Nicht nur die Frauen...

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Warum geht’s mit der Emanzipation nicht voran“ – war die Frage, die beim gestrigen Freitags-Salon im Raume stand. Vorher stand ich aber – zum ersten Mal in der Freitag-Salon-Geschichte – an der Kasse an. Der kleine Studiosaal des Maxim Gorki-Theaters war für die Veranstaltung gewählt oder vielleicht auch zugewiesen worden und darum wurde es ein bisschen eng.

Zu Gast waren – wie immer moderiert von Jakob Augstein - neben Bascha Mika, deren Buch „Die Feigheit der Frauen“ gerade überall im Gespräch ist, die Grünenpolitikern, Ekin Deligöz und Zeit-Journalistin Iris Radisch.

Zu Beginn gab es Natur und Biologie. Ist es naturgemäß, fragte ich mich z. B. dass mehr Frauen als Männer das Thema und Bascha Mikas Buch spannend fanden? Immerhin waren dann doch einige Männer zu sehen, der Herr neben mir aber ging nach zirka 10 Minuten.

Jakob Augstein eröffnete biologisch-literarisch, indem er ein Zitat aus Flauberts Roman „Madame Bovary“ vortrug. Emma Bovary beschreibt da ihre bürgerlich schöngeistigeExistenz als die einer Stubenfliege. Von da bis zur altbekannten Frage, wie viel „Biologie“ in einer Frau ist und wie viel in ihrem Verhaltenkulturelle Prägung, war es dann auch nicht weit. Es ist Verlass drauf, dass das immer wieder verhandelt wird. Das „Andere“ an den Frauen ist für Männer ein zu attraktiver Einstieg. Ekin Deligöz – eine sehr pragmatische Frau – fing die Stubenfliege und deutete deren Zickzackflug als geschicktes biologisches Instrument, zum Ausweichen vor der tödlichen Klatsche. Von dort zum Gender Mainstreaming und der wichtigen Botschaft, dass sich eben nicht nur Frauen, sondern auch Männer ändern müssen, war es nur ein Flügelschlag und die Biologie wäre abgehandelt gewesen, wenn nicht Iris Radisch mit Bezug auf einen Beitrag in der FAZ noch ein bisschen darauf verwiesen hätte, dass Mädchen noch immer liebermit Puppen spielen und Jungs mit Traktoren. Tja, die Biologie ist bei Frauen puppenfreundlich.

Ich fragte mich, ob es vielleicht daran liegt, dass in der Bundesrepublik bestimmte Modelle, wie die Hausfrauenehe und des Alleinernährermodell wie Naturgesetze – alternativlos – behandelt werden, dass wir von dem Thema nicht wegkamen.

Gemeint ist die
Mittelstandsfrau
Da mein Umfeld ein völlig anderes ist, war ich dankbar, dass Bascha Mika zwischendurch präzisierte, welche Gruppe von Frauen sie mit ihrem Feigheits-Ermutigungs-Buch überhaupt meint: Die Mittelstandsfrau, die zu Hause mit ihren Kindern sitzt. Naja, dann. Ich kenne von denen fast keine. Man hat Bascha Mika öfter schon den Vorwurf gemacht, dass die Sozialisierung der Ostfrauen – die bis auf den heutigen Tag ihre Wirkung hat -in ihrem Buch kein Thema ist.

Dazwischen fragte Jakob Augstein– ab und zu sanft und spielerisch von Bascha Mika diszipliniert -nach den Strukturen, die im Kapitalismus ohnehin der Emanzipation im Wege stehen. Das aber wollte keine der Frauen gelten lassen. Frauen müssen auch bei sich selbst beginnen. Der ständige Verweis auf frauenfeindliche Strukturen – die ja eigentlich menschenfeindliche sind – bremse und führe nicht weiter.

Eine der selbst erzeugten "Bremsen" aber ist – so nicht nur Ekin Deligöz – die Tatsache, dass Frauen geliebt werden wollen. Augstein meldete an, dass auch Männer dieses Bedürfnis verspüren. Das stimmt natürlich. Aber Frauen wollen auch dort Liebe, wo Männern die Konfrontation und die Auseinandersetzung natürlicher erscheinen, im Beruf eben. Auch in der Partnerschaft ist „Geliebt werden wollen“ höchst unterschiedlich interpretiert. Bei Frauen ist damit oft Nachgeben verbunden, wobei die Rache dafür auf dem Fuße folgen kann. Aber ich komme ab.

Dass sich in einer Gesellschaft, die den Sexismus so kultiviert und medial verbreitet, auch das Bild das viele junge Frauen von sich haben, verändert, verwundert nicht. Junge Frauen meinten, sie seien modern, wenn sie sich wieder zum Objekt machen, so die Beobachtung von Jakob Augstein. Damit war auch die Generationenfrage im Raum. Iris Radisch beklagte das Phänomen des Popdiskurs, die Ironisierung von Trash-Fernsehen wie Heidi Klum und Pornos und Dschungelcamp, die solche Bilder transportieren. Kritik und Auseinandersetzung damit seien überhaupt nicht mehr auf der Agenda.

Frauenförderung als
männliches Balzverhalten

Sie gab Einblick in ihre Erfahrungen, als sie meinte sie habe die Frauenförderung in ihren jungen Jahren als eine Art von männlichem Balzverhalten erlebt und interpretiert. Nur irgendwann sei es damit vorbei gewesen und ich ergänzte für mich: „Ja, wenn man älter wird.“ Und ab da ist plötzlich Schluss mit der freundlichen Förderung. Und wenn Frauen dann nicht gelernt haben, Forderungen zu stellen, sind sie draußen. Eigentlich müssten Frauen andauernd empört sein, sich hinstellen wie auf dem Tahirplatz und dieser Empörung auch Ausdruck verleihen, meinte sie erstaunt darüber, dass dem nicht so ist.

Das war Jakob Augsteins Stichwort, der die Empörung im Moment überall einfordert und die Männer da gern einbeziehen würde. Ekin Deligöz verteidigte die Männer bei der Gelegenheit auch und sprach von den entsprechenden Initiativen wie dem Väteraufbruch. Dass es ein grünes Männermanifest gibt, erwähnte sie nicht. Ich wollte nachfragen, vergaß es aber am Ende. Im Netz war interessanterweise auch der Link dorthin außer Betrieb.

Ältere Männer
für die Frauenquote

In der sich anschließenden Debatte spielte unter anderem die neue Quotendebatte eine Rolle. Am Ende sei sie nur ein Ablenkungsmanöver, meinte eine Diskutantin, die damit die Sache der Frauen als die bekannte Nebensache abtat. Ihr wurde energisch widersprochen. Angela Merkels Verhalten dazu wird ihr auch von Seiten der Frauen in der eigenen Partei Ärger bringen, wie Ekin Deligöz berichtete. Sie merkte an, dass es jetzt die älteren Männer seien, die sich für eine Quote aussprächen, weil sie erlebten, dass ihre gut ausgebildeten Töchter und Enkelinnen noch immer an der gläsernen Decke scheitern. Warum diese Decke nicht auch von „oben“ durchstoßen, alles ein bisschen weniger hierachisch-zwanghaft gestaltet werden könne, war eine gute Frage. Dieser starre Blick auf ständige Verfügbarkeit, diese Fulltime-Job-Ideologie. Warum die Arbeit nicht besser und anders verteilen, auch zwischen den Geschlechtern. Genau, Frauen verändern die Strukturen nur dann, wenn sie selbst in ihnen wirksam werden können. Ist mit Emanzipation denn nur gemeint, sich an die männlich durchstrukturierte Welt der Wirtschaft anzupassen?

So aber hörte sich das immer wieder an. Glaubt niemand an einen reformierbaren Kapitalismus? Sieht nicht so aus. Naturgesetze wohin man blickt.

Und dazwischen die Binsenweisheit: Ohne wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen wird es keine Emanzipation geben. Und individuelle Entfaltung ist für beide Geschlechter notwendig.Was aber ist in der Realität los? Es verstärkt sich der Eindruck, als bewege sich vieles wieder zurück.

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“, heißt es im Kommunistischen Manifest. Hierzulande aber propagiert man eine neue Bürgerlichkeit, als sei sie das probate Bollwerk gegen die alles zerbröselnden Zeiten. Was ist daran emanzipatorisch?

Also doch? „Empört Euch“ ? Ja, aber als ich nach Hause kam, war Stephane Hessel, der Autor des so aufrührenden Pamphletes zu Gast bei Beckmann. Ihm zur Seite ein Klaus von Dohnanyi, der ihm bräsig und selbstzufrieden erklärte, was man jetzt in Ägypten in Angriff nehmen müsste. Und ich dache an Iris Radischs "Tahirplatz"-Bemerkung.

Naja. Das ist die Realität. Zwei alte Herren, rührend empört. Mir fiel – quotenbeflissen - Christa Wolf in ihrem Vorwort zu Maxi Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“ ein: "Wie können wir Frauen „befreit“ sein, solange nicht alle Menschen es sind.“

Community

Getroffen habe ich den Archinaut und zwei Damen vom Freitag zu einem netten Abschlussplausch.

Jakob Augstein kündigte an, dass sich der nächste Salon mit "Humor und Grauen" beschäftigen wird, was eine Sache unter Männern ist (Broder und Matussek).

Und dass es eine - sicherlich interessante - Abschrift der gestrigen Debatte im Freitag geben wird. Dass die Community regelmäßig Berichte beisteuert, erwähnte er nicht. Wäre das nicht auch eine Werbung für das von ihm öffentlich immer propagierte und belobigte Konzept der Einbindung der Community in den "Freitag"?

11:51 22.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

Kommentare 28

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