofas und violetter Akzent-Beleuchtung, in der sie kurz vergessen können dass sie trotz des Geldes weiter ohne Bezahlung 60-Stunden-Wochen arbeiten werden, weil sie die Kohle brauchen, um einen „Design Guru“ und drei „Rockstar-Programmierer“ anzustellen.

Aber zurück zur Sand Hill Road: Das Volumen an Geld, das durch diese Zimmer fließt, ist von außen betrachtet natürlich absurd. Aber man kann auch sagen: Es funktioniert. Jobs werden geschaffen, Geschichten verkauft, Träume gemacht, und obwohl die meisten Investitionen den Bach runtergehen, zahlt sich das Ganze zum Schluss eben doch aus. Das ist eigentlich ein erfrischender Gegensatz zum Hedgefonds-Kapitalismus der Ostküste. Dort werden Millionen im Millisekundentakt durch die Welt geschoben, ein mathematisches Megapuzzle ohne intrinsischen Wert. Wer in Start-ups investiert, braucht neben Geld vor allen Dingen Geduld. Es dauert rund sieben Jahre, bis die durchtreibenden Gründer mit ihren Rockstar-Codern liquidierungsfähig werden, sei es durch Börsengang oder durch M&As – Mergers and Acquisitions: Fusionen, Betriebsübergänge oder Abspaltungen. Sieben Jahre, in denen gute Investoren viel Zeit persönlich mit den Gründern verbringen, Beziehungen aufbauen, und das Unternehmen aus der ein oder anderen Sackgasse holen.

Aber zum Schluss zahlt es sich eben aus. Ein Freund von mir, der ab und an kleine Summen in Start-ups investiert, wohnt jetzt auf einem Boot. Keine Yacht, aber immerhin ein Boot. Um ehrlich zu sein: Er wohnt auf einem Boot, weil er sich in San Francisco keine Wohnung leisten kann. Das Boot ist nicht ganz legal geparkt, weswegen er jeden Morgen mit einem Kanu vom Boot zum nächsten Anleger fahren muss, wo er sein Rad angekettet hat, mit dem er dann zum U-Bahnhof fährt. Es dauert wohl doch noch ein bisschen, bis sich die Investitionen auch für ihn auszahlen.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/17.

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