Variation über den "Zahn der Zeit"

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Ich weiß es noch wie heute. Ich war sechzehn Jahre alt und mit einemJungen tanzen im Leipziger „Haus Deutschland.“ So richtig verknallt war ich nicht in den, aber ich wollte gern ausgehen. Während des Abends bekam ich auf einmal mörderische Schmerzen. Ich lokalisierte die vorderen unteren Schneidezähne. Ich wurde einsilbig, was der Beziehung zwischen dem jungen Mann und mir nicht so richtig gut tat. Aber nichtnur das. Mir schwoll das Kinn an, ichverfremdete mich so im Aussehen, so dass der junge Mann ein Einsehen kriegte und mich nach Hause brachte.


Eine unromantische Episode. Kurzer Abschied, nix mit Wiedersehen. Ich ging zu Bett und verbrachte die Nacht stöhnend vor Schmerzen. Es war ein Glück, dass der Montag bevorstand und ich zum Zahnarzt gehen konnte. Gleich gegenüber hatte ein Zahnarztehepaar mit dem ulkigen Namen Unverricht seine Praxis. Die Ärztin besah sich das Ganze und entfernte mir – ich nehme an aus Ratlosigkeit – erst einmal den Zahnstein. Das tat höllisch weh, weil der ganze Zahn inzwischen berührungsempfindlich geworden war. Dann ging’s ans Röntgen und dann wurde ich befragt, ob mir jemand eine ans Kinn versetzt hat, das könnte die Ursache sein für die Wurzelvereiterung, die sich als Verursacherin des Übels herausstellte. Ich erinnerte mich nur, dass mir mein Bruder bei einer Balgerei das eigene Knie ans Kinn geschlagen hatte, aber das war schon eine Weile her. „Aber so was entwickelt sich ja auch langsam“, erklärte mir die Ärztin und meinte, vorderhand sollte ich spülen bis sich diese Fistel von selbst öffne. Das ging dann auch und nach einer Weile war ich schmerz- , aber nicht sorgenfrei.


Der Zahnhals musste aufgebohrt werden, obwohl der Nerv noch nicht erstorben war, wie die Ärztin unter optimistischer Weglassung einer Spritze gemeint hatte. Ein harter Nachmittag, aber als Einstimmung und Training nicht schlecht. Es gab dann eine Resektion auch ganz schrecklich, aber doch das Ende der Behandlung.

Das hält, bis Sie vierzig sind

Nach der Resektion sagte der Zahnarzt während er die Fäden, mit denen er das Zahnfleisch vernäht hatte, abschnitt: „Na das wird wohl so halten bis Sie vierzig Jahre alt sind“. Ich dachte über Zeiträume damals noch nicht nach, aber ich fand schrecklich, dass der Zahn marode wurde. Erst sah er grau aus, dann brach ein Stück ab davon, als ich in einen Weintraubenkern biss (hütet Euch davor). Und weil es in der ehemaligen DDR schwierig war mit den Kronen, war ich immer ein wenig in Verlegenheit wegen dieses einen unregelmäßigen Zahnes, der durch den Zigarettenkonsum ständig nachdunkelte, dann zwar durch Abschleifen begradigt war, aber immer irgendwie mäusezähnig aussah.


Monumente zahnärztlicher Kunst

Erst vor einigen Jahrenbot mir der Zahnarzt eine kosmetische Überkronung an. Ich fragte, ob sich das bei dem Zahn überhaupt noch lohne, der sei ja für eine Zeit als abgängig prognostiziert, die schon etwas hinter mir lag. „Nee“, meinte er, „der hält noch eine Weile“. Ich meditierte darüber, dass diesen einstigen Wurzelbehandler mit seiner Prognose auch schon lange der kühle Rasen decke, während ich die Monumente seiner Arbeit dankbar im Mund herumtrage. Solche Vergänglichkeitsüberlegungen im Stile von „Das Objekt überlebt den Schöpfer“ oder so fand der gegenwärtige Zahnarzt nun wieder nicht so heiter, weshalb er mir den Mund verbot. Und wie verbietet einem der Zahnarzt den Mund? Genau, indem er fordert: "Machen sie endlich mal den Mund weiter auf." Ich sage ja immer, das Leben ist ein einziges Paradoxon.

Aber meine kecken Überlegungen ändern nichts an der Tatsache, dass der Zahn der Zeit auch an meinen Zähnen nagt. Jetzt war mal wieder so was fällig und das erinnerte mich an allerlei Vergänglichkeiten . Noch immer aber hat sich der Zahn, den es gar nicht mehr geben dürfte, als am widerstandsfähigsten erwiesen. Und ich denke noch immer mit einer Art von existenziellem Zähnezusammenbeißen an den Dr. Unverricht mit seiner Frau und ihre zahnmedizinischen Verrichtungen, die ihnen ein Überleben nicht nur bei ihren Nachfahren sondern den Patienten sichern.


Requiescat in pace.


10:22 19.10.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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