Ich und „Die Teppichweber von Kujan Bulak ehren Lenin“

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Mir fiel dieser Tage ein, welches unglaubliche Theater im Jahre 1970 die gesamte DDR durchzog, als der 100. Geburtstag von W.I. Lenin anstand. Es gab keine Brigade, die nicht „zu Ehren Lenins“ irgendeine Verpflichtung abzugeben hätte. Und die Witze potenzierten sich mit der Häufigkeit der öffentlichen Lenin-Beschwörungen.

Einer ging so:

Eine Brigade der Thüringer Uhrenfabrik schenkt dem sowjetischen Volk zu Ehren des 100. Geburtstages von Lenin eine Kuckucksuhr.

Alle Stunden kommt ein Kuckuck raus und ruft:

„Lenin, Lenin.“

Was schenkt die Konkurrenzbrigade?

Auch eine Uhr. Bei der kommt Lenin selbst aus dem Türchen und ruft:

„Kuckuck, Kuckuck“.

Ja, schon gut, ist nicht der Knaller.

Und immer mal wieder zitierte einer dieses Brechtsche Werk,

Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin , indem sie sich nützen.

In der Preisklasse ging das. Ungeachtet dieses Überdrusses und obwohl Marx und Lenin innerhalb des Publikationsorgans, für das ich arbeitete, nicht zur empfohlenen Lektüre gehörten, habe ich mir noch zu DDR-Zeiten zwei kleine Reclam-Bändchen mit Aufsätzen von Lenin gekauft, Die Ost-CDU suchte verzweifelt nach Texten, welche die Gemeinsamkeiten zwischen Marxisten und Christen belegen könnten. Denn man beschwor gern das christliche Arbeitsethos, wie es sich in beiden Konfessionen dingfest machen lässt. „Bete und Arbeite“ oder „Arbeit als gottgewollter Lebenszweck“. Da überschnitten sich die Interessen, das war probat, wenn es galt, den sozialistischen Wettbewerb zu stärken. „Bürgerpflicht und Christenpflicht“ hieß eine Gesprächsreihe, welche die CDU-Ost zu diesem Thema initiierte.

Es verstärkte sich schon damals in mir der Verdacht, dass man viele von Lenins klugen Ideen verschwieg, weil der deformierte Sozialismus, der in der DDR als „real existierend“ galt, sich nicht an seine vernünftigen Wurzeln erinnern wollte. Und das mag mich bewogen haben, die erworbenen Lenin-Schriften so nach und nach zu lesen.

Die große Initiative – eine Sammlung mehrerer Aufsätze Lenins zumThema der Umgestaltung des Arbeitsethos im nachrevolutionären Russland.

"Klasse", dachte ich und nahm mir gleich den ersten Text dazu vor: „Wie soll man den Wettbewerb organisieren?“ Aha, dachte ich, das ist doch genau was ich brauche. Den Eingangssatz überschlug ich zunächst, der behandelte, sehr plakativ, wie ich damals meinte, die Natur des Kapitalismus und seine Wettbewerbsbedingungen.

Aber dann kam sie auch schon, die Frage: wie man „die große Sache der Ablösung der unfreien Arbeit durch die Arbeit für sich selbst....“ , dieses gigantische Werk in Gang bringt.

Es ist alles ganz einfach. „Säuberung“ heißt das probate Mittel. Es geht um die „Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen – den Gaunern, von den Wanzen – den Reichen usw.“ Konkret schlug Lenin vor: „An einem Ort wird man zehn Reiche, ein Dutzend Gauner, ein halbes Dutzend Arbeiter, die sich vor der Arbeit drücken (ebenso flegelhaft ,wie viele Setzer in Petrograd, besonders in den Parteidruckereien), ins Gefängnis stecken, an einem anderen Ort wird man sie die Klosetts reinigen lassen. An einem dritten Ort, wird man ihnen nach Abbüßung ihrer Freiheitsstrafe gelbe Pässe aushändigen, damit das ganze Volks sie bis zu ihrer Besserung als schädliche Elemente überwache. An einem vierten Ort wird man einen von zehn, die sich des Parasitentums schuldig machen, auf der Stelle erschießen“.

Und so geht das noch eine Weile weiter.

Ich war reichlich entsetzt und stellte hellsichtig, wie ich nun mal bin, fest: Auf die Gegenwart, auf den sozialistischen Wettbewerb unserer dem Sozialismus verpflichteten christlichen Mitarbeiter – konnte man das kaum anwenden. Man konnte nicht einfach Leute erschießen, und wenn sie’ s noch so sehr verdienten, wie der bescheuerte Verlagsleiter, der immer die Kantine außer Betrieb stellte, damit die Leute nicht zu lange dort rumquatschten. Oder der Fotograf, der einen immer so lange warten ließ, bis er endlich ein Bild geschossen hatte. Und schon gar nicht konnte man sie die Klosetts reinigen lassen, denn das tat die Mitarbeiterschaft schon geraume Zeit in Eigenverantwortung und zwar klaglos. Das war keine wirkliche Strafe. Und zum Wettbewerb animierte das schon gar nicht.

Lenins Vorschläge taugten nichts und ich dachte darüber nach, ob sich die DDR-Führung vielleicht wegen dieser Undurchführbarkeiten nicht gern auf Lenin bezog. Überhaupt war es viel beliebter, Revolutionäre als gütige Menschheitsbeglücker darzustellen, als den steinigen brachialen Weg einer Revolution ungeschminkt ins Bewusstsein zu rücken. Für das Menschliche gab’s eine Anekdote zu Lenin und Beethovenscher Musik. Lenin soll zu Gorki gesagt haben: „Ich kenne nichts Schöneres als die "Appassionata" und könnte sie jeden Tag hören. Eine wunderbare, nicht mehr menschliche Musik! Ich denke immer mit vielleicht naivem, kindlichem Stolz: daß Menschen solche Wunder schaffen können!" Aber allzuoft kann ich diese Musik doch nicht hören. Sie wirkt auf die Nerven, man möchte liebe Dummheiten reden und Menschen den Kopf streicheln - die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muß man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen - obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind. Hm, hm, hm - unser Amt ist höllisch schwer“.

Na gut, das hat mein Mitgefühl, wenn einer lieber Musik hören will, statt zu hauen. Die Anna Seghers fand auch einmal, es sei doch sehr schwer, was Lenin alles zu bewältigen habe. Die Millionen Menschen zu ernähren und zu kleiden. Tja, dachte ich bei mir: Wenn er alle erschießen will, die das können, dann muss er halt allein ran.

Eigentlich ist diese Beethoven-Anekdote auch schon „zu Tode gehetzt“ durch alle einschlägigen Beiträge zum privaten Lenin.

Erst nach der Wende fand ich einen absolut guten und komplett verwendbaren Leninschen Satz. Es ist der von mir vernachlässigte Eingangssatz zu diesem Wettbewerbstext: Da schreibt Lenin über das Wesen der kapitalistischen Konkurrenz: „Die bürgerlichen Schriftsteller schreiben und schreiben ganze Berge von Papier voll, um die Konkurrenz, den privaten Unternehmungsgeist und sonstige prächtige Tugenden und Reize der Kapitalisten und der kapitalistischen Ordnung zu verherrlichen. Den Sozialisten wurde vorgeworfen, sie wollten die Bedeutung dieser Tugenden nicht erkennen und der „Natur des Menschen“ nicht Rechnung tragen. In Wirklichkeit aber hat der Kapitalismus längst die selbstständige kleine Warenproduktion, unter der die Konkurrenz in einigermaßen breitem Ausmaß Unternehmungsgeist, Energie kühne Initiative entwickeln konnte, durch die fabrikmäßige Produktion in Groß- und Riesenbetrieben , durch Aktiengesellschaften, Syndikate und andere Monopole ersetzt. Die Konkurrenz unter einem solchen Kapitalismus bedeutet eine unerhört brutale Unterdrückung des Unternehmungsgeistes, der Energie und der kühnen Initiative der Massen der Bevölkerung, der gigantischen Mehrheit der Bevölkerung, von neunundneunzig Prozent der Werktätigen bedeutet ferner, auf den obersten Sprossen der sozialen Leiter, die Ersetzung des Wettbewerbs durch Finanzschwindel, Vetternwirtschaft, Liebedienerei“.

Tja, das hielt ich damals für platt und überschlug es. Heute finde ich, dass das ein sehr aktueller, einleuchtender Satz ist.

Heute vor 85 Jahren ist Lenin gestorben.

09:32 21.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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Kommentare 36

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