Sonntagsspaziergänge I

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Seit wir mehr am Stadtrand wohnen mache ich – wenn nichts anderes geplant ist – meistens sonntags, von halb 9 bis 10 Uhr einen Morgenspaziergang. Mein Mann hat noch keine Lust zu irgendwelchen Unternehmungen und hält Haus während ich herumstreune.

Die heutige Route ging über die Brücke, in die nächste Querstraße, vorbei an der seit dem vergangenen Jahr eingeweihten Moschee, der Ahmadiya-Gemeinde, um die es viel Protest, Gegenprotest und Aktionen samt den dabei gern ergriffenen Gelegenheiten zur Selbstprofilierung gab. Jetzt steht sie da – ruhig und gelassen, ich war auch schon mal drin. Sie stört niemanden, im Gegenteil, die etwas trübe Gegend mitden kleinen Handwerkerhöfen und alten Fabrikgebäuden gewinnt durch sie. Es war heute ein Sauwetter, es regnete Schnüre. Eigentlich wollte ich umkehren, aber man ist ein Gewohnheitstier und mein Regenhut ist dicht. Ich lasse diese Spaziergänge nicht gern aus.

Auf der Fahrbahn der schmalen selten befahrenen Straße sah ich, dass sich etwas Kleines Graues bewegte, erst dachte ich ein Stück Papier, dann vielleicht eine Maus oder ein kleiner Marder, aber die Bewegungen waren so seltsam ungeordnet und grotesk, dass ich mir nichts vorstellen konnte. Im Näherkommen erkannte ich, dass es ein Vogel war – ein Star vielleicht von der Größe her. Der versuchte, von seinem Standort mitten auf der Fahrbahn wegzukommen, hatte jedoch ganz offensichtlich eine Verletzung, die ihn hinderte, aufzufliegen oder zu hüpfen. Immer wenn er dies probierte, kullerte er auf die Seite und überschlug sich. Ich beobachtete nun das kleine zerzauste Tier, das immer eine ganze Weile ruhig stand, bis es sich zu seinem nächsten Versuch aufraffte, wegzukommen von der Straße. Und immer wieder geschah das Gleiche: Eine hüpfende Bewegung, Einknicken, Kullern, wieder Aufraffen, Stillstehen. Ich stand da, rat- und auch hilflos. Ich kenne mich mit Tieren nicht aus, ich bin auch nicht beherzt genug, so ein Tier anzufassen. Hatte jemand es angefahren und dabei die Flügel verletzt? War es anderweitig krank? Es war nicht zu erkennen. Nach ein paar Minuten ging ich weiter, herabgestimmt und dachte mir „Wenn heute bloß nichts passiert“. Ich kam mir treulos vor und feige als ich weiterging durch die Siedlung mit den hübschen Einfamilienhäusern bis Weißensee. Dort wollte ich in die Straßenbahn steigen.

Im Wartehäuschen der Haltestelle saß ein alter Mann und brabbelte vor sich hin. Seine Kleidung war schmutzig und verwahrlost, seine grauen Haare lang und struppig und seine Schuhe verschlissen. Ich sah ihn an und er– den Blick spürend – schimpfte nun sofort und unentwegt in meine Richtung. Ich ging ein wenig beiseite, wie die anderen Wartenden. Als er aufstand und auf die Fahrbahn hinkte, weil die Straßenbahn nahte, sah ich, dass auch ihm das Gleichgewicht fehlte, auch er drohte andauernd, zu stolpern und zu stürzen. Eine Krücke stützte ihn mühsam. Aber er schaffte es, wie ich vom anderen Einstieg feststellte. Man half ihm in die Bahn und er dankte es mit lautem Bramarbasieren und Klagen über die Welt und ihre Zumutungen. Mir kam der verletzte Vogel in den Sinn. Es schien mir als gebe dieser schimpfende Alte auch der fußlahmen Kreatur seine Stimme, an der ich gerade vorbeigegangen war, und meinte tatsächlich mich. Noch einer, der nicht wusste, wie er weiterkommen soll. Er ist ja davongekommen, tröstete ich mich, als ich aus der Bahn stieg. Aber ich habe seine Stimme noch immer im Ohr.

12:34 07.06.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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