Staatsbürger mit Kamera

DVD Wo Biografie und Arbeitsansatz deckungsgleich sind: Der Dokumentarist Klaus Wildenhahn wird 80 - und mit einer DVD-Edition seiner Filme geehrt

In einem Essay über die Ästhetik des Dokumentarfilms bezeichnet Klaus Wildenhahn die „Unebenheit“ als dessen wichtigstes Charakteristikum, weil sie Ausweis von „Ehrlichkeit“ sei. „Perfektion“ dagegen sei „kurzlebig, wenn sie nichts als sich selbst zum Ziel hat“. Es ist verblüffend, mit welcher Konsequenz diese Emphase der „Ehrlichkeit“ das gesamte, vier Jahrzehnte umfassende Werk Wildenhahns durchzieht. In welchem Genre er sich auch versucht hat – in der Werkreportage, im Musik- und Tanzdokumentarfilm, im Geschichtsdokument oder im Städteporträt –, seine Filme sind getragen vom Glauben an die Integrität des kleinen Mannes und die Ehrlichkeit des Handwerkers, der seiner eigenen Erfahrung und Spontaneität folgt.

Dass Wildenhahn sich stets als Handwerker begriffen hat und die seinem Selbstverständnis entsprechende Biografie gleich mitliefern konnte, hat den 1930 in Bonn Geborenen in Deutschland beliebt gemacht. Sein Vater war ein zum Kaufmann aufgestiegener Tischler, die Mutter Krankenschwester. Sein Publizistik-, Politologie- und Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin brach er 1953 ab, um nach London zu gehen und dort als Abwäscher und Kellner zu jobben. 1959 kehrte er, inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes, nach Deutschland zurück, arbeitete als Packer am Hamburger Bahnhof und als Assistent bei der Produktion von Werbespots. Dabei entstanden erste Ideen für eigene Filme. Zunächst war er für das Fernsehen tätig, vor allem für das NDR-Magazin Panorama, und drehte Reportagen über den Jazz-Organisten James O. Smith und John Cage. Seine politischen Dokumentationen erregten Aufsehen, weil sie mit dem konventionellen TV-Dokumentarstil brachen. Ein 1964 entstandener Film über Parteitage von CDU und SPD wurde wegen seiner irritierend langen Einstellungen nicht ausgestrahlt.

Kein Außenseiter, sondern Prototyp

Dennoch war Klaus Wildenhahn kein Außenseiter, sondern ein Prototypus im bundesdeutschen Fernsehen. Seine Themen und sein ästhetischer Gestus machen ihn zum exemplarischen Zeitgenossen, zum filmhandwerklich routinierten Staatsbürger, der diese Mission auch bei der ästhetischen Arbeit nie vergaß. Sein Film über James O. Smith trug in einer Zeit, als der Jazz in der bundesdeutschen Populärkultur bereits Fuß gefaßt hatte, zu dessen ästhetischer Aufwertung bei; seine Anfang der Achtziger entstandenen Filme zur Geschichte des Bandonions begleiteten den Siegeszug der Weltmusik.

Sein 1987 ausgestrahlter Langfilm Still­legung über die Situation der Hüttenarbeiter im Ruhrgebiet kommentiert den industriellen Umbruch in der Region aus milde gewerkschaftlicher Sicht, sein Hamburg-Zyklus erinnert an die kommunistische Tradition der Stadt, liefert aber auch lokalpatriotisch grundierte Porträts von St. Pauli und der Reeperbahn. All diese Filme sind nun in einer DVD-Box versammelt, die Wildenhahn selbst zu seinem 80. Geburtstag am 19. Juni zusammengestellt hat. Leider gibt es kein Bonus-Material, das Einblick in den Herstellungsprozess gewähren würde, dafür eine „Special“-DVD mit spielfilmhaft angelegten Arbeiten. Weshalb eine Wiederentdeckung Wildenhahns anstünde, vermögen sie nicht zu begründen. Keine seiner Arbeiten ist misslungen, aber alle sind harmlos.

Klaus WildenhahnDokumentarist im Fernsehen. 14 Filme 19651991, Farbe, s/w, 940 Minuten, 5 DVD, Absolut Medien, 69,90

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