Schuhe - eine Biographie "von unten"

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mal was ganz anderes. Die Zeiten sind nicht so einfach. Aber trotzdem: Ich stelle mal was aus meinem Alltagsschaffen hier ein, mit dem ich heute abend auch noch einige frauenbewegte Frauen beglücken will.

Ich hoffe, es finden sich Leute, die neben all dem politischen Getrete und Gestampfe eine Kostprobe aus meiner speziellen "Schuhgeschichte" freundlich beachten.

Los gehts.

Eine Schuhvergangenheit wird aufgearbeitet

Was ich gelitten habe – kaum finde ich Worte dafür. Eines Tages nahmen sie Rache, die Füße, bittere Rache. Jahrzehntelange Nichtachtung zahlten sie heim mit bitteren Schmerzen.

Ob ich es wollte oder nicht, ich mußte mich um sie kümmern und Einsichten zu Taten werden lassen. Und zur Kenntnis nehmen, was inzwischen alle Welt weiß: Auf den Füßen ruht alles, aber auch alles, was der Mensch zu tragen hat, ob Gewicht oder Seelenpein, ob verlorene oder vertane Zeit. Er muss es schleppen und tragen auf ihnen.

Wenn nur eine der vielen Lebenslasten zuviel wird, dann wird sie unerträglich – die Last, die auf den Füßen ruht.

Eines Tages hatte ich das Gefühl, dass ich in den Schuhen, die ich bis zur Stunde getragen hatte, keine Minute länger laufen konnte. Die Fußknochen taten mir weh, die Knie auch. Feuergängerin brauchte ich nicht zu werden. Den Schmerz, der eintritt, wenn solch ein spirituelles Erlebnis mißlingt, konnte ich bei jedem Schritt fühlen.

Klar war ich beim Orthopäden – der musterte mich, als wolle er sagen, „ein paar Kilo weniger würden ihr auch nicht schaden“. Und dann ordnete er das übliche an:“ Abnehmen , Einlagen, Reizstrom, Bewegung“.

Ich zog ab mit den entsprechenden Rezepten.

Aber ich beschloß, meine Schicksal nicht hinzunehmen. Zweierlei war zu tun: Eine verkorkste und falsche Fußvergangenheit war aufzuarbeiten und dann eine Zukunft mit fußgerechtem Schuhwerk ins Auge zu fassen.

Kapitel I

Ich muß in der vierten Klasse gewesen sein, als ich zum ersten Mal mit meinem Schuhwerk konfrontiert wurde, im Sinne von Bewußtmachung. Bis dahin erinnerte ich mich nicht an Fußbekleidungen. Wie alle Kinder bin ich immerzu gerannt ohne durch lästiges Schuhwerk daran gehindert worden zu sein. Wäre es anders gewesen, dann hätte ich es im Gedächtnis bewahrt oder mich würden vielleicht heute kryptische Albträume heimsuchen, die davon handeln, dass ich irgendwo festklebe und nicht wegkomme.

Für eine Woche waren wir im Ferienlager. Wandern durch die Dahlener Heide war geplant . Ich lief – obwohl schon kühler Herbst war – in alten Sandalen. Ihnen war anzusehen, wie lange sie schon an anderen, fremden kleinen Füßen gesteckt hatten, bevor ich ihre Trägerin wurde. Wir hatten selten Geld für neue Schuhe.

Ein verhängnisvoller Geldfund

Mißmutig blickte ich an mir herunter, als mein Blick auf das Heidekraut fiel, in dem sich ein Fünfmarkschein verfangen hatte. Ein nachlässiger Spaziergänger hatte ihn vermutlich dort verloren. Ich verkündet freudig meinen Fund, was sich im Nachhinein als Fehler herausstellte.

Eine gewissenhafte Lehrerin mit Sinn fürs Praktische blickte mir auf die verstaubte Fußbekleidung und beschloß,dass diese von dem Geld ersetzt werden sollte. Und da fünf Mark dafür gar nicht reichten, beschloß sie, mich noch nachdrücklicher zu beschämen und legte den Betrag, der für ein paar solide Schuhe nötig war, drauf. So bekam ich ein paar feste Schuhe aus glänzendem Kunstleder, sehr hübsch anzusehen, aber sehr unbequem. Der Rest der Heideferien bestand aus Blasen an den Füßen, Humpelei und stillem Groll.

Es gelang mir, die alten Sandalen zu retten und sobald ich außer Sicht war, zog ich sie wieder an.

Üble Verstellung – das war meine erste Erinnerung an Schuhwerk – kein guter Auftakt. Aber es paßte ja ganz gut, ich wuchs hinein in eine DDR, die allein vom Schuhwerk her definiert ein Kapitel über die rein technische Verhinderung aufrechten Ganges darstellt.

Warum also nicht so weitermachen, wenn der Anfang schon verkorkst war?

Mir schien die Idee, nicht jeden Unwillen zu zeigen, dafür aber hinzugehen und zu tun, was man selbst für richtig hielt, eine zukunftsfähige Strategie zu sein.

Und siehe da, nicht lange nach dem Erlebnis mit der unwillkommenen milden Gabe trat die Gelegenheit ein.

Kapitel II

(Teil eins brachte die Erkenntnis, dass es gut ist, nicht jeden Unwillen zu zeigen, dafür aber hinzugehen und das zu tun, was man selbst für richtig hält)

Schicksal gebrauchten Schuhwerks

Ich wuchs heran, blieb aber auf gebrauchte Schuhe angewiesen. Halbwegs ordentliche Fußbekleidung hatte ich immer nur in den Sommermonaten. Das Pfarramt, aus dessen Beständen unsere bedürftige Familie versorgt wurde, verzeichnete offensichtlich nur bei Sommer- und Übergangsschuhen reichlichen Spendenwillen. Bequeme und dabei noch halbwegs ansehnliche Winterschuhe wurden zu jener Zeit– wir schreiben die fünfziger Jahre - auch von verhältnismäßig gut gestellten Westdeutschen noch länger getragen und nicht gleich in den Osten geschickt.

Die Winterzeit war eine Katastrophe. Im Januar meist erreichten die Füße einen Zustand, den ich nur mit frostverbeult beschreiben kann. Die Besohlung, ließ alles durch, wovor sieeigentlich schützen sollte: Schnee, Nässe, Kälte. Ein Jammer das Ganze. Meine mild-pflichtvergessene Mutter, zermürbt durch mein Gejammer, setzte zu bescheidenen Bittgängen an.

Schuhe für Bergvölker

Eines Tages kehrte sie zurück und zeigte ihre Beute. Wieder ein paar äußerst praktische Fußbekleidungsstücke für den kalten, kalten Winter. Die Heimat dieser Schuhe muß in einer sehr traditionsbewußten Familie gewesen sein. „Die soll ich anziehn?“, maulte ich. Meine Mutter meinte ungewiß, ja, wenn ich nicht frieren wolle, warm seien sie ja. Es waren Treter, hergestellt wahrscheinlich um in irgendwelchen Bergregionen die Gipfel zu stürmen. Heute wäre das kultig oder ganz besonders schräg, damals war ich nahe daran in Tränen auszubrechen.

Meine Mutter blieb gelassen, denn sie kannte die Realitäten . Sie ordnete nicht an, dass ich diese Schuhe anzuziehn hätte, sondern sie setzte voraus, dass ich wußte, was Sache ist. Es gab einfach keine anderen Schuhe. Und seltsam, schon damals tat mir meine Mutter leid. Ich wandte die just vor einiger Zeit erworbene Erfahrung an und tat andauernd so, als hätte ich diese Schuhe in Gebrauch. Hin und wieder stimmte das sogar. Das aus dem Sommer verbliebene andere Paar nutzte ich für jene Gänge ins Freie, die attraktiveres Schuhwerk geraten sein ließen. Immer war das nicht zu berechnen, aber die Illusion einer gewissen Freiheit konnte ich durch diese Entscheidungen bewahren.

Eines Tages stand so eine freiheitliche Entscheidung an. Trotz erfolgten Schneefalls entschloß ich mich, die modischeren aber wetterempfindlichen Schuhe anzuziehen, weil bei der nachmittäglichen Chorprobe die Begegnung mit einer heimlichen Liebe zu erwarten war. Nachdem ich den mäßig wachsamen Augen meiner Mutter entkommen war, stellte ich fest, dass die eitle Entscheidung, dem Wetter schuhmäßig zu trotzen, ganz verheerende Folgen hatte. Der Schnee pappte unter den Sohlen zusammen. Während sich das bei dem linken Schuh nach einer Weile wieder auflöste, hatte die rechte Schuhsohle einen Riß, in den sich der verhärtete Schnee schob und einen Effekt hervorrief, als hätte ich ein längeres und ein kürzeres Bein.

Im Stolperschritt gereift

Eine Art von Hinken entstand, das sich durch nichts uberspielen ließ. Das Schicksal schien grausam. Innerlich fluchend schob ich mich vorwärts und blickte nach unten auf den Gehweg. Das war zur Abwehr von Stolpergefahren auch dringend erforderlich, bewahrte mich aber nicht vor einer weiteren Katastrophe. Just der, dessentwegen ich die Entscheidung zugunsten der Slipper getroffen hatte, näherte sich mir. Ausweichen konnte ich nicht, also blickte ich ihm entgegen, während ich spürte, wie mir die Hitze in den Kopf schoß und quälte mir ein Lächeln ab, innerlich aber fertig mit der Welt und ihrem eitlen Tun und Treiben, gewissermaßen im Stolperschritt gereift.

Obwohl ich mit der Verwirrung in mir drin genug zu tun hatte, drang mir dennoch ins Bewußtsein, dass auch mit seinem Gang etwas nicht stimmte. Du liebe Güte, hinkte er auch oder machte er sich lustig über mich?

Keine Ahnung, denn bislang war es zwar zu Blick- keineswegs aber zu Wortwechseln gekommen. Er blieb stehen und fragte verlegen „Bist Du auch an der Schultreppe hängen geblieben?“. Das war Unsinn, denn ich bewegte mich ja erst in Richtung der Schule, von der er kam. „Ne“, sagte ich, „Knöchel verstaucht“. Mehr fiel uns beiden nicht ein. Ich war über die Tatsache, dass ich erst einmal stehen bleiben konnte, ummich zu sammeln, so glücklich, dass ich weder in das altersübliche hektische Gekicher ausbrach, noch die verlegene Eile an den Tag legte, die mich sonst sehr schnell weitergetrieben hätte.

Stehenbleiben bringt ein Verhältnis in Gang

Ich hielt es einfach gut aus mit ihm, der auch ein Fußproblem hatte und dieses Stehenbleiben brachte unser Verhältnis in Gang. So ist das Leben und kein bißchen anders. Ohne noch irgend etwas zu sagen gingen wir in die gleiche Richtung weiter. Weg von der Schule, weg von der Chorprobe , die Straße entlang in eine Grünanlage, die ziemlich verwaist war und traten dort in die üblichen Kennenlernphase ein. Zeitdruck war keiner, denn wir kamen beide ohnehin schlecht voran. Irgendwann kam es zu einer Verabredung ins Kino.

Eine kleine Jugendliebe konnte beginnen und als wir uns lange genug kannten, erzählte ich von dem Mißgeschick, das uns zusammengebracht hatte. Gnadenlose Schuhverhältnisse waren einem Schülerverhältnis gnädig.

Das geschah mir später noch einmal, allerdings in ganz anderer Weise, wie die irgendwann mal folgende Fortsetzung zeigen wird.

10:42 18.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

Kommentare 12

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