Tante Weide

Flüchtlinge Dieser Tage erinnerte ich mich wieder an sie. Sie war lange Jahre Familienmitglied.
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Meine Mutter war im Jahr 1945 – nach einer abenteuerlichen Reise von Bremen in den Schwarzwald – wieder in Leipzig angekommen. Das war ihr letzter Wohnort vor der Haft. Sie bekam eine Wohnung zugewiesen und richtete sich notdürftig auch mit Hilfe der Pfarrgemeinde ein.

Im Spätsommer 1945 - ich war noch gar nicht auf der Welt - muss es gewesen sein, dass eine alte Frau vor der Tür stand. Sie trug ein Kleid aus dickem braunen Wollstoff, verziert mit einer goldfarbenen Dubleebrosche. Sonst besaß sie nichts. Ihr graues Haar war zu einem Zopf geflochten und zu einem Knoten aufgesteckt. Sie hatte einen Einweisungsschein für eines der drei kleinen Zimmer, aus denen die Wohnung bestand. Sie wurde hereingebeten und bald Familienmitglied.

Wir Kinder mochten sie gern und nannten sie „Tante Weide“ . Sie war in der Nähe der schlesischen Stadt Beuthen, dem heutigen Bytom, Dienstmagd auf verschiedenen Höfen gewesen und mit ihren letzten Dienstherren nach Westen geflohen. Ihre Wege trennten sich. Sie war nie verheiratet, sondern immer Familienmitglied der Bauern gewesen denen sie diente. Jetzt gab es diese Bindungen nicht mehr und zum ersten Mal in ihrem Leben war sie auf sich allein gestellt.

Diese Einquartierung half meiner Mutter sehr, erzählte sie mir später. Sie war so unendlich allein damals. Mit uns konnte sie nicht reden, wir waren viel zu klein, mit den Nachbarn konnte sie nicht reden, die hatten ihre eigenen Sorgen, ihre Familien eben. Aber diese Frau hörte ihr zu und so erzählten sie sich nächtelang ihre Erlebnisse. Meine Mutter erzählte ihre Haftgeschichte, die Untermieterin erzählte ihre Vertreibungsgeschichte. Wie sie auf dem Treck waren, wie die Russen sie beschossen, wie sie gelaufen und gelaufen sind, weil die Fuhrwerke brachen. Und wie sie überall nichts als weiteres Chaos und Ablehnung erfuhren.

Auch den Flüchtlingen in jener Zeit hörte niemand zu. So wurde sie bei uns ihre Last los, wie meine Mutter die ihre bei ihr.

Tante Weide borgte sich von meiner Mutter eine alte Schürze, damit sie ihr einziges Kleid schonte. Sie kümmerte sich um uns Kinder, wenn die Mutter zur Klärung aller ihrer Probleme unterwegs oder wenn sie zu krank war, sich selbst zu kümmern. Sie stand am Herd und kochte für uns die mageren Eintöpfe jener Zeit. Aus getrockneten Erbsen, angereichert mit ein wenig Speck, aus Mehl oder aus Graupen. Wir saßen auf ihrem Schoß und sie erzählte Geschichten.

An dem Tag als ich eingeschult werden sollte, lag meine Mutter krank auf dem Sofa und weinte, die alte Tante Weide jedoch kam mit mir und der bescheidenen Schultüte mit zu diesem wichtigen Ereignis. So fanden wir in diesem neuen Familienmitglied Trost, etwas das es in der Nachkriegszeit für niemanden zu geben schien. Nicht für die Überlebenden Deutschen in den zerbombten Städten, nicht für die Opfer der Naziherrschaft, die nachdem sie als displaced persons noch lange in Lagern leben, endlich heimkamen, wenn sie noch einen Ort hatten, den sie so nennen konnten. Nicht für die Kinder, deren traumatisierende Bombenerfahrungen niemand wahrnahm und die erst als Erwachsene erkannten, warum sie depressiv, ängstlich und in ihren Gefühlen gestört blieben.

An diese Tante Weide habe ich mich die Tage wieder erinnert. Diese unendliche Bescheidenheit, diese Geduld und Güte. Ich denke aber, sie hatte auch Glück mit uns. Als wir später umzogen, musste sie umziehen und wohnte anderswo zur Untermiete. Anders ließen sich die Dinge nicht regeln.Wir besuchten sie noch oft in dem kleinen Zimmer,das sie bewohnte.

Wir gehen die Tage spenden ins Flüchtlingsheim in der Pankower Mühlenstraße. Wir haben uns erkundigt, ob unsere Sachen gebraucht werden.

Ich weiß nicht, ob die Lage der Flüchtlinge von heute mit denen von 1945 vergleichbar ist. Ich weiß nur, es ist überall schrecklich fremd zu sein.

13:17 07.08.2015
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Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

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