Identität für alle

Identitätspolitik Identitätspolitik ist auch für die sogenannte Mehrheitsgesellschaft relevant: Es lohnt sich, seinen eigenen Standpunkt zu reflektieren und zu verstehen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dies vorab: Der Artikel "Wer hat Angst vor Identitätspolitik?" ist seit langem das beste, was ich zum Thema Identitätspolitik gelesen habe. Vor allem wegen seinem Reichtum an Perspektiven und Beispielen. Ich möchte mich aber in meinem Text vor allem auf ein Zitat konzentrieren, welcher für mich eines der wichtigsten Kernprobleme der sogenannten deutschen Mehrheitsgesellschaft mit der Identitätspolitik auf den Punkt bringt:

"Vielleicht ist es für einen Sozialdemokraten normal geworden, die ausgebeutete Klasse dazu aufzurufen, das Gemeinsame mit den Kapitalbesitzern zu suchen? Liebe Arbeiterinnen: Versöhnt euch einfach mit dem Kapital! Habt euch lieb."

In diesem Zitat steckt eine Menge drin, vor allem aber offenbart er die Wurzel des Problems, welches die Thomasse und Annikas, meist noch geboren in der alten BRD, mit ihrer eigenen Identität und folglich auch mit der Identitätspolitik haben. Die Generation der nach 1975 bis etwa 1990 in Deutschland geborenen Menschen istentscheidend von einem Gedanken geprägt: Du musst dich als Humankapital in deiner bestmöglichen Form auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Die allgemeine Rezession der ausgehenden 1980er und 1990er Jahre, die Implosion des Sozialstaates und Schröder und Merkel und die Brandung der Globalisierung formten einen strömungsoptimierten Menschen, der sich seiner eigenen Identität als Arbeitnehmer, Bürger, Mensch, Familienmitglied nicht mehr bewusst ist und auch gar nicht bewusst sein darf. Alles, was Ecken hatte, wurde abgeschliffen.

Die eigenen Interessen (ein auskömmliches Gehalt, eine akzeptable Wohnung, eine gesunde Familie) müssen sich seit über 30 Jahren von Jahr zu Jahr mehr allein marktlogischen Interessen unterordnen. Geschäftsführer und Chefs erzählen offen, dass das eigene Gehalt ja vor allem eine Belastung für den Betrieb sei - sei bescheiden! Der Wohnungsmarkt ist explodiert - jaja der "Markt", da kann man nichts machen. Der Klimawandel zerstört die künftige Lebensgrundlage der eigenen Kinder - aber die Wirtschaft dürfen wir nicht gefährden.

Mit anderen, kürzeren Worten: Das postbundesrepublikanische Individuum hat gelernt, seine Interessen vollständig der Marktlogik unterzuordnen und darüber seine Identität verloren. Blöd ist es nun jemanden zu treffen, der noch eine hat.

Identity? Nearly bought one...

Den Mehrheitsdeutschen ist der Gedanke einer eigenen Identität ein bisschen zu gründlich abhanden gekommen. Klar ist: Stolz sein auf Deutschland muss niemand, auch Regionalstolz ("Kölsch Bloot" und ähnlichen Blödsinn) braucht niemand. Alles, was auf Nationalismus und Überheblichkeit fußt, gehört mit Recht auf den Müll. Gilt dies aber auch für das Bewusstsein, einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse anzugehören? Gilt dies für ein selbstbewussten Eintreten für den eigenen Anteil am staatlich nimmermüde postulierten Wohlstandsversprechen? Gilt dies für eine Herkunft "vom Land"?

Die durchschnittliche in Deutschland arbeitende Person biodeutscher Herkunft ist ein Wesen ohne Eigenschaften. In unzähligen Unternehmen werden unwidersprochen viel zu geringe Löhne, unsichere Arbeitsverhältnisse, Sexismus, Despotismus und viele anderen Widerlichkeiten einfach so akzeptiert. Sich selbstbewusst dagegen stellen? Dem eigenen Chef mal zeigen, dass ER seine Ziele nicht ohne seine Mitarbeiter erreichen kann? Kann Thomas nicht, kann Annika nicht und stattdessen ballen sich Frust und Wut im Magen weiter zusammen bis schließlich der "Burnout", die gesellschaftlich akzeptierte Verbrämung des individuellen Zusammenbruchs aufgrund der Beschissenheit der eigenen Situation, sein Recht fordert. Unzählige gehen lieber in die Klinik als sich mit den anderen betroffenen Kollegen zu einer Mitarbeitervertretung zusammenzuschließen und die Zustände zu ändern. Psychopharmaka ersetzen Gehaltsverhandlung, Psychotherapeuten das Gespräch mit dem Betriebsrat.

Ersatzidentität dringend gesucht

Statt sich seiner eigenen Identität bewusst zu werden und selbstbewusst eine Verbesserung des eigenen Daseins zu fordern, findet die Identitätssuche im Privaten statt - wobei dies angesichts Social Media ein seltsamer Begriff ist. Identitätsstiftend wirkt dann nicht mehr das was man zu seiner Existenzsicherung macht, sondern was man isst oder vor allem nicht isst, welches Lastenfahrrad man fährt und wo man klimaneutral geurlaubt hat. Im Job können dann weiter Autos gebaut, Kontakte zu chinesischen Sweatshops gepflegt oder Mitarbeiter ausgebeutet und verletzt werden - auf Instagram haben Thomas und Annika ein gutes Gewissen und setzen sich für Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und gegen Mikroplastik ein. Macht sich auch gut im Lebenslauf.

Das diese Verkaufslackierung von vielen, insbesondere den sogenannten "einfachen" Menschen (gerne aus dem "Osten") als hohl erkannt wird, darf nicht verwundern. Dem Paketlieferanten ist vollkommen schnurz, ob der Kaffee, den er trinkt, seinem Weltbild entspricht. Die Reinigungskraft hat keine Zeit für eine kontemplative Atemübung - sie muss noch dreißig Agenturklos schrubben und ist sich bei jeder einzelnen Schüssel der wortwörtlichen Beschissenheit ihres Jobs bewusst.

Es ist offensichtlich: Die "Gorillas"-Fahrer zeigen den Mut und die Widerstandskraft, den Creative-Consultant-Annika und Nachhaltigkeitsexperten-Thomas nie entwickeln werden. Diese Generation wählt grün - aber in der Hoffnung auf eine schwarz-grüne Koalition. Um die eigene Identität kümmern sie sich hingegen nicht - das können sie sich nicht leisten.

13:31 28.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare