Geschichtsaufarbeitung häppchenweise

Kriegsverbrechen Im Saarland vollzieht sich Geschichtsaufarbeitung in kleinen Schritten. Bernd Rauschs Buch über die NS-Verstrickung des Röchling-Clans geht vielen zu weit. Ein Interview.
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An den Fakten gibt es wenig zu rütteln. Hermann Röchling, der Stahl-Patron der saarländischen Hüttenstadt Völklingen, war ein PG (= Parteigenosse). Und, was schlimmer wiegt, wie wenige andere Großindustrielle verstrickt in die Machenschaften des NS-Regimes. Dies sahen auch die Sieger so. Im Rastatter Kriegsverbrecherprozess 1948 wurde der führende Saar-Stahlmagnat zu zehn Jahren Haft verurteilt. In voller Länge absitzen mußte Röchling seine Strafe allerdings nicht. Bereits 1951 vorzeitig entlassen, verbrachte er seinen Lebensabend im beschaulichen Heidelberg, wo er 1955 verstarb.

Die Fakten über die braune Verstrickung der Saar-Schwerindustrie – und speziell die des tonangebenden Röchling-Clans aus Völklingen – liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Umso verwunderlicher ist, dass sich das Mini-Bundesland im Südwesten mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit besonders schwer tut. Dabei hat auch in der Aufarbeitung der Lokalhistorie durchaus eine Wende eingesetzt – spätestens ab den 1980er-Jahren, als auch im Saarland zunehmend NS-Kritisches veröffentlicht wurde: über den aussichtslosen Kampf der antifaschistischen Kräfte gegen den Wiederanschluss 1935, über die Verstrickung der Saar-Industrie mit dem Regime, über Zwangsarbeit und über das System, mit dem die Industrie-Patrone ihre Arbeiter bei Laune (oder jedenfalls: in Abhängigkeit) hielten.

Nichtsdestotrotz ticken an der Saar die Aufbereitungs-Uhren anders. Auch nach der Stilllegung der Röchling-Hütte und ihrer Umwandlung in ein Renommierobjekt mit dem wohlklingenden Namen »Weltkulturerbe« ist im Saarland wenig Kritisches zu »den« Röchlings (und speziell dem Hitler-Adlatus Hermann Röchling) zu vernehmen. Der laufende Ausstellungs-Betrieb der Weltkulturerbe-Einrichtung offeriert wenig zur NS-Werksvergangenheit. Stattdessen bestimmen Ausstellungen zum Gold der Inkas, zu Urban Art und zu Buddha das laufende Programm. Infos zu Werksgeschichte und Betreiberfamilie hingegen findet man auf der Webseite der Einrichtung eher in versteckter, beiläufiger Form. Verwunderlich ist es auch, wenn Inge Plettenberg – eine Historikerin, die vormals als Sender-Verantwortliche die lokale »Tatort«-Reihe betreute – in einem SR-Interview im November 2017 die Rolle von Hermann Röchling im NS mit folgenden Worten kleinredet: »Seine Nähe zu Hitler kann man auch übertreiben. Ich habe Hinweise darauf gefunden, dass Hermann Röchling in der ganzen Zeit 33 bis 45 mit Hitler maximal viermal zusammengetroffen ist. Er hat ihm also nicht auf dem Schoss gesessen.«

(Nicht) »übertreiben« und »nur« – dies scheinen die Schlüsselworte zu sein, mit denen saarländische Historiker die NS-Vergangenheit des kleinen Bundeslandes behandeln. Gemäß dem Motto, dass es neben dem kleinen Nazi immer noch einen größeren gegeben hat, rechnet die Historikerin Plettenberg die Röchling’sche Schuld klein: Er war nur ein kleiner, unbedeutender Gast. Er hatte keinen Einfluss auf die Politik. Seine Denkschrift hat Hitler – wahrscheinlich – nicht mal gelesen. Zwangsarbeit? Kann man auch relativ sehen. Interview-O-Ton-Plettenberg: »Das macht das Ganze auch ein bißchen schwierig, die Definition zu finden: Was waren denn Zwangsarbeiter?« Und überhaupt: »Die Franzosen und die Westarbeiter zum Beispiel sind krankenversichert gewesen.« Da wird man über die nicht wirklich vorhandene Wahl doch mal hinwegsehen können.

Plettenbergs Sicht der Dinge kommt auch in Völklingen selbst nicht unumwunden gut an. Die Lokalnews-Seite Völklingen im Wandel widmete den verharmlosenen Tönen des SR-Interviews einen eigenen Artikel. Selbst der Trierer Volksfreund kritisierte die Form Vergangenheitsbewältigung, wie sie im Umfeld der Einrichtung Weltkulturerbe zu finden ist, mit deutlichen Worten. Anlass: eine Ausstellung, welche die Geschichte der Völklinger Hütte zum Thema hatte. Hauptkritik: Die Ausstellung verbleibe im Ungefähren, Vagen; die Namen von Zwangsarbeitern beispielsweise würden nicht aufgeführt. Ungeachtet des Kleinredens, wie es vor allem die saarländischen »Leitmedien« SR und Saarbrücker Zeitung praktizieren, ist speziell die Hüttenstadt Völklingen seit Jahren Zentrum der Auseinandersetzung um die Röchling’sche Vergangenheit. Zum Politikum wurde sie anlässlich der geplanten Umbenennung des ehemaligen Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe. Die stadtratsseitige Umbenennung 2013 in »Röchling-Höhe« halten viele Kritiker für einen nicht tragbaren Kompromiss – der Name des Clans, so die Kritik, bleibe auf diese Weise weiter im Ortsnamen präsent.

Zu der Haltung, Vergangenheitsfragen eher anzufassen wie heiße Eisen, gehört auch der Umgang mit Bernd Rausch und seinem Buch »100 Jahre Röchling « von 2017. Rausch, Aktivist, Künstler und Autor lässt in seinem Buch keinen Zweifel daran, dass die unselige Geschichte des Röchling-Clans bis in heutige Zeiten weiterwirkt. Möglich, dass sein Buch deswegen bei den lokalen Medien schlecht wegkam – beziehungsweise totgeschwiegen wurde, wie er auf seiner Webseite behauptet? Jedenfalls – so Rausch – gäbe es eine Kontinuität des Verharmlosens und Unter-den-Tisch-Kehrens. Im folgenden Kurzinterview gibt er Antworten zum Inhalt seines Buchs sowie die Frage, wieso es kritische Töne zum Thema Röchling auch 2018 an der Saar schwer haben.

Frage: Wie war die Resonanz auf dein Buch?

Antwort: Die Resonanz – auch wenn diese in den saarländischen Monopol- und Staatsmedien so gut wie nicht vorkommt, ist großartig. Die Inhalte des Buches sind Gegenstand vieler Diskussionen im gesellschaftlichen Bereich. Die Macht der Röchlings ist ungebrochen an der Saar. Der Umgang mit dem Buch zeigt deutlich auf, dass das deutschnationale Bündnis, das sich Mitte der 1950er Jahre anlässlich des autonomen Saarstatuts formierte und in ähnlich widerlicher Weise für den Anschluss an Deutschland agierte wie die Anschlussbefürworter 1935 an Nazi-Deutschland, die Geschicke im Saarland noch immer dominiert.

Deshalb ist nicht der Nazi-Kriegsverbrecher Hermann Röchling in dem kleinen Bundesland das Problem, sondern sein Kritiker. 1935 hatte Hermann Röchling die SaarländerInnen heim ins deutsche Nazi-Reich geholt. Mit mehr als 90 % votierten diese bei der Saarabstimmung für den Anschluss an Hitler-Deutschland. 1957 stimmten über 67 % der Saarländerinnen wieder für den Anschluß an Deutschland. Die Reaktionen auf das Buch zeigen, dass sich die SaarländerInnen in ihrer Mehrheit nicht von dem desaströsen Abstimmungsverhalten von 1935 und 1957 emanzipiert haben.

Frage: Das Buch »100 Jahre Röchling …« hat stellenweise einen sehr anklagenden, generalisierenden Tonschlag. Provokativ gefragt: Sollte man mit dem Thema Röchling nicht milder umgehen?

Antwort: Ob mild, ob hart, der Kritiker des gesellschaftlichen Status quo, die Röchlings betreffend, ist nicht nur ein Gegner, der um Positionen in einer gesellschaftlich wichtigen Debatte ringt. Er ist definitiv der Feind. Da hat sich seit 1957 wenig geändert. Mindeststandards im Umgang mit dem Röchlingerbe habe ich in meinem Buch genannt. Im Wesentlichen wären dies:

1. In einer Dauerausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte muss die saarländische Industriegeschichte der letzten 150 Jahre mit Elend, Ausbeutung und den sozialen Kämpfen des Proletariats dokumentiert werden. Im Mittelpunkt der Ausstellung müssen Ausbeutung, Zwangsarbeit, Waffenproduktion und Kriegsverbrechen stehen und die Verantwortlichen. Die Röchlings müssen deutlich benannt sein.

2. Die Eigner des Röchling-Konzerns sollen nachhaltig dazu aufgefordert werden, die Zwangsarbeiter, Zwangsarbeiterinnen und deren Familien zu entschädigen.

3. Ein Denkmal zur Erinnerung an Leiden und Tod und den vielfachen Mord an Verschleppten und zur Sklavenarbeit gezwungenen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen muss am Eingang zum Weltkulturerbe gut sichtbar errichtet werden.

4. Hermann Röchling als Ehrenbürger der Stadt Völklingen muss ersatzlos aus der Liste gestrichen werden.

5. Die »Röchling-Höhe« muss in »Bouser Höhe« umbenannt werden

Frage: Aktuell wieder hochgekocht ist die Frage der Röchling-Vergangenheit anlässlich der Auseinandersetzungen um die Umbenennung des Völklinger Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe. In Völklingen etwa scheint sich speziell Herman Röchling andauernder Beliebtheit zu erfreuen. So liest man, dass sich Arbeiter der Völklinger seinerzeits bereiterklärt hatten, Röchlings-Kriegsverbrecher-Haft an seiner Stelle abzusitzen. Ist das nicht schwer, angesichts einer solchen Stimmung gegenzusteuern – beziehungsweise kritische, möglicherweise unangenehme Fragen aufzuwerfen?

Antwort: Im Buch habe ich dokumentarisch dargelegt, wie es der Bürgerinitiative Bouser Höhe – Gegen das Vergessen beinahe gelungen war, den Stadtteil »Hermann Röchling« in »Bouser Höhe« zurück zu benennen. Einige der im Buch versammelten Texte verweisen auf den gesellschaftlichen Zusammenhang von Politik, Medien, Röchling-Geld und Röchling-Macht, der eine emanzipatorische Aufarbeitung des desaströsen Erbes als nicht möglich erscheinen lässt. Ein Buch wie »100 Jahre Röchling ...« oder meine Webseite zum Buch sind im Verhältnis zu dem vorhandenen Machtcluster wenig, denke ich, aber mehr als nichts.

HERMANN RÖCHLING

Bereits im Ersten Weltkrieg war das Völklinger Werk Hauptfabrikant für Stahlhelme. Während der Saar-Abstimmung 1935 gehörte Hermann Röchling zu jenen prominenten Saarländern, welche sich am prononciertesten für die »Heim ins Reich«-Kampagne der Nazis ins Zeug legten. Der Stahlfabrikant befürwortete früh neue Eroberungskriege, nahm im Gefüge des NS-Staats führende Funktionen wahr und war – last but not least – Tischgast bei Hitler und anderen NS-Führern. In den Röchling-Werken waren rund 12.000 Zwangsarbeiter beschäftigt; das werksflankierende Arbeitserziehungslager Etzenhofen, welches unter den Zwangsverpflichteten den Ruf eines KZs hatte und in enger Zusammenarbeit mit der Gestapo geführt wurde, ist lediglich eines der schrillsten Highlights in der Vita des Völklinger Industriepatrons.

DAS BUCH:

Bernd Rausch: 100 Jahre Röchling: Ausbeutung, Raub, Kriegsverbrechen. 102 Seiten, € 9,90, ISBN 978-3-00-053761-5.

Link: Buchvorstellung auf der Webseite der Heinrich-Böll Stiftung Saar

11:39 15.01.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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