Nervous Conditions

Familiendrama In seinem Debütroman erzählt Chigozie Obioma schnell und mitreißend von der Macht der selbsterfüllenden Prophezeiungen
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Momentan scheint die eigene Konzentrationsfähigkeit so stark beansprucht durch die Berlinale, dass die Literatur fast etwas in Vergessenheit zu geraten scheint. Dabei kündigen sich auf dem literarischen Feld in dem noch jungen Jahr tolle Neuentdeckungen an, zum Beispiel der Roman Der dunkle Fluss von Chigozie Obioma, welcher in diesem Februar im Aufbau Verlag erscheint.

Ein neuer Autor

Chigozie Obioma ist eine neue Stimme der weltweit gefeierten nigerianischen Literatur. Er ist jünger als Wole Soyinka, jünger als Chinua Achebe und Buchi Emecheta, er ist jünger als Flora Nwapa, jünger als Ben Okri (der im Januar im Freitag seinen Aufruf an afrikanische Schriftellerinnen und Schriftsteller publiziert hat), er ist jünger als Helon Habila und er ist sogar noch neun Jahre jünger als die von allen geliebte Chimamanda Ngozi Adichie.

Die nigerianische Literatur (wenn man Literaturen behelfsmäßig nach nationalstaatlichen Kategorien klassifizieren möchte) hat viele herausragende Autoren und Autorinnen hervorgebracht und Chigozie Obioma wird zu diesem Pantheon vermutlich bald dazugehören.

Das Ende des Alltags

In seinem Roman schildert der 1986 geborene Autor die Geschichte einer familiären Neurose und die sich daraus scheinbar nahezu unausweichlich ergebende Zerstörung dieser „Urzelle der Gesellschaft“.

Die tragische Handlung setzt 1996 ein, als die bisherige Mittelklassennormalität der Erzählerfamilie (Der Vater liest The Guardian, die Kinder spielen Computerspiele, die Mutter muss die Hausarbeit allein erledigen) einen ersten Bruch erfährt: von einem Tag auf den anderen lässt der Vater sich an einen über tausend Kilometer entfernten Ort im Norden Nigerias versetzen und überlässt den Rest seiner Familie - bis auf einige Wochenendbesuche, die er ab und zu einschiebt - sich selbst.

Ungleichgewicht

Nun beginnt die Entfaltung einer spannenden Dynamik zwischen der um Übersicht ringenden Mutter und den sich abkapselnden Söhnen. Durch ihre Kinder gestresste Eltern werden diesen Roman mit Verständnis und Genugtuung lesen, allerdings endet diese Genugtuung selbstverständlich an dem Moment, als die familiäre Problembehaftetheit in eine familiäre Tragödie umschlägt. Die zunehmende Überforderung der allein verantwortlichen Mutter beschreibt Obioma psychologisch perfekt und es wundert den Lesenden nicht, dass sie es nicht leisten kann, ihre Kinder vor einer Traumatisierung durch den obdachlosen Psychopathen der Stadt zu bewahren.

Dieser spricht den Kindern gegenüber eine Prophezeiung aus, bei der es um Leben und Tod geht. Um an dieser Stelle nicht zu viel zu verraten, sei nur gesagt, dass diese Prophezeiung eine gruppenpsychologische Kraft entwickelt, die in Totschlag, Selbstmord, Flucht und langen Haftstrafen endet. Die sozialen Aufstiegsphantasien, die positiven Wünsche, die vermutlich alle Eltern für das Leben ihrer eigenen Kinder hegen, werden Stück für Stück zunichte gemacht.

Genauigkeit

Das gesamte familiäre Drama erzählt Obioma auf 313 Seiten mit einer Mischung aus Schnelligkeit und psychologischen Detail. Es ist bewundernswert, wie lebensecht und überzeugend seine literarischen Gestalten wirken – geradezu als hätte er sie am Straßenrand sitzend beobachtend studiert.

Die Übersetzung von Nicolai von Schwederschreiner (der auch schon Leonard Cohen übersetzte) ist sehr gut gelungen, weil sie mit originellen sprachlichen Bildern arbeitet, welche die psychologische Gemengelage in dem zunehmend zerrütteten Haushalt wunderbar eindrücklich transportiert.

Über Obioma kann man bislang nur wenige Informationen im Internet finden und sogar der Aufbau Verlag hält sich bei konkreter Nachfrage mit Informationen bedeckt. Dem Buchumschlag ist zu entnehmen, dass Obioma Englisch, Literatur und Kreatives Schreiben auf Zypern und an der University of Michigan studierte. Aber eines lässt sich auf jeden Fall sagen: Obioma ist ein Glücksgriff.

Der dunkle Fluss

Chigozie Obioma

313 Seiten

Aufbau Verlag

00:31 11.02.2015
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