Ein russischer Sommer

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein Donnerstag anlaufender Film animiert zu literarischen Reminiszenzen

(Heute gibt es ein bisschen Bildungsgut zu transportieren. Vielleicht finden sich ja geduldige Leser.)

In diesen Tagen kommt der Film „Ein russischer Sommer“, der über das letzte Jahr Lew Tolstois erzählt, in die Kinos. www.filmz.de/film_2010/ein_russischer_sommer/

Die Darstellerin der Ehefrau Sofja Andrejewna Tolstaja – Hellen Mirren – wird jetzt schon als preisverdächtig angekündigt. Mir fiel ein, dass die Tagebücher von Sofja Andrejewna, die vor vielen Jahre in Ost und West erschienen, ein großes Echo hatten. Ich habe damals einen Beitrag dazu geschrieben, den ich hier noch mal vorlege. Ist schon 20 Jahre her. Mir war damals dieser unglaubliche Zwiespalt in Tolstois Charakter interessant, diese Menschheitsbeglückungs-Idee und das Verhalten gegenüber seiner Frau, die in der Nachwelt dann als schwierige, launische cerberusartige Person behandelt wird.

Vielleicht lockt es Leute in den Film, der bestimmt sehenswert ist.

Vorher noch ein nicht ganz so altes eigenes Gedicht. Ich war vor vielen Jahren auch einmal in Jasnaja Pojana und das habe ich bedichtet.

Die Terasse von
Jasnaja Poljana

Kochender Kessel
Zischender Schmerz
Gedanken voll Sorge
Kinderlachen im Grün

Sofja Andrejewna im Garten
Voll Düsternis gedenkt sie
Wanetschkas Tod
Lews brutaler Liebe
Grollender Umarmungen

In den Büchern die Worte
der Menschenliebe
des Hochmuts
der Kunst

Und nun:

Große Nähe und unüberbrückbare Kluft
Gedanken zu den Tagebüchern von Sofja Andrejewna Tolstaja

Zu den biblisch-mythischen Chiffren, die die Menschheitsgeschichte begleiten, gehört auch die Überlieferung vom gefesselten Simson. Diese Geschichte berichtet von dem ungeheuer starken Recken, der von einer Frau geschwächt wird, indem sie ihn heimlich seiner Haare beraubt, in denen das Geheimnis seiner Kraft steckt, damit er werde wie alle Welt.

Dieses Gleichnis setzt der sowjetische Tolstoi-Biograph Wiktor Schklowski an das Ende seiner Romanbiographie, um das Verhältnis des großen Schriftstellers und Denkers zum Leben mit seiner Ehefrau Sofja Andrejewna zu beschreiben und er kann sich dabei sogar auf Tolstoi selbst berufen.

Aus dieser Sicht war Tolstois Ehe eine Falle, in die der Dichter zu Beginn sogar freudigen Herzens gegangen ist und der er dann nicht mehr entkommen konnte, als er das ganze Elend seiner Gefangenschaft erkannte. Nicht nur Schklowski auch andere Biographen habe die Ehe Tolstois mit der Frau, die 48 Jahre mit ihm lebte, sechszehn mal von ihm schwanger war und ihm dreizehn Kinder geboren hat, in ähnlicher Weise interpretiert.

Sofja Andrejewnas Tagebücher sind bei Suhrkamp erschienen. In der DDR wurden sie von Rütten & Loening herausgegeben. Ihnen ist ein vom Bemühen um Gerechtigkeit beseelter Aufsatz Maxim Gorkis vorangestellt. Diese Tagebücher, die mit dem Eheschluß am 23. September 1862 beginnen und mit dem Tode Tolstois enden, sind für alle, die gern Authentisches lesen und besonders für Frauen eine hochinteressante, die widersprüchlichsten Empfindungen provozierende, sehr zum Nachdenken über das sich wandelnde und manchmal auch beharrende Verhältnis zwischen den Geschlechtern animierende Lektüre.

Ohnehin geraten Frauen, die im Umkreis berühmter Männer lebten, immer stärker in das Interesse der Öffentlichkeit. Immer mehr stellt sich dabei heraus,sie dem allgemeinen Klischee von der selbstlosen, das Wirken des Genies hingebungsvoll und opferbereit unterstützenden Gefährtin "an seiner Seite" wenig entsprechen.

Einerseits "bedient" Sofja Andrejewna dieses Klischee sogar, insofern als sie tatsächlich opferbereit und hingebungsvoll an der Seite Tolstois wirkte, andererseits sprengte sie es völlig, indem sie niemals zufrieden war, stets selbst nach etwas suchte, im Leben Tolstois enormen Platz beanspruchte, Unruhe hineintrug und nicht im Hintergrund bleiben wollte. Das nahm ihr die Nachwelt sehr übel.

Sofja Bers - ein intelligentes
leidenschaftliches Mädchen

Als die Tochter des Moskauer Arztes Andrej Jefstafjewitsch Bers den 34jährigen Grafen Lew Nikolajewitsch Tolstoi heiratete, war sie 18 Jahre alt. Sie galt als begabtes, intelligentes und leidenschaftliches Mädchen und hatte sich selbst im Schreiben versucht. Hinter Tolstoi lagen zu jener Zeit schon Jahre intensiven Suchens, künstlerischen Schaffens und auch starker sinnlicher Erfahrungen. Die Ehe hatte er sich gewissermaßen verordnet. Er suchte nach seinen unruhigen Jahren ein Leben in sittlicher Sauberkeit, Liebe und Normalität, so wie z.B. auch Thomas Mann die Ehe anstrebte, weil er künstlerische Existenz und bürgerliches Leben miteinander vereinen wollte. Es sollte alles an seinem Platze sein.

Aber Sofja Andrejewna blieb offensichtlich nicht an ihrem Platz. Mit der Eheschließung begann sie ihre Aufzeichnungen, anfangs nur sehr sporadisch und meist aus Anlaß von Streit und Missverständnissen geführt, später als regelmäßige Chronologie. Vor Beginn der Ehe hatte Lew Tolstoi Sofja seine Tagebücher zu lesen gegeben, die sie außerordentlich schockiert hatten und eine Eifersucht anstachelten, die ohnehin zu ihrem Wesen gehörte. Eifersüchtig war sie nicht auf Frauen allein, sondern auf Tolstois gesamte Aktivitäten, seine Bemühungen um das in Verelendung vegetierende Volk, seine sozialen Bestrebungen. Ihr Anspruch lautete unumwunden,die Liebe zu ihr nicht der Liebe zum Volk geopfert werden sollte. Und damit geriet die Ehe Tolstois bei den Biographen in den Bereich "ideologischer Interpretation". Mit solchen Zügen wurde Tolstois Frau für sie eine Art Symbol für das Reaktionäre. Der Vorwurf an sie ging dahin, sie in Tolstois Leben das besitzgierige, eigensüchtige, nach Gewinn strebende Element war, dass sie ihn gehindert habe, ein Leben mit den anderen Besitzlosen zu führen. Und dies ist zutiefst ungerecht.

Auch Tolstoi selbst - dessen Tagebücher im Vergleich zu Sofjas zu lesen, empfehlenswert ist - war sich nicht darüber im klaren, ob seine Frau für ihn nicht nur der Vorwand ist, für das Weiterleben in den gewohnten Bahnen, als Gutsbesitzer und Schriftsteller. Und Sofja hat ihn zu großen Werken inspiriert. Wie auch imer: Sofjas Eifersucht entsprang einerseits ihrer großen Abhängigkeitvon Tolstois Zuwendung und Zuneigung, die sie, besonders nach dem großen Umbruch in seinem Leben und der Entstehung seiner "Lehre", dem Tolstoianertum, niemals ganz auf sich konzentrieren konnte und andererseits auch der Befürchtung,Tolstoi sich vom Schreiben seiner begnadeten Prosa abwendet und nur noch theoretisierende Traktate, die sie verabscheute, veröffentlicht.

Tiefe Konfikte zwischen
den Eheleuten

Es tat sich zwischen den Eheleuten ein Konflikt auf, der mehr war als Eifersucht, sondern der von einem tiefen Missverständnis zwischen den Geschlechtern, von überlieferten Traditionen über die Rolle der Frau und Tolstois darauf fußenden Frauenbild, herrührte Man lese die "Kreutzersonate", deren Herausgabe Sofja Andrejewna ungeheuer gekränkt hat. Der Begriff "Liebe" selbst in seiner vielschichtigen Bedeutung ist Dreh- und Angelpunkt der Missverständnisse. Dies macht die Lektüre beider Tagebücher deutlich. Tolstoi meint damit die Liebe zu allen Menschen als religiöses Lebensprinzip. Sofja meint die Liebe zwischen zwei Menschen, zu ihr, als Emotion und Lebensäußerung. Tolstoi war der Meinung - und damit übernimmt er patriarchalisch-christliche Auffassungen des Frauenbildes - dass die erotische Liebe das Ende aller Liebe im Sinne eines religiösen Auftrages des Menschen sei. Er predigte sexuelle Enthaltsamkeit und vermochte selbst nicht, seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln. Sofja Andrejewna hatte eine - aus der heutigen Sicht bemerkenswerte - Skepsis gegenüber Tolstois Ideen, die sie verstand, aber denen sie nicht folgen mochte. Sie wehrte sich nach Kräften gegen eine Menschlichkeit, die aus Prinzipien geübt wird und nur der Suche nach dem eigenen Lebenssinn entspringt und fordert dagegen, dem eigenen Gefühl zu folgen. Sie setzt gegen seine Abstraktionen ständig das Konkrete und hat ihrem Mann in diesen Auseinandersetzungen offensichtlich nichts geschenkt. Sie kreidete ihm immer wieder die Widersprüche zwischen verkündeten Glaubenssätzen und persönlichem Handeln an und wurde dabei ungerecht und scharf. Sie nannte ihn den "kalten Christenmenschen", der nur seinen Prinzipien folge und nicht seinem Herzen. Seine Anhänger nannte sie die Finsterlinge. Er hingegen beklagt an ihr diese Konkretheit, das Hängen am Materiellen, dass es ihr verwehrte, sich zu einer geistlichen Sicht aufzuschwingen.

Sofjas Tagebuchaufzeichnungen machen ihre Furcht deutlich, dass wenn Tolstois Leidenschaft für sie nachlässt, nur Kampf und Auseinandersetzung bleiben werden. Sie schreibt: "Dieser völlige Mangel an Freundschaft und seelischer - nicht körperlicher - Zuneigung, diese Gleichgültigkeit gegenüber meinem geistigen und Innenleben, die mich bis heute so quält und erbittert und die sich mit den Jahren immer klarer enthüllt hat - das eben hat mir das Leben vergällt, mich ernüchtert und läßt mich nun meinen Mann weniger lieben". Sofja Andrejewna hatte offensichtlich einen starken Willen zur Selbstbehauptung und dies hat sie in späteren Jahren zu verstärkter Rivalität mit ihrem Mann getrieben. Sie hatte einen Ehrgeiz, von dem sie vielleicht nicht einmal hätte sagen können, womit sie ihn befriedigen könnte. Tolstoi war ihr in allem überlegen. Er war der Mann, sie die Frau in den Konventionen ihrer Zeit. Sie hatte allenfalls Talente, er war ein Riese an Genialität. In späteren Jahren, erschöpft von den täglichen Aufgaben, enttäuscht und in ewiger Unruhe, sinnt sie darüber nach, warum es keine weiblichen Genies gibt: "Das kommt daher, weil eine tatkräftige Frau all ihre Leidenschaften, alle Fähigkeiten an die Familie, die Liebe, ihren Mann verschwendet - und vor allem an die Kinder. Ihre übrigen Fähigkeiten verkümmern, bilden sich nicht heraus oder bleiben in den Ansätzen stecken. Auch Tolstoi selbst schreibt etwas ähnliches in sein Tagebuch und sagt dort: "Ich habe gehandelt wie alle, das heißt abscheulich und grausam. Habe ihr alle Arbeit, die sogenannte Weiberarbeit überlassen und bin selbst auf die Jagd gefahren. Es stimmt mich froh, meine Schuld zu bekennen". Wenn man weiß,sich die Ehegatten ihre Tagebücher gegenseitig zu lesen gaben, so scheint es als sei dies Tolstois Antwort auf einen Vorwurf seiner Frau gewesen. Dennoch ~ spürt man an Tolstois Tagebuchäußerung: "Die Frau leistet etwas Großes: sie gebiert Kinder, aber sie gebiert keine Gedanken, das tut der Mann", wie sehr er seine Frau gelegentlich "auf ihren Platz" verwiesen" hat.

Je weniger Sofja Andrejewna wirklich eine eigene Aufgabe für sich finden konnte, umso mehr hat sie die Rolle in Leben und Werk ihres Mannes in für Beobachter fast peinlicher Weise herausgestellt. Sie habe ihn vorgeführt wie ein Dompteur den Löwen, sagt Gorki über sie und meint, das habe eine Frau von ihrer Klugheit und ihrem Format nicht nötig gehabt.

Aber sie hat ihren Mann auf ihre Weise sehr geliebt, so wie er sie auf seine Weise sehr geliebt hat. Die Beziehungen zwischen beiden sind niemals neutral, es geht ständig etwas zwischen ihnen vor. Sofja Andrejewna hataußerdem ihren Mann ziemlich rigoros abgeschirmt vor der Unmenge an Leuten, die die Nähe des Genies nur suchten, damit ein Strahl auch auf sie falle. Damit machte sie sich eine Menge Feinde. Das Wort von der Xanthippe, die ihren Mann beherrscht, kam auf.

Drama am Ende
von Tolstois Leben

Das Drama am Ende dieser Ehe hatte sehr mit der Angst Sofjas zu tun, gänzlich aus Tolstois Leben gedrängt zuwerden. Ihre Auseinandersetzungen mit Tschertkow, Tolstois Schüler und Verleger,nah- men wahnhaften Charakter an. Es ging dabei nicht nur um die Frage der Autorenrechte, also um bares Geld, sondern um die Art, wie Tschertkow von Tolstoi Besitz ergriff. Die letzten Teile von Sofja Andrejewnas Tagebuch sind geprägt von diesem gespenstischen Kampf gegen Tschertkow, von dem Tolstoi sagt, man habe ihn da hineingezogen. Haß, Verzweiflung, Drohungen und Sofjas fixe Idee, mit Tschertkow habe sich der Teufel in ihre Ehe geschlichen, bestimmen alle Eintragungen. Die gesamte Tolstoi-Familie befand sich in Streit und Aufruhr. Das Ende war die Flucht Tolstois aus seinem Hause.

Tschertkows
zweifelhafte Rolle

Es gibt im Fototeil des zweiten Bandes ein Bild, das die ganze Tragik Sofja Andrejewnas am Ende ihres Lebens mit Tolstoi zu Herzen gehend enthüllt. Es zeigt sie, von außen durch die Fenster des Hauses des Stationsvorstehers von Astapowo blickend, während drinnen ihr Mann mit dem Tode ringt. Man ließ sie nicht zu ihm. Gorki stellt in seinem Aufsatz fest,dies nichts mit dem Befinden Tolstois zu tun hatte sondern auf Tschertkows Betreiben geschah.

Der um Gerechtigkeit bemühte Gorki sei hier noch einmal zitiert,der die große Lebensleistung Sofja Tolstajas mit folgenden Worten würdigt: "Alles in allem, was ist geschehen? Weiter nichts, als die Frau, die fünfzig schwere Jahre hindurch mit einem großen Dichter gelebt hat, einem sehr eigentümlichen und sehr rebellischen Menschen, dass die Frau, die sein einziger wahrer Freund gewesen ist, auf seinem langen Lebensweg und seine tätige Helferin bei seiner Arbeit, verständlicherweise furchtbar müde geworden ist. Und gleichzeitig sah sie, als alte Frau, wie der gigantische Mensch, ihr Mann, sich von der Welt löste. Sie fühlte sich vereinsamt, niemand brauchte sie mehr - das empörte sie. Dann nahm ihre Empörung fast den Charakter des Wahnsinns an. Und später ist sie einsam, von allen verlassen, gestorben.Und nach ihrem Tode gedachte man ihrer nur, um sie voller Hingabe zu verleumden".

Der Mythos vom gefesselten Simson? Tolstois Ehe ist vielmehr die Geschichte zweier eigenwilliger, leidenschaftlicher Menschen, die sich wechselseitig fesselten, auseinanderstreben, liebten und stritten. Eine Geschichte von großer Nähe und unüberbrückbarer Kluft und von den Problemen und Missverständnissen zwischen den Geschlechtern.

Hier noch eine interessante Biographie

www.suhrkamp.de/buecher/sofja_andrejewna_tolstaja-ursula_keller_17408.html

19:53 26.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 14

Avatar