Ein leidenschaftlicher Realist

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Freitag-Salon: Jakob Augstein im Gespräch mit Egon Bahr

Es ist ein glücklicher Umstand, dass der Rücktritt des Bundespräsidenten nicht schon gestern erfolgt ist, denn das hätte beim Freitags-Salon vielleicht die Akzente noch einmal verschoben. Das waren sie ohnehin, denn das Motto des Abends „Deutschland extrem, verlieren wir die Mitte?“ spielte nur einmal kurz während und in den letzten Minuten des Gespräches eine Rolle zwischen den Diskutanten.

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Lebhaftes Gespräch

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Egon Bahr ist ein guter und routinierter Erzähler und da hätten so gravierende Neuigkeiten nur gestört. Er „griff“ zwar nicht „tief in die Harfe“ – um eine seiner Lieblingswendungen zu benutzen - aber er berichtete sehr spannend über sein Leben und vor allem über seine politischen Erfahrungen und Überzeugungen. Er versteht sich als politischer Realist, einer, der sich die Konstellationen ansieht, analysiert und daraus seine Strategien entwickelte.

„Wandel durch Annäherung“ – eine legendäre Formel, die noch heute gern zitiert wird, war damals umstritten und wird auch in der Gegenwart sogar noch als Vorwurf aus dem Arsenal eines längst beendeten kalten Krieges geholt, wie es Hubertus Knabe dieser Tage praktizierte. Es gab Zeiten, da stellte Bahr fest, dass die DDR ein Stück Mitteleuropa sei, erinnerte ihn Jakob Augstein. Das war damals den Realitäten geschuldet und heute wirkt es komplett unrealistisch.

Ich fand – schon zu DDR-Zeiten – das es solche Politiker sind, die etwas bewegen. Ich dachte, dass Politik so sein sollte, so auf Verständigung, auf die Suche nach Kompromissen, auf Änderung durch kleine Schritte gerichtet und nicht in den trügerischen Träumen von politischen Utopien hängend. Mich bewegte damals auch seine tiefe Erschütterung angesichts des Rücktritts Willy Brandts. Staaten verfolgen Interessen, so unterstrich er erneut eine Binsenweisheit und darum muss man auch mit denen reden, die man innerlich ablehnt, wenn nicht gar verabscheut.

Vor diesem Hintergrund würdigte er Merkels Politik der strategischen Partnerschaften, die sie z. B. mit der Mongolei mit China und auch mit Kasachstan abschloss Sie hat dabei die ökonomische Kooperation, Rohstoff- und Handelsinteressen im Blick, wie es auch bei Saudiarabien schon immer gewesen sei. Moralisieren sei in solchen Konstellationen nicht sinnvoll. Vor allem, wenn die Menschenrechte – wie schon oft – selbst ein realpolitisches Instrument sind.

Er setzte Nuancen, indem er später – in einem Nebensatz – die jahrtausendalte chinesische Kultur würdigte und Respekt für die Leistungen dieses Landes äußerte. Für die Menschen bewegt man nichts, wenn man nur Transparente zeigt.

Ein Meister des Machbaren

Soviel Realismus war Jakob Augstein zu nüchtern, er hätte dem gern ein bisschen mehr, Spannung und Emotion beigemengt, Aber Bahr ist eben ein leidenschaftlicher Meister des Machbaren. Er sprach hochinteressant über die wirklichen Zirkel der Macht, die – ganz gleich welches System herrscht – die Politik bestimmten. Er nennt sie die Oligarchien – Küchenkabinette von meist nicht mehr als 12 Leuten - in denen einer führen muss.

In der Bonner Republik zur Zeit der ersten Großen Koalition war das der Kressbronner Kreis, der die schweren Unwuchten der damaligen Großen Koalition 1966 ausgleichen sollte. Aber – so erinnert sich Bahr – der damalige Kanzler Kiesinger „führte“ nicht. Angela Merkel, der er einen normalen Machtinstinkt zuspricht aber führe durchaus.

Das "innere Geländer"

Die Moral spielte dann doch eine Rolle nur auf einer anderen Ebene. Ein Politiker darf nicht ständig „moralisieren“, aber er braucht ein „inneres Geländer“ ,eine innere Orientierung, das ist sein Verständnis. Ich dachte dabei, ob das nicht eine Variante der Weberschen Verantwortungsethik ist. Mir gefiel diese Sicht, denn ich finde, dass ständiges Moralisieren ein Mittel der politischen Manipulation sein kann und wenig beisteuert zur Besserung irgendwelcher Verhältnisse. Seine Aussage, dass die deutsche Teilung – am Ende auch die Berliner Mauer – von allen vier Großmächten so gewollt bzw. doch gebilligt war, hatte was von jenem Realismus, der das Eifern nicht goutiert. Auch das gegenwärtige nicht. Aber, er verteidigte einen Eiferer wie Sarrazin, da sah er keine Gefahr von rechts. Man kann nur hoffen, dass ihn auch da ein Realismus berät. Ich hatte vor vielen Jahren einmal Gelegenheit an einer Pressekonferenz teilzunehmen, die Willy Brandt mit ihm zusammen im Schloss Niederschönhausen gab.

Es gehört zu den "ostalgischen" Anwandlungen, dass ich mich an diese damalige Bewunderung für Bahrs Politik erinnere. So solide, so bestimmt von Konstellationen, die unumstößlich schienen und doch immer wieder veränderbar wurden, hatte Politik noch etwas von Kunst.

Auch ein ziemlich trüber Altherrenwitz als Antwort auf eine Nachfrage aus dem Publikum zu seiner Erinnerung an das Kriegsende und die Rote Armee hat mich nicht anderen Sinnes gemacht.

Apropos Macht. Der „Berliner Kreis“, von dem manchmal auch gedacht wird, es sei ein Zirkel der Macht im Miniformat, traf sich anschließend. Macht wurde nicht verwaltet nur noch ein bisschen geplaudert. ChristianBerlin, Helena Neumann, „ich“, Amanda saßen noch ein wenig im Casino des Gorki-Theaters. Dort unterbrach die Lautsprecher-Stimme der Inspizientin in regelmäßigen Abständen unser Gespräch. Und ich dachte mir, dass das ja auch eine ziemliche Machtposition ist, zumindest während einer Vorstellung. Und ist die vorbei, dann gibt es - der heutige Tag erinnert dran- eine neue.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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