Das Jahr 1928 - Ein Fund

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Das Jahr 1928 war ein Schaltjahr. Und der Neujahrstag war ein Sonntag. Das weiß ich, weil mir auf dem neuen kleinen Trödelmarkt, den sie jetzt sonntags gegenüber abhalten, ein kleiner Taschenkalender aus diesem Jahr in die Hände fiel. Ich liebe solche privaten Meldungen aus einem fremden Leben, die sich durch die Zeiten zu mir durchgeschlagen haben.

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Ich nehme es als freundlichen Zufall, dass ich auf dem ersten Eintrag zu entziffern meine: „Geisler braucht noch Hering“. Das ist mein Familienname. Ich nehme darum an, dass der Kalender vielleicht der Frau eines Lebensmittelhändlers gehörte. Der Name ist nicht verzeichnet.

Einträge gibt’s in er ersten Hälfte des Jahres meist am Sonntag. Es geht – wie es scheint – um Besuche bei befreundeten Familien oder um Treffen in einer größeren Gruppe. Es waren wohl ruhige, geordnete Lebenszusammenhänge. Der 19. März zum Beispiel war ein Familienabend. Am 22. Mai wollte man gemeinsam nach Salzuflen aufbrechen.

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Im Kalender sind neben den christlichen Namens- und Feiertagen auch die israelitischen Feiertage aufgezeichnet. Als Anmerkung steht dort: „Die mit * (Stern) gekennzeichneten Feiertage werden streng gefeiert. Andererseits entziffere ich aus der schwierig zu lesenden Schrift, dass ein Pastor eine Rolle zu spielen scheint. Ich weiß auch nicht, ob die Kalender in dieser Zeit generell mit den Feiertagen beider Religionen versehen waren oder ob dies eine spezielle Ausgabe ist.

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Historische Rechnungen

Ferner kann man einer historischen Zeitrechnung nachrechnen. Man erfährt, dass das Jahr 1928 das 1895. Jahr nach Christi Tod ist. Ich habe hin und her gerechnet und andauernd dieses Kirchenlied dabei im Sinne bewegt: „Und dreiunddreißig Jahr im Fleisch gehorsam war“. Irgendwie mussten diese Jahre dazu gerechnet werden und dann kam man auf das Jahr 1928. Dass seit der Zerstörung Jerusalems 1858 Jahre vergangen sind, wird ebenfalls vermerkt und – um einen Sprung in die Moderne zu machen - dass seit der Errichtung des deutschen Reiches 57 Jahre ins Land gingen, was folgerichtig auf die Reichseinigung „mit Blut und Eisen“ von 1871 schließen lässt. Ungewohnte Rechnerei.

Ich forsche nach, was das Jahr 1928 an allgemein bekannten Ereignissen zu bieten hat und finde, dass im Berliner „Theater am Schiffbauerdamm“ Brechts „Dreigroschenoper“ mit großen Erfolg uraufgeführt wurde, dass Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ in der „Vossischen Zeitung“ abgedruckt wurde und große Beachtung fand. Und dass in Großbritannien die freizügigen, sehr erotische Stellen im Roman „Lady Chatterley“ von D. H. Lawrence zum Skandal führten. Sergei M. Eisensteins Film „Oktober“ kam in dem Jahr heraus. In Deutschland erschien er angeblich unter dem Titel „10 Tage, die die Welt veränderten“,

Ich erinnere mich nur an das berühmte Buch von John Reed „“Zehn Tage, die die Welt erschütterten“.

Die Welt verfolgte die dramatische Rettungsaktion für das über dem Nordpol abgestürzte Luftschiff »Italia« von Umberto Nobile, die dem norwegischen Polarforscher Roald Amundsen den Tod brachte.

Doch, die großen Ereignisse des Jahres sind ohnehin nicht in meinem Blick. Ich denke an Familiäres.

Meine Mutter im Jahr 1928

Im Jahre 1928 war meine Mutter 22 Jahre alt. Mit ungefähr 17 Jahren war sie vom Kloster Simpelveldt in den Niederlanden – einem katholischen Mädchenpensionat – über Aachen nach Köln gekommen. Sie wollte dort ihre Mutter treffen, die an einem Kölner Theater als Sängerin engagiert war. Aber, diese Begegnung war nicht glücklich und so arbeitete meine Mutter als Dienstmädchen im Rheinland, was ich aus den geerbten Versicherungskarten sehe.

Hier ein regionaler Bericht

Im Jahr 1928 war sie als Dienstmädchen auf Schloss Hemmersbach, dem Wohnsitz der Grafen von Trips angestellt. Deren Sohn - Graf Berghe von Trips - ist 1928 geboten und wurde später ein bekannter Rennfahrer.

Wahrscheinlich brauchten sie wegen des Familienzuwachses weiteres Dienstpersonal.

Graf Berghe von Trips

Meine Mutter erzählte mir oft von dieser Anstellung. Im Gegensatz zum Dienstmädchendasein in meist kleinbürgerlichen Häusern sei es hier fair ungeregelt zugegangen. Zuvor hatte sie einmal ihrem Dienstherrn Geld geborgt und nie wiederbekommen und einmal hat sie der Hausherr vergewaltigt. Eine für sie skandalöse für sie traumatisierende Geschichte

Ihr Vater - mein illegitimer Großvater - war zu dieser Zeit schon in Sachsen-Anhalt unterwegs. Er war 1923 - im Zuge seiner Teilnahme am Marsch auf die Feldherrnhalle aus der Reichswehr entlassen worden und einer der engsten Mitarbeiter im "Braunen Haus" von München, der NSDAP-Parteizentrale "Das Braune Haus".

Heute NSDAP Dokumentationszentrum

1928 war er Mitglied des Sächsischen Landtages und bekannt für seine sehr brachialen antisemitischen Debattenbeiträge. Sachsen-Anhalt war das erste Land, in dem die NSDAP noch vor 1933 siegte.

www.chroniknet.de/indx_de.0.html?year=1928

So war das Jahr 1928, die Zeit der Weimarer Republik einer Demokratie ohne Demokraten, wie es hieß. Ich denke an Kurt Tucholskys sehr bekannten Text

Jemand besucht etwas mit seinem Kind

Er erinnert an einen Weltkrieg, der die Kriege veränderte, der die Technik des Tötens in das Kriegsgeschehen einbrachte. Im Jahr 1928 – zehn Jahre nach dem Kriege - gab die amerikanische Regierung das in den USA beschlagnahmte deutsche Vermögen wieder frei. Die Beschlagnahmung war nach Ende des Ersten Weltkriegs erfolgt, um die Begleichung der deutschen Kriegsschulden zu garantieren. Deutschland aber bewegte sich – immer am Rande des Abgrundes – schon auf den nächsten Krieg zu.

17:27 01.11.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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