Regensonntag

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Es war nur die Macht der Gewohnheit, dass ich auch an diesem Sonntagmorgen für eine Stunde bei miesem Wetter meine Runden durch Pankow drehe. Was vom Fenster noch hoffnungsvoll als leises Tröpfeln vermutet werden konnte, entpuppte sich als veritabler Landregen. Ich nahm den MP3-Player ins Ohr. Erst mit einem höchst trivialen Klangteppich – eine Art gehobener Fahrstuhlmusik – und dann mit was Klassischem.

Ich ging – meinen Regenhut auf dem Kopf - auf nachlassende Feuchtigkeit von oben hoffend, entschlossen meinen Weg über die Heinersdorfer Brücke. Dort beobachtete ich die an diesem Wochenende rastlos tätigen Arbeiter auf den Schienen. Seit gestern ist die Strecke völlig gesperrt. Ich vermied missmutig die Pfützen und dachte daran, wiewir als Kinder immer so gern dort mitten durchliefen.

Der weitere Weg hatte also mit Pflichterfüllung zu tun mit allerlei Bedenkenswertem und einem gewissen Stoizismus.

Bis ich an der St Georgs Kirche in der Kissingenstraße gedankenverloren auf zwei junge Leute blickte, die dort an einem der parkenden Autos standen. Ich ging vorbei und sah – was sonst - es war ein Liebespaar. Sie standen sich gegenüber und – noch aus der Entfernung spürte ich eine intensive Spannung. Der junge Mann in dunklem Pullover blickte auf eine junge Frau und sprach fast wütend auf sie ein. In seinem Gesicht spiegelten sich, Verzweiflung, Aggressivität und auch etwas Bittendes, aber er bettelte nicht, das sah man schon.

Das Gesicht der jungen Frau mit den langen, hinten zusammengebundenen Haaren sah ich nur von der Seite. Sie blickte zu ihm auf. Ich ging weiter und malte mir aus, was das für eine Geschichte sein mag, die zu diesem Gesicht passt. Was bewegte die beiden so sehr, dass sie ohne Jacke und Mantel neben einem Auto im Regen standen, einander zugewandt und wie am Scheideweg. Ich wusste es nicht, aber ich fand es auf einmal so wichtig, dass ich noch einmal zurückging. Sowieso hatte ich Zeit und passierte also die beiden Schicksalsgestalten noch einmal.

Nachdem ich beim ersten Vorbeigehen gedacht hatte. hier kämpft der junge Mann gegen eine drohende Trennung, änderte ich mein Urteil Sie standen jetzt neben der geöffneten Autotür und hielten sich in den Armen. Vielleicht hatten sie sich nur gestritten und waren jetzt versöhnt. Eigentlich eine Allerweltsszene, wenn ich nicht vorher diesen Blick des jungen Mannes gesehen hätte. Es war auch noch nicht zu Ende, noch immer hielten sie im Regen aus, einander umschlungen ,warum auch immer, ich weiß es nicht. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort wäre das etwas ganz Normales, Unauffälliges gewesen, aber – so im Regen, so am Sonntagmorgen, so fast mitten auf der Straße in diesem nüchternen Licht.

Ich ging eine kleine Wohnstraße entlang und sah – neben den Bäumen – kleine Osterdekorationen mit Pilzen und Hasen und Eiern. Niedlich und kitschig im trüben grauen Morgen. Ein bunter Trotz. Ich traute mich nicht, gleich zurück zu gehen, obwohl ich noch immer gern gewusst hätte, ob und wie die Sache mit den beiden ausgeht. Und ich hätte gern noch einmal das Gesicht des jungen Mannes gesehen. Kein Filmschaffender, kein Theatermann sieht so etwas, das sieht man nur, wenn man nicht erkannt wird und der Beobachtete nicht weiß, dass er gesehen wird. Leidenschaftliches Leben.

Irgendwann am Ende der Straße, kehrte ich doch noch einmal um. Vor mir ging jetzt ein junger Mann und ich konnte mich hinter ihm verstecken. Und – ich wurde belohnt. Aber, das Gesicht des jungen Mannes sah ich nichtmehr, weil sie sich jetzt küssten und dann gemeinsam ins Auto stiegen. Was mag da gewesen sein. Wer von den beiden musste sich entscheiden, wer hatte auf eine Entscheidung gedrängt. Warum brauchten sie diese Zeit so lange und wer gab wem nach?

Achja, die Liebe. Sie schafft Schönheit besonders dann ,wenn sie nicht vorgezeigt, nicht gestaltet wird. Der beste Liebesfilm war mir da für Minuten untergekommen und schon kam mir – man hat ja auch seine Speicher für diese Dinge - Kurt Demmlers

„Filme von Liebe“ in den Sinn.

Filme von Liebe sind traurige Filme
Weil man so alleine und klein ist davor
Das Kino ist aus und das Saallicht geht an
Und man hat noch die herrlichen Worte im Ohr
Die sie im sagte mit zitternder Stimme
Als er an Bord musste und die Musik
Aufbrauste wie eine gewaltige Sintflut
Dass einem das Wasser ins Auge stieg

Mir stieg nichts ins Auge, es regnete aber weiter gar sehr.

Gerade habe ich mal wieder in einem Buch gelesen, das ich sehr mag. Darin seufzt die älter gewordene Heldin an einer Stelle, wo ihr Söhnchen gerade beginnt, den Frauen nachzusteigen. „Hört er denn nie auf, dieser Wahnsinn unter den Menschen.“

Ich war immer mit ihr einverstanden, wenn ich das las. Aber heute dachte ich: „Gott sei dank hört er nicht auf“. Ich fühlte mich merkwürdig getröstet.

20:27 21.03.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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