Gustav Mahler: Gedenken an Geburtstag und Ehekrise

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“The first one she married was Mahler
Whose buddies all knew him as Gustav
And each time he saw her he'd holler
"Ach, that is the fräulein I must have"

Their marriage, however, was murder
He'd scream to the heavens above
"I'm writing 'Das Lied von der Erde'
And she only wants to make love!"

Alma, tell us
All modern women are jealous
Which of your magical wands
Got you Gustav and Walter and Franz”


(Ausschnitt aus Tom Lehrers herrlich respektlosem Couplet)

In dieser Woche begeht die Musikwelt nicht nur den 150. Geburtstag Gustav Mahlers, sondern – mit dem Film „Mahler auf der Couch“ - auch den 100. Jahrestag einer Ehekrise

Plädoyer für Alma

Wenn es was gibt, das mich - hin und wieder - an der Männerwelt verzweifeln lässt, so ist es deren empört-mäkeliger Umgang mit starken Frauen. Auf einmal sind sie – wenigstens war es in der Geschichte so – ganz an der Seite jener Damen, die die Geschlechtsgenossin ordentlich verdammen.

Ein Beispiel ist Alma Mahler-Werfel. Über sie sprach eine gewisse Claire Goll nur im Ton äußerster Abscheu. Was Alma an bösartigen Beschimpfungen zuteil wurde ist mindestens so frappierend wie ihr - zugegeben - exaltierter Lebensstil.

So forderte der Übersetzer, Autor und Psychoanalytiker Hans Wollschläger 1995 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Femme fatale von Wien, "damit sie dann endgültig abgelegt werden könne. Er lamentiert: "Ihr Selbstbild als Freudenquell und Trostglucke ihrer Männer überstand ungebrochen alle Schicksale, die sie nornenhaft zusammenstrickte (...) und kommt zu dem stammtischnahen Schluss: „am Ende „stehe die Frage noch immer: was das denn nun gewesen sei - außer dem bisschen Unterleib." So also Wollschläger, dem Zunftgenossen eine gehörige Portion selbstbezogenen Narzissmus unterstellen.

Auch gutwilligere Buchrezensenten und Biographen können sich Seitenhiebe auf Alma nicht verkneifen. Dass Mahler seiner Frau, die selbst hochmusikalisch war, das Komponieren verboten hat, wertete ein Freitags-Rezensent vor Jahren als eine „der Nachwelt nützliche“ Entscheidung. Ein Apercú, dessen Berechtigung er nicht beweisen kann. Dem muss ich – aus Gerechtigkeitsempfinden - Almas Tagebucheintrag über Mahlers Musik entgegenhalten: "Außerdem bin ich mit seiner Musik keineswegs so vollkommen einverstanden. Die 6. und 7. (Symphonien) gehen mir ganz nah, an und für sich. Aber wenn man alle Symphonien hintereinander hört, geht einem das ewige Telephonieren mit dem lieben Gott mit der Zeit auf die Nerven." So was spricht doch für eine sehr eigenständige Urteilsfähigkeit.

Furor gegen die alternde Alma

Besonders unangenehm fällt auf, dass der Furor gegen Alma Mahler-Werfel sich verstärkt auf die alternde Frau richtete, als die Zeit ihr Werk an ihr getan hatte und sie sich durch falsche Konservierung nicht mehr vorhandener Reize selbst lächerlich machte. Auch in der Gegenwart ist das Echo auf Alma äußerst zwiespältig. Während die einen ihren weiblichen Biographinnen feministische Schönfärberei vorwarfen, erschien in Deutschland ein weiteres Buch, das - zum wievielten Male - auf die Nichtswürdigkeit der "Witwe im Wahn" verweist und ihren Antisemitismus - der zweifellos vorhanden und beschrieben ist - zu einem erneuten Skandalon machte. Das Werk Olver Hilmes' habe ich hier schon mal besprochen

www.freitag.de/community/blogs/magda/wenn-langweiler-einen-reflexionskoerper-entdecken

In Österreich feiert indessen seit Jahren ein rauschendes und sehr erfolgreiches Alma-Theaterstück Triumphe, dessen Libretto der israelische Schriftsteller Joshua Sobol geschrieben hat.

www.alma-mahler.com/deutsch/presscorner/general_information.html

Adlons for Alma

Morgen kommt ein Film in die Kinos, den der Regisseur Percy Adlon gemeinsam mit seinem Sohn Felix gedreht hat. "Mahler auf der Couch".

www.youtube.com/watch?v=OkNCQr16Vlw

Da spielt logischerweise neben dem großen Komponisten seine Frau die wesentliche Rolle, denn es geht um Mahlers Ehekrise. Die Vorankündigung meint, ihr würde diesmal Gerechtigkeit zuteil.

Gustav Mahler ist im neunten Ehejahr, als er irrtümlich Liebesbriefe öffnet, die an seine Frau gerichtet sind und die von Walter Gropius stammen. Er begibt sich ratsuchend zu Sigmund Freud, der ihn - entgegen den biographischen Angaben - auf die Couch legt und – dann stimmt es wieder - mit ihm durch das Kurbad Leiden läuft und sich seine Not anhört.

Es geht im Wesentlichen um die Bewältigung des Schocks, den Mahler durch Almas Fremdgehen erleidet. Er gewinnt Einblick in Mahlers Ehe und versucht, sie zu retten, obwohl alle Versuche zum Scheitern verurteilt sind.

Freuds Allerweltsanmerkungen

Was Freud selbst dazu meinte, kann man, in Ansätzen nachlesen: „Ich habe den Mann einen Nachmittag lang analysiert. Es war, wie wenn man einen einzigen tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde.“ So der Psychoanalytiker nach diesem Gespräch. Das kann man freilich über jeden lebendigen Menschen sagen. Andere Quellen berichten weitere Schlussfolgerungen Freuds.

„Mahlers Frau Alma liebte ihren Vater Rudolf Schindler und konnte nur diesen Typus suchen und lieben. Mahlers Alter, das er so fürchtete, war gerade das, was ihn seiner Frau so anziehend machte. Mahler liebte seine Mutter und hat in jeder Frau deren Typus gesucht. Seine Mutter war vergrämt und leidend, und dies wollte er unterbewußt auch von seiner Frau Alma erleben“. Wahrscheinlich liegt es an meiner Ablehnung der Freudschen Psychoanalyse, dass mir das immer alles einerseits entmündigend und andererseits kurzschlüssig erscheint.

Biographen sagen, Freuds Anmerkungen hätten Gustav Mahler geholfen, weiter zu leben. Wenn es so war, dann nicht für lange. Er starb an einer Herzinnenhautentzündung, für die viele Biographen eher eine gebrochenes Herz infolge von Almas Treuebruch verantwortlich machen. Es war aber eine verschleppte Infektion, die ein ohnehin schon krankes Herz schwächte.

Der "Dritte" stand noch aus

Almas Fremdgehen muss viele Gründe gehabt haben. Vor allem hatte sie, reduziert auf die Rolle der Hausfrau und Mutter, Trost und Zuspruch bei dem Architekten gesucht wie schon vorher bei vielen anderen Männern. Vorerst blieb sie bei ihrem Mann, erst nach dessen Tod heiratete sie Walter Gropius. Auch dies blieb eine Episode, denn der Dritte stand noch aus: Franz Werfel.

Ich wollte noch gern zu Tom Lehrers Couplet selbst verlinken, aber auf einmal ist es nicht mehr verfügbar.

Ansage: Es gibt ein Gustav-Mahler Hype, man braucht nur abzuwarten. Im nächsten Jahr ist dann der 100. Todestag des Meisters.

Der Film kommt morgen in die Kinos.

Hier eine bildschöne Rezension:

www.tagesspiegel.de/kultur/hurra-die-sechste-ist-fertig/1876652.html

08:59 07.07.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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hibou | Community