Können Programmierer Frankreich retten?

Tal der Träumer Es ist amüsant, Silicon-Valley-Gründern den Brexit zu erklären. Einer davon versucht derweil, Frankreichs Arbeitslosenquote zu senken
Manuel Ebert | Ausgabe 30/2016 4

Vergangenen Monat habe ich viel Zeit damit verbracht, meinen amerikanischen Freunden zu erklären, wer oder was ein Brexit ist. Ja, klingt ein wenig nach einem verdauungsfördernden Frühstücksgetränk für Senioren. Nein, ganz daneben ist das ja auch nicht. Ja, Polende und Departugal sind bestimmt als Nächstes dran.

Silicon Valley ist gemeinhin dafür bekannt, sich wenig um das Weltgeschehen zu kümmern. Es ist das Tal der Eigenbrötler, der etwas Weltfremden, der Andersdenkenden, und es ist ein stolzes Tal, das nicht immer versteht, wozu es den Rest des Landes braucht, ganz zu schweigen vom Rest der Welt. Und da ist ja was dran: Von Washington D. C. ist es weiter nach San Francisco als von Berlin nach Bagdad, die kulturellen Unterschiede sind gefühlt mindestens genauso groß. Was für Berlin die Burka ist,sind Anzug und Krawatte in San Francisco.

Der Typus der Flip-Flops und Kapuzenpulli tragenden Tech-Monokultur in Silicon Valley ist ebenso billig wie unspektakulär, trotzdem immer noch so beliebt wie ein unterarmlanger Burrito in einer schäbig-hippen Taqueria im Stadtteil Mission. Ein Beispiel: Häagen-Dazs wirbt auf Plakaten zielgruppengerecht mit Pseudo-Programmiercode für Kaffee-Eis. In schwarzer Helvetica auf weißem Grund beschreibt das Poster einen Eiscreme-Algorithmus, der aus Vanille und Sahne ein anregendes „äah“ generiert. Klar, viel Sinn macht das nicht, aber was ist von einer Firma zu erwarten, die vor ein paar Jahren eine Karte von Schweden auf Speiseeisverpackungen druckte und als Hauptstadt Oslo auswies?

Dieser geografische Fauxpas geht am stereotyp weltfremden Programmierer unbemerkt vorbei, weil der sich für nichts interessiert als seine Tesla-Aktien und Snapchat-Filter, die automatisch Schnurrbärte verleihen. Glücklicherweise wird das Klischee der Realität kaum mehr gerecht.

Immer mehr junge Techies wollen an „echten“ Problemen arbeiten. Viele verpflichten sich für den US Digital Service, das „Start-up des Weißen Hauses“. Ein guter Freund von mir leitet eine gemeinnützige Organisation, die gesellschaftliche Probleme mit Datenanalyse und künstlicher Intelligenz zu lösen versucht. Etwa, wo Krankenwagenfahrer am besten Kaffeepause machen sollten, um in der ganzen Stadt die Zeit zu minimieren, die Ersthelfer bis zum nächsten Einsatzort brauchen. Seit kurzem bietet die Organisation ihre Dienste der französischen Regierung an, um Arbeitssuchende schneller in die richtigen Jobs zu vermitteln. Neulich hat Frankreichs Präsident François Hollande meinem Freund bange zugeflüstert, er hoffe, das Ding funktioniere auch, denn ansonsten könne er sich die Wiederwahl wohl schenken. Ob ein Haufen Programmierer und Mathematiker aus Silicon Valley Hollandes Umfragewerte noch retten können, ist fraglich. Dass sie aber ihr Talent nutzen, um der Gesellschaft zu helfen, anstatt das nächste Uber für Marihuana und Schokomuffins zu gründen, ist ein gutes Zeichen.

Auch wenn hier viele für einen Silicon Valleave stimmen würden — es gibt noch Hoffnung für das Tal der Weltfremden.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

06:00 10.08.2016
Geschrieben von

Manuel Ebert

Manuel Ebert ist Autor, Ex-Neurowissenschaftler, und Data Scientist. Seine Consulting-Firma summer.ai berät Firmen in Silicon Valley.
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